Klassik
Wettinger Kammerkonzerte starten in die letzte Saison – danach wird fusioniert

Die Wettinger Kammerkonzerte (WKK) starten am 27. Oktober in die 69. Saison – es ist die letzte. Danach wird mit den Wettinger Sommerkonzerten fusioniert.

Elisabeth Feller
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Cristoforo Spagnuolo ist Intendant der langjährigen Kammermusikreihe.

Cristoforo Spagnuolo ist Intendant der langjährigen Kammermusikreihe.

Chris Iseli/ AZ

Wie hat bloss alles begonnen mit der zunächst als Wettinger Musikfreunde, später als Wettinger Kammerkonzerte (WKK) über den Kanton Aargau hinaus gerühmten Reihe? Nun, dem Wettinger Apotheker Walter Sigrist, leidenschaftlicher Klassikliebhaber und Pianist, kam vor Jahrzehnten einfach «etwas in den Sinn».

Den Anstoss gab ein Konzertflügel. Als Ende der Vierzigerjahre das neue Schulhaus Altenburg in Wettingen in Betrieb genommen wurde, stand im Singsaal ein Bechstein-Konzertflügel. «Wir, das waren einige Studentinnen, Studenten und Lehrer», sagt Walter Sigrist, «befanden: Dieses wunderbare Konzertinstrument muss für Aufführungen der Schule und von Vereinen unbedingt erhalten bleiben.» Zum Üben fehlte jedoch ein Klavier. Deswegen soll ein Benefizkonzert einen Teil der Kosten für ein solches Instrument einbringen. Am 9. Oktober 1949 musiziert eine Gruppe junger Musikenthusiasten zu diesem Anlass erstmals im Musiksaal Altenburg – damit schlägt die Geburtsstunde der Wettinger Musikfreunde.

Überregionale Ausstrahlung

Von da an entwickelt sich eine Kammermusikreihe, die vieles auszeichnet: die regionale Verankerung und die überregionale Ausstrahlung sowie die Engagements von nationalen und internationalen, zum Teil erst am Beginn einer grossen Karriere stehenden Solisten und Ensembles. Wer will sie alle aufzählen, die vielen Musikerinnen und Musiker? Einige wenige sollen stellvertretend erwähnt sein: der Pianist Peter Serkin, der als 19-Jähriger erstmals in Wettingen spielt, das Hagen Quartett; der Countertenor Andreas Scholl, die Cellistin Sol Gabetta sowie die Geigerinnen Viktoria Mullova und Patricia Kopatchinskaja. In jüngerer Zeit hat der letzte künstlerische Leiter der WKK, Cristoforo Spagnuolo, das Publikum mit Entdeckungen wie zum Beispiel der Sängerin Christina Daletska, der Geigerin Francesca Dego, dem Cellisten Jérôme Pernoo oder der Aargauer Komponistin Stephanie Haensler überrascht.

Ob sie alle wohl ebenfalls wie ehemals das Melos Quartett jene Frage gestellt haben, die zum geflügelten WKK-Wort wurde: «Wann spielen wir wieder in Wettingen?»? Ein Satz, der Zeugnis ablegt für die Wertschätzung einer Konzertreihe, die auch unter Walter Sigrists Nachfolgern Philipp Zimmermann und Hans Joerg Zumsteg, Käthi Kupper und Hans-Ulrich Sauser, Walter Labhart, Michael Schneider und Cristoforo Spagnuolo einem ungeschriebenen Motto verpflichtet ist: «Bei uns wird alles gespielt»; intelligente, unterhaltsame, gedankenschwere, erlesene und bearbeitete Musik.

Nach Umzügen vom Schulhaus Altenburg ins Margeläcker und 2016 in die Aula des Klosters Wettingen wird der 69. Zyklus nun der letzte sein: Die Wettinger Kammerkonzerte wollen mit den Wettinger Sommerkonzerten (WeSO) fusionieren. Weshalb? Klagen will Cristoforo Spagnuolo nicht, er stellt einfach fest: «Die klassische Musik ist nicht mehr Teil der Lebenswirklichkeit der Menschen.» Kammermusik-Konzerte unterm Jahr würden im Gegensatz zu Festivals immer weniger besucht, «da sich viele Menschen heute nicht mehr auf fixe Daten festlegen wollen», überdies sei der Abonnenten-Stamm der WKK eingebrochen.

Dabei hat sich das WKK-Team nicht nur vom örtlichen Wechsel in die «atmosphärisch attraktivere» Kloster-Aula («wir haben in Wettingen ja keine geeigneten Konzertsäle»), sondern auch von den durch Gespräche aufgelockerten Konzerten einiges versprochen. «Unser primäres Ziel war, die Künstler nicht nur als Musiker, sondern als reflektierende Wesen, die ihre Leidenschaft auch in Worte fassen, vorzustellen.» Die ideale Form hierfür, so Spagnuolo, habe man allerdings noch nicht gefunden. Will man an ihnen festhalten, wird man sie vielleicht nach der Fusion mit den WeSO neu entdecken.

Kompetenzzentrum der Stimme

Konkrete Pläne gibt es vorderhand nicht, doch in Umrissen ist erkennbar, wohin der künftige Weg führen könnte: «Das Vokale wird das zentrale und in dieser Exklusivität kantonsweit einzigartige Thema sein. Und zwar im weitesten Sinne des Wortes. Jedenfalls soll, wenn überhaupt, in der Nachfolge der WKK etwas Grosses, sozusagen ein Kompetenzzentrum der menschlichen Stimme entstehen.» Nachgedacht wird auch über eine stilistische Öffnung. So könnte anstelle des bisherigen, fünfteiligen WKK-Zyklus «ein konzentriertes Musik-Wochenende unter Einbezug des gesamten Kloster-Areals treten».

Zuvor steht aber der 69. WKK-Zyklus an, der mit einem Solokonzert des Pianisten André Desponds beginnen und mit dem Duoabend von Chouchane Siranossian (Barockvioline) und Jos van Immerseel (Cembalo) enden wird. Danach ist Schluss. Genau dann will man der herausragenden Kammermusikreihe unbedingt das widmen, was der Cellist Claude Starck einst nach einem WKK-Konzert auf das Programmheft geschrieben hat: «Amical Souvenir».

Wettinger Kammerkonzerte Ab 27. Oktober. Infos www.w-kk.ch