Konzert
«World’s forgotten boy»: Iggy Pop rockt die Baloise Session

Der Urvater des Punk treibt mit Publikum und Veranstaltern an der Baloise Session seine Spässe. Er sieht mir seinen 68 Jahren schon ziemlich verbraucht aus, doch er weiss immer noch, wie man der Menge einheizt. Ein irres Vergnügen.

Hans-Martin Jermann
Merken
Drucken
Teilen
Zum Markenzeichen geworden: Iggy Pops schrumpeliger und dennoch durchtrainierter Oberkörper.

Zum Markenzeichen geworden: Iggy Pops schrumpeliger und dennoch durchtrainierter Oberkörper.

Keystone

Iggy Pop an der Baloise Session: Ist das wieder so ein Konzert eines Altmeisters, der mit abgenudelten Hits das vorwiegend gesetzte Publikum an den Clubtischen einlullt? Die Affiche lässt es befürchten – zählt der 68-Jährige doch zu jener Musikergeneration, deren beste Zeit 30 und mehr Jahre zurückliegt. Im Gegensatz zu so vielen anderen ist James Newell Osterberg – wie er im bürgerlichen Leben heissen würde, gäbe es ein solches – aber nicht altersmilde geworden, wie das bestens unterhaltende Konzert in der Eventhalle der Messe unterstreicht. Iggy bleibt «Raw Power».

Mit «No Fun» legt er los. Die zur Schau gestellte Langeweile will so gar nicht zur Freude des Publikums über das Wiedersehen mit dem «Godfather of Punk» passen. Dann «I Wanna Be Your Dog». Die verzerrten Gitarren schwirren fies, das Schlagzeug hämmert monoton. Texte, für den Kindergeburtstag nicht geeignet, und ein Sound, nicht fürs Kaffeekränzchen erschaffen.

Keinerlei Konzessionen

«Hi, I am Iggy», haucht er charmant – und schiebt «Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck» nach. Da macht einer keinerlei Konzessionen an sein Umfeld. Die düsteren Klassiker der Stooges, Iggys kultiger Proto-Punk-Formation aus den frühen 70ern, kontrastieren herrlich zu «Passenger» und zum optimistischen «Lust for Life», die er nachschiebt. Die Fans sind aus dem Häuschen. Getanzt wird nicht mehr bloss am Bühnenrand, sondern auch an den Clubtischen.

Iggy hat das Set geschickt programmiert: Da haut er dem Publikum doch gleich zu Beginn einige seiner grössten Hits um die Ohren. Ist die Stimmung mal da, kann er sich auch mal Ausflüge in zumindest für das breite Publikum unbekanntere Gefilde leisten. «Five Foot One» von 1979 ist so ein Schmankerl mit (für die damalige Zeit) innovativen Metal-Riffs. Dazu krächzt er «I wish life could be Swedish magazines».

Orang-Utan und Primadonna

Iggy trägt hautenge schwarze Jeans und zumindest zu Beginn eine schwarze Töfflederjacke, die allerdings bald mit Schwung über die Bühne fliegt. Den Grossteil des Konzerts präsentiert Iggy seinen nackten Oberkörper, diese faszinierende Mischung aus Durchtrainiertheit und Mahnmal vergangener Exzesse. Über die Bühne tänzelt der Punk-Opa manchmal wie ein wild gewordener Orang-Utan, dann wieder mit der Anmut einer Primadonna. Die um eine Generation jüngeren Mitmusiker rocken schnörkellos, aber ohne Glanz. Dem Sound mangelt es nicht an Frische und einer gesunden Portion Kompromisslosigkeit, allerdings fehlt der Truppe ein filigraner Techniker, der Iggys Schelmen-Poesie musikalisch Gleichwertiges entgegensetzen könnte.

Festivalchefin Beatrice Stirnimann und Präsident Matthias Müller nutzen die Pause vor dem Zugabenteil, um Iggy den «Lifetime Achievement Award» zu übergeben. Zunächst nervt sich Stirnimann, dass sie wegen nicht abklingender «Iggy»-Rufe keine standesgemässe Ansage halten kann. Das Award-Brimborium ist so kurz und schmerzlos wie skurril: Iggy bedankt sich bei Stirnimann artig mit «Thank you, darling», schmettert den Fans aber darauf «When I get a fucking award, it makes me bored». Eine Steilvorlage zu Pops 1979er-Stück «I’m Bored».

Wirkt Iggy im Mittelteil des Konzerts bisweilen unspektakulär, zeigt er am Ende noch mal allen, wo der Hammer hängt: «I’m a runaway son of the nuclear A-bomb», nölt er in «Search and Destroy», dazu klirren die Gitarren in schrillen Tönen. Dann ist Schluss. Nach einer Grimasse am Bühnenrand ist er verschwunden, «World’s forgotten boy».