Musikalische Pfeil-und- Bogen-Kilbi

ST. GALLEN. Das Musikfestival Kilbi im Fall bespielte am Wochenende das «Palace» und die Grabenhalle mit einem scheinbar verrückt durchmischten Programm.

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Mbongwana Star. (Bild: pd)

Mbongwana Star. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Das Musikfestival Kilbi im Fall bespielte am Wochenende das «Palace» und die Grabenhalle mit einem scheinbar verrückt durchmischten Programm.

Von Anfang an wickelte einen dieses Festival ein. Jessica Pratt setzte sich vor die Bühne des «Palace» und zupfte auf der Akustikgitarre zwischen Lampenschirmen ihre Balladen. Die New Yorkerin Eartheater sollte danach in der Grabenhalle nicht weniger zerbrechlich auf die Bühne treten, nur um dann alles Elfenhafte mit Stimmenverzerrer und repetitiven Fingerpicking auf der E-Gitarre wieder zu zertrümmern. Daraufhin entzogen Hyperculte aus der Westschweiz ihrem Kontrabass und Schlagzeug einen repetitiven Rhythmus, was schliesslich fast wie Techno klang. Sie bereiteten damit den Boden für einen der Hauptacts des Festivals: Suuns & Jerusalem In My Heart.

«König der Löwen»-Gesang

Sie begannen in der Grabenhalle ihr Konzert mit meditativem Gesang, der wie das Intro im «König der Löwen»-Soundtrack anmutete. Doch diese stimmigen Anfänge taktierten sie mit Synthesizer und Rockgitarren zu düsteren Tonwänden. Rhythmisch nahmen sie damit den Faden von Hyperculte auf, legten aber gestisch nach. Ziemlich religiös mutete dieser Auftritt an: Man konnte sich aber auch einfach die Sohlen glühend tanzen. Dazu bot auch Clark im Anschluss die Hand. Das zweite Mal innert fünf Jahren bedrohte Clark mit seinen Todesschwadronen aus Beats und abgründiger Elektronik ein volles Haus.

Selbstbedienungsladen

Der zweite Abend begann dann etwas vertrackter, aber deswegen nicht weniger begeisternd. Stephen O'Malley rückkoppelte seine Gitarre so stark, bis aus seinen Verstärkerwänden nur noch Krach herauskam. Der Goldacher Pyrit spielte sich mit seinem psychedelischen Pop ins Weltall und zurück. Selvhenter schliesslich sind vier Däninnen mit Posaune, Schlagzeug, Geige und Saxophon. Diese jazzige Anlange verfremdeten die vier Frauen so stark, dass ein undurchdringliches Klangmassiv sich vor einem emporreckte.

Den zweiten Höhepunkt des Abends gaben dann Mbongwana Star aus dem Kongo. Nach all der bedrohlichen Schwere vieler anderer Bands schüttelten sie die Gäste mit ihrem durchweg verspielten Sound aus Kinshasa völlig durch. Wie in einem fröhlichen Selbstbedienungsladen der Musikgeschichte kam hier alles zusammen: Scheppernde Cowbells, wiegende Synthies und brummende Bässe.

So wild durchmischt das Programm der «Kilbi im Fall» anmutete, so rasch verflog dieser Eindruck dank der Programmation. Ein musikalischer Bogen schien übers ganze Programm gespannt wie eine Haselrute. In der Summe von bestechenden Einzelteilen gab das ein Ganzes. Selten gelingt das. Timo Posselt