Gurten-Festival
Zwischen cool und seltsam blutleer

79000 Fans bedeuten einen Besucherrekord – doch grosse musikalische Momente waren eher rar.

Maria Künzli
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Impressionen vom Gurtenfestival 2016
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79 000 Besucher bedeuten Rekord. Und dank Muse war der Donnerstag erstmals ausverkauft.
Reduzierter Pop Boy mit Sängerin Valeska Steiner brachten das Partyvolk zeitweise zum Schweigen.
Ohne Pfupf Die britische Indierockband Bastille um Sänger Dan Smith verbreitete vor allem Schläfrigkeit.
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Impressionen vom Gurtenfestival 2016

Keystone

Damit das Thema gleich abgehakt ist: Ja, es war kalt am Gurtenfestival 2016. Bis am Sonntag. Da wars warm. Geregnet hats nur am Donnerstag, dafür aber ordentlich. Und nun zum Rest, denn es gibt einiges zu berichten. Über Farbcodes, Shows ohne Inhalt und Musik ohne Show. Über starke Schultern und Allerweltsfolk.

Das It-Piece auf dem Gurten waren Schnürsenkel. Nicht an den Schuhen – denn auf den Boden schaut man an einem Festival besser nicht zu genau. Die Schnürsenkel, auf dem Gelände verteilt, trug man gut sichtbar um den Kopf, am Hals, am Handgelenk oder am Rucksack. Grün bedeutet «single», gelb heisst «für alles offen» und orange signalisiert: «ich bin vergeben». Obs was gebracht hat und sich mehr Töpfe und Deckel als in anderen Jahren gefunden haben, ist statistisch nur schwer erfassbar.

Was statistisch sehr wohl belegbar ist: 79 000 Besucher bedeuten einen neuen Festivalrekord. Und: Der Donnerstag war erstmals überhaupt ausverkauft. Und man muss kein Genie sein, um zu wissen: Das war wegen Muse. Die britische Rockband spielte spätabends auf der Hauptbühne und über das Konzert scheiden sich die Geister.

Es war hochprofessioneller Rockbombast mit Attitüde, Blitzlicht und riesigen Ballonen. Die Band um Frontmann Matt Bellamy bretterte Hits wie «Madness» in die Nacht, aber auch Seltenes und Kantigeres. Ja, es war cool, aber auch seltsam blutleer.

Oh, wer flucht denn da?

Wenn wir schon am Nörgeln sind: Es gab viel Mittelmässiges zu hören an diesem Gurtenfestival. Bürolistenrock von Johnossi. Pfadipop von 77 Bombay Street. Animatorgesäusel von John Newman. Dahingeschrammelten Allerwelts-Folkrock von Frank Turner. Letzterer versuchte seinen Liedchen mit Rockattitüde und aufmüpfigen «Fucks» Pfupf zu verleihen. Vergebens.

Pfupf ist auch nicht gerade das, was einem bei Bastille als Erstes in den Sinn kommt. Die britische Indierockband um Sänger Dan Smith verbreitete am frühen Samstagabend vor allem Schläfrigkeit. Die Ansagen dröge, die Stimme gerade in den Balladen dünn und die elektronische Untermalung erinnerte an Handyklingeltöne. Für Gänsehaut sorgten andere.

Passenger zum Beispiel. Der 32-jährige Engländer stand 90 Minuten lang allein mit seiner Gitarre auf der Hauptbühne. Am Freitagabend. Und plötzlich schien alles so einfach: Eine Stimme wie ein heiseres Bergmannli, Songs, die Geschichten erzählen, und eine Präsenz, die Herzen öffnet. Er machte sich «The Sound Of Silence» von Simon & Garfunkel und «Dancing In The Dark» von Bruce Springsteen zu eigen und sang einfach a-cappella weiter, als ihm eine Gitarrensaite riss. Das Publikum seinerseits sang weiter, als Passenger schon längst von der Bühne verschwunden war.

Auch Faber schaffte auf der kleinen Waldbühne Grosses. Der Zürcher Singer/Songwriter, der auf Hochdeutsch singt, hat eine Stimme, die nie zum Nebengeräusch verkommt: Da ist dieses gutturale Beben, diese Wut, diese Verletzlichkeit, eingepackt in rumpelnde Klänge zwischen Leidermacherei und Punk – das sind erwachsene Songs, die greifen, wenn drei Neonfarben nicht mehr ausreichen, um eine Beziehung zu beschreiben.

Travis mit dem Gurtenmoment

Vor der Hauptbühne waren es dieses Jahr keine Schweizer, die kollektives Schwelgen vor der Hauptbühne auslösten, sondern Schotten: Die Band Travis ist trotz neuem Album schon ein bisschen weg vom Fenster. Ihre grosse Zeit hatten Fran Healy und seine Mitmusiker um die Jahrtausendwende, mit Hits wie «Why Does It Always Rain on Me» und «Sing». Am Samstagabend war es Healy selbst, der immer wieder Witze darüber machte, dass seine Band eigentlich niemand mehr kennt. Mit den schwelgerischen Melodien, Selbstironie und charmantem Mitteilungsbedürfnis machte sich Travis den Berg schnell zum Freund. Als der 43-jährige Healy schliesslich einen ganzen Song auf den Schultern eines Gurtenbesuchers sang, hatte er ihn: den Gurtenmoment.

Und die Frauen? Die waren sehr rar in dieser Ausgabe. Leider spielten das Frauenduo Boy und die Sängerin Anna Känzig am Freitagnachmittag ausgerechnet noch gleichzeitig auf der Zelt- und der Waldbühne. Während sich einige Besucher beim Stand eines Chipsherstellers mit Rodeoreiten zum Affen machen, gab es bei Boy ohne Zweifel eine musikalische Goldstunde. Die Zürcher Sängerin Valeska Steiner und die Hamburger Gitarristin Sonja Glass brachten das Partyvolk mit ihren reduzierten Popsongs tatsächlich zeitweise zum Schweigen. Das schien selbst Sonja Glass zu überraschen: Immer wieder legte sie sich als Zeichen der Rührung die Hand aufs Herz. Auch das ein grosser Moment.

Und ja: Am Sonntag war das Wetter toll. Sehr.