Lucerne Festival
Zen-Meister der letzten Nacht

Die Wiener Philharmoniker beschlossen mit zwei Konzerten den diesjährigen Festivalsommer.

Urs Mattenberger
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Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Gustavo Dudamel und Sergey Khatchatryan, Violine.

Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Gustavo Dudamel und Sergey Khatchatryan, Violine.

Peter Fischli / Lucerne Festival

Die erste Nacht wie die letzte gehört am Lucerne Festival jeweils einem Sinfonieorchester. Dazu passt, dass die letzte Nacht jenem Orchester gehört, das wie kaum ein zweites für grosse Orchestertradition steht: den Wiener Philharmonikern, die gestern den Festivalsommer mit einem russischen Programm beschlossen.

Ebenfalls Tradition hat, dass diesem Orchester das Festhalten an alten Zöpfen – wie der gelockerten Beschränkung auf männliche Musiker – vorgeworfen wird. Und das, obwohl es über eine wunderbare, in den Farben der Hölzer noch immer unverwechselbare Klangkultur verfügt, wie die Auftritte am Freitag und Samstag bestätigten.

Anderseits passten der Gastdirigent Gustavo Dudamel (33) und der Geiger Sergey Khatchatryan (29) zum Generationenwechsel, den das Festival-Orchester und die Academy erfolgreich vollzogen. Eine Art Generationenwechsel bei den Wienern also?

Weltklasse mit altem Zopf

Mitnichten! Ein Beispiel für alte Zöpfe bot am Freitag Mozarts Sinfonia Concertante KV 364. Sie blieb weit unter den Ansprüchen des Festivals, und das, obwohl sie seinerseits historisch informierte Ensembles vernachlässigen. Die Wiener setzten sich von solchen demonstrativ ab: Eine grosse Streicherbesetzung mit breitem Strich bot mit orchestereigenem Solistenduo statt feinsinnig dialogisierender Klangrede höchstens robustes Handwerk.

Zu welchen Resultaten der satte, leuchtkräftige Wiener Klang im spätromantischen Repertoire führen kann, zeigte dagegen exemplarisch Jean Sibelius’ zweite Sinfonie. Wie hier über Brüche hinweg Bögen gespannt wurden und klug dosierte Steigerungswellen im weltumarmenden Finale gipfelten, war Weltklasse. In den mit emotionaler Spannung aufgeladenen Gesten fanden beide in eins zusammen: Das Traditionsorchester und der temperamentvolle Dirigent, «unter dem man nicht falsch spielen kann», wie ein Orchestermitglied schwärmt.

Dazwischen bewegte sich das Konzert vom Samstag. Antonin Dvoraks achte Sinfonie schloss zwar bei Sibelius an. Aber der üppige Klang führte hier zu weniger Konturenschärfe und Transparenz. In Beethovens Violinkonzert wurde die romantisierende Grundhaltung nicht nur vom breiten, grossen Orchesterklang geprägt, sondern auch vom zweiten Vertreter der jungen Musikergeneration.

Sergey Khatchatryan, hier als Preisträger des «Credit Suisse Young Artist Awards» auf dem Podium, trotz seiner Leidenschaft für Autos und Autorennen nicht zwei Seelen in seiner Brust, sondern nur eine: nämlich eine melancholische armenische Seele, wie er im Gespräch sagt. Das Wunder war, dass Khatchatryans Spiel Stilfragen vergessen liess. Zu hören war ein Zen-Meister, der sich zu absoluter Ruhe sammelt und aus dieser heraus blitzschnell zum Schlag ausholt. Das tut Khatchatryan mit einer virtuosen Leichtigkeit und forscher Attacke, die doch auch überraschend dramatische Züge annahm.

Live statt Youtube-Lounge

Die Zugaben zeigten, dass solchen Meditationen ein Ysaïe (Sonate d-Moll, dritter Satz) mehr entgegenkommt und dass sie bei Bach (Sarabende d-Moll) live im Saal eindringlicher funktionieren als auf Khatchatryans CD-Einspielung. Entscheidend an der letzten Nacht ist eben auch, dass sie im Konzertsaal stattfindet. Mit diesem Bekenntnis stellte sich der enorm begabte Geiger ganz in die grosse Tradition, für die die Wiener stehen. In digitalen Lounge-Formaten wie «Youtube» könne man sich zwar über klassische Musik informieren, sagt er. Aber das Besondere, das diese Musik ausmacht, könne man da nicht erfahren: «Die Atmosphäre dafür schafft nun mal nur der Konzertsaal».

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