Klassik
Wenn Bachs Musik von Tomek Kakczynski weitergedacht wird

Tomek Kolczynski schuf in der Gare du Nord in Basel mit «Bach & Recomposed» einen spannungsvollen Abend. Er hat sechs Sonaten für Cembalo und Geigen klanglich leicht oder stark verfremdet neu erklingen lassen.

Nikolaus Cybinski
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Tomek Kolczynski präsentiert in Basel «Bach & Recomposed»

Tomek Kolczynski präsentiert in Basel «Bach & Recomposed»

HO

Bach «weiterzukomponieren» ist ein Risiko. Wem da nichts wirklich «Unerhörtes» einfällt, der hat verloren. Ebenso verloren hat, wer handwerklich nicht alle Möglichkeiten seines Metiers meistert. Doch das Wagnis reizt, im Schatz Bachs zu graben. Dieses Wagnis geht der 1973 in Danzig geborene Tomek Kolczynski ein. Er studierte von 1997 bis 2002 in Basel Audiodesign bei Wolfgang Heiniger und freie Improvisation bei Alfred Zimmerlin und Fred Frith an der Hochschule für Musik Basel.

Derart geschult, wagte sich Kolczynski an Bach heran, um ihn mit seinen elektronisch erzeugten Klängen «to recompose». Daraus machten er, die Pianistin Tamar Halperin, der Geiger Etienne Abelin und der Klangregisseur Amadis Brugnoni in der Gare du Nord ein eineinhalbstündiges spannendes Konzert. Kolczynski hat neun Sätze der Sechs Sonaten für Cembalo und Geige (BWV 1014–1019) ausgewählt, die er im Original (auf einem Steinway und einer modernen Geige) spielen lässt, um sich attacca an die Musik «anzuhängen» und sie klanglich leicht oder stark verfremdet neu erklingen zu lassen.

Verfremdete Klangerlebnisse

Aber es geht ihm nicht nur um neue Klänge, ebenso werden Themenfragmente als Puzzleteile eingesetzt, die eher nebenbei eine neue kompositorische Struktur ergeben. Auffällig war, dass sieben der neun Sätze langsame waren und nur zwei schnelle. Diese Auswahl erlaubt es Kolczynski, die rekomponierte Musik vor allem als ruhige, verfremdete Klangerlebnisse vorzuführen.

Kolczynski zeigt eine glückliche Hand darin, den verinnerlichten Charakter der langsamen Sätze in seiner Version nicht zu beschädigen. Selbst, wenn er in den tiefen Bässen den Rhythmus pointiert, hat man als Hörer den Eindruck, dass er Bach wirklich weiterdenkt und nicht darauf aus ist, sich auf dessen Kosten effektvoll in Szene zu setzen. Es gibt Phasen, da kann seine Rekomposition kurzfristig «schwächeln». Doch das sind Ausnahmen; der rekomponierte Bach bleibt immer in der geistigen Nähe des Alten – dies, ohne ihn «auszuschlachten».

Dieser Hörbefund gilt auch für die «Baustelle»: Tamar Halperins Improvisation über ein Tempo di Minuetto der 5. Partita (BWV 829) mit Kolczynski als begleitendem Percussionisten. Halperin und Abelin erweisen sich als ein genau aufeinander hörendes Duo, das dank des schönen Anschlagspiels der Pianistin und der zurückgenommenen, gelegentlich intimen Tonbildung des Geigers klarmachte, wie reich der Schatz des alten Bach ist.

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