Zürcher Kammerorchester
Zürcher Kammerorchester: Vom Nuggi-Konzert bis zur KKL-Silvestergala

Das Zürcher Kammerorchester startete mit Fazil Say in seine abwechslungsreiche Übergangssaison. Der Starpianist hats in den Fingern – und im Kopf.

Christian Berzins
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Bei Fazil Say lebt jeder Ton. HO

Bei Fazil Say lebt jeder Ton. HO

Übergangssaison? Nicht doch! Zwar ist die Legende Roger Norrington nicht mehr Principal Conductor, aber er dirigiert das Zürcher Kammerorchester (ZKO) diese Saison weiterhin. Und auch wenn der Nachfolger, Geigentausendsassa Daniel Hope, erst im Herbst 2016 künstlerischer Leiter wird, tritt er im April bereits mit dem ZKO auf. Ersatz ist ja durchaus da: Der Artiste Residence Fazil Say ist eine so aussergewöhnliche Figur, die mit dem ZKO so sehr auf Du und Du ist, dass an seinen Klavierabenden der verlockende Duft der Ereignishaftigkeit im Tonhalle-Foyer in der Luft liegt.

Unser Favorit aus den diversen ZKO-Konzertreihen sind nach wie vor die Krabbel-Konzerte (für Kinder von 1 bis 3 Jahren), dicht gefolgt von den Nuggi-Konzerten (bis 1 Jahr). Im Kerngeschäft zeigt sich das Zürcher Kammerorchester auch 2015/2016 sehr wendig, immer wieder überraschend. So geht es zum Beispiel diesen Sonntag ins Kunsthaus und spielt dort ein zur Joan-Miro-Ausstellung passendes Programm, an Neujahr begleitet man den Wundertenor Piotr Beczala in einem süffigen Arien-Strauss im KKL Luzern, zuvor spielt man aber auch mit Barockgeiger Giuliano Carmignola in der Zürcher Kirche St. Peter.

Am Dienstag startete das ZKO «zu Hause» in der Tonhalle mit Fazil Say in die Saison. Der Türke zeigte nicht nur, was er in den Fingern, sondern auch, was er im Kopf hat, spielte er doch gleich zwei eigene Werke. Flotte Musik ist das: bald perkussiv-sinnlich (ja, das geht!) wie in seinem 2. Klavierkonzert, bald etwas klischiert aggressiv wie in «Space Jump» für Klavier, Geige und Cello. Gehalt hin oder her: Say ist ein famoser, mitreissender Anwalt seiner Werke. Doch fast noch besser gefiel uns sein Mozartspiel, denn die in den letzten Jahren öfters beobachtete Exzentrik ist nun einer herzhaften Spielfreude gewichen. Jeder Ton lebt: Mal eine Zuspitzung da, mal viel Liebe in ein Motiv dort gelegt, mal eine Verzögerung hier – und fertig ist das Mozartglück. Und wenn er dann in der Kadenz des 3. Satzes das Orchester einbezieht, es mit ihm zusammen atmen lässt, ist eine so unheimliche Spannung erreicht, der heftiger Jubel folgen musste.

Ja, da dachte man daran, wie das gewesen wäre, wenn Say auch gleich Mozarts g-Moll-Sinfonie dirigiert hätte. Zukunftsmusik? So leitet denn halt Konzertmeister Willi Zimmermann seine Mitmusiker. Man spielte vibratoarm, brav nach Vorgabe des grossen Roger Norrington. Doch das Spiel war auch arm an Interaktion. Daran änderte das übertriebene «Ich bin der Chef»-Gehabe von Zimmermann nichts. Das Klangbild war wenig aufgehellt, die Bläser gingen erstaunlicherweise gar unter – ausser sie spielten denn ein Solo: Das taten sie am Donnerstag aber im Gestus «Hört mal her, wie toll das ist!». Überflüssig bei Mozart. Und ja, vielleicht steckt man eben doch in einer Übergangssaison – in einem Auf und Ab.

Nächste ZKO Konzerte (Auswahl): 25. 10. Miro-Konzert, Kunsthaus Zürich; 3. 11. Edita Gruberova; 17. 11., ZKO mit Roger Norrington, beide Tonhalle, Zürich.