Lucerne Festival
Wladimir Putins Geist im KKL

Die Dirigenten Philippe Jordan, Andris Nelsons und Valery Gergiev prägen das Wochenende am Lucerne Festival. Mit Gergiev stand ein Künstler im Zentrum, der sich aktiv hinter dei Politik von Vladimir Putin stellt.

Christian Berzins
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Das Lucerne Festival im KKL.

Das Lucerne Festival im KKL.

Peter Fischli/Lucerne Festival

Es gibt diese Wochen in Luzern nicht wenige Leute, die sich an der Gestik eines Dirigenten stören. Aber wenn wir beim Lucerne Festival schon wieder vom Optischen sprechen, wo es doch um Reize des Ohres gehen sollte: Warum sagt dem lettischen Dirigenten Andris Nelsons niemand, dass sein Sakko viel zu gross ist?

Er dirigierte damit die famosen Konzerte des Lucerne Festival Orchestra und am vergangenen Wochenende zwei mit seinem eigenen Orchester aus Birmingham. Gehört haben wir jenes am Samstag, an dem ein wahres Loch-Ness-Monster einer Sinfonie auf dem Programm stand: Edward Elgars zweite. Noch nie war dieses englische Werk am Lucerne Festival in 76 Jahren Festivalgeschichte aufgeführt worden – und wenn es nicht so bald wieder passiert, ist das auch nicht so schlimm.

Der 36-jährige Nelsons allerdings machte daraus 61 grossartige Minuten. Überdruck? Überakzentuiert? Pathetisch? Quatsch! Da atmete jede Phrase, da waren ungeheure Klangwege auszumachen – und da durften die Holzbläser prächtig frei aufspielen. Hier war ein Dirigent am Werk, der die Sinfonie von A bis Z durchgedacht hatte und nichts dem Zufall, viel aber der Inspiration des Abends überliess. Und glauben Sie uns: Das geht!

Schweizer Dirigententriumph

Fast noch grandioser erlebte man solche Kunst am Freitag, als der 40-jährige Schweizer Dirigent Philippe Jordan mit seinem Orchestre de l’Opéra de Paris im KKL war – für das Opernorchester eine Premiere! Jordans Meisterstück war 103-mal berühmter als die Elgar-Sinfonie, dirigierte er doch Modest Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung» in der Orchesterfassung von Maurice Ravel. Jedem einzelnen «Bild», jeder einzelnen «Promenade» verlieh er einen kaum geahnten Charakter: Voller Schroffheiten und Zuspitzungen, und ausgeschmückt mit wahrlich theatralem Duft, sodass man die unmittelbaren Klavierideen von Mussorgskys allesamt wiedererkannte. Mit Verlaub: Wir haben die «Bilder» noch selten so spannend gehört.

Jordan und Nelsons sind Dirigenten, die Werke analytisch erfassen, aber dann eben doch die Orchestermusiker gestenreich um individuelle Höchstleistungen bitten, sie um süsse Piani anflehen. Kein Wunder, meisterten beide ihre Aufgaben mit den Solisten bestimmt, aber partnerschaftlich.

Nelsons durchpulste mit Rudolf Buchbinder Beethovens 5. Klavierkonzert: aggressiv, wo es möglich war, sanfthimmlisch, wo Beethoven «dolce» oder «pianissimo» schreibt. Jordan zeigte sich in der Schlussszene von Richard Strauss’ «Capriccio» sehr österreichisch dienstbeflissen, liess Sopranistin Anja Harteros Raum, kommentierte aber durchaus klug und aktiv.

In der Zugabe zeigte das Pariser Orchester mit Ravels «Valse» wie zu Beginn urfranzösische Orchesterkunst. Schön, wenn Orchester sich auf ihre ureigenen Traditionen berufen. Wie unterschiedlich sie sind, wird gerade dadurch wunderbar erkennbar.

Auch das Mariinsky Orchestra aus Petersburg hatte am Sonntagabend ein russisches Hauptwerk im Gepäck – und mit Valery Gergiev einen treuen Staatsdiener als Dirigenten.

Nun dirigierte er Tschaikowskys 6. Sinfonie, die «Pathétique», jenes Werk, das ein Petersburger Orchester auch morgens um 3 Uhr spielen könnte – im Schlaf oder im Wachtraum. Die Luzerner Aufführung war kein Traum. Der elegische Beginn und die Weiten des Finales waren zwar herrlich klangverliebt schwärmend, aber auch recht undifferenziert. Und im Finale des heiklen 3. Satzes griff wenig ineinander, da krachte es vor allem: Wie raffiniert, dass doch Andris Nelsons 2010 im selben Saal dirigiert hatte.

Unterstützung für Putin

Aber vielleicht dachte Gergiev im KKL ja weniger an Peter Tschaikowsky, als vielmehr an die 2600 Toten im Ukraine-Krieg, an Vladimirs Putins Grossmachtsworte vom Wochenende und an jene, die er im Frühling mit seinem Namen unterschrieben hatte: «In den Tagen, in denen sich das Schicksal der Krim und unserer Landsleute entscheidet, können die Kulturschaffenden Russlands nicht gleichgültige, kaltherzige Beobachter sein. Unsere gemeinsame Geschichte und gemeinsamen Wurzeln, unsere Kultur und ihre geistigen Ursprünge, unsere Grundwerte und Sprache haben uns auf immer vereint. Wir wollen, dass die Gemeinschaft unserer Völker und unserer Kulturen eine starke Zukunft hat. Deshalb erklären wir felsenfest, dass wir die Position des Präsidenten der Russischen Föderation zur Ukraine und der Krim unterstützen.»

Jubel gabs zum Schluss, derweil wir schon im Zug nach Zürich sassen. Wir schaffen es einfach nicht, Kunst und Politik so champagnervergnügt zu trennen wie die Mehrheit der Festspielgäste (und die anwesenden Gergiev-Freunde wie Verbiers Festival-Intendant Martin Engstroem). Zum Thema empfehlen wir Fritz Trümpis weit über Wien hinaus für Aufsehen sorgendes Buch «Politisierte Orchester. Die Wiener Philharmoniker und das Berliner Philharmonische Orchester im Nationalsozialismus».

Russischer Klavierkünstler

PS: Der 23-jährige Daniil Trifonov spielte vor der Pause Chopins 2. Klavierkonzert so überlegen, dass es fast unheimlich war: süss, schwärmerisch, aber ganz ohne schweres Pathos. Und obwohl er sich immer wieder klug zurückhielt, nichts Unnötiges auftrug, war dieses Spiel strahlend. Ein archaischer Akt, wie er nur im Konzertsaal zu erleben ist. An jedem der drei Abende sassen 1800 Menschen im KKL – suchten diese Unmittelbarkeit. Und keine Angst (oder vielleicht doch?): Es geht in Luzern noch fast 14 Tage weiter. Heute Abend mit den Berliner Philharmonikern, am Donnerstag schon mit dem Concertgebouw Orchester Amsterdam ... Sie wissen schon: Es gibt noch Karten.