Lucerne Festival
Vorbei ist bloss der Sommer

Die Dirigenten Mariss Jansons und Christian Thielemann sowie Komponist Dieter Ammann prägten das Wochenende. Nun startet die letzte Festivalwoche - Höhepunkt und Finale soll der Auftritt der Wiener Philharnoniker werden.

Christian Berzins
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Dirigent Mariss Jansons (Archiv)

Dirigent Mariss Jansons (Archiv)

Keystone

Nix ist vorbei, wie die «NZZ» am Freitag den jammernden Nornen gleich verkündete. Das Luzerner Richard-Wagner-Abenteuer dauert auch nach dem Ende des umjubelten «Ring des Nibelungen» an, ja, das Publikum erlebte dank Christian Thielemann und seiner Sächsischen Staatskapelle Dresden eine Wagner-Lehrstunde, die auf die Tradition baute und doch von der Persönlichkeit eines überragenden Dirigenten geprägt war. Mag Schriftsteller Marcel Proust behaupten, dass Sicherheit allen Freuden Abbruch tue: Thielemann bewies das Gegenteil.

Packte der «Ring» mit seinen Ecken und Kanten und trotz seiner Unberechenbarkeit, erlebte man mit Thielemann einen durch und durch ausdirigierten, perfekt vorbereiteten Wagner: Dessen Musik glänzte breit, strahlte kühn – und triumphierte. Wie Thielemann die Register seiner Staatskapelle schichtete, wie er die Bläser etwa im «Lohengrin»-Vorspiel hell leuchten oder in der «Tannhäuser»-Ouvertüre gar jubeln liess und dennoch jedes Detail in den hinreissenden Streichern hörbar machte, war exzellent.

Schade, agierte in Thielemanns Wagner-Häppchen-Konzert bloss ein Sänger – dafür wars ein Wagner-Schwergewicht mit leicht hellem Tenor, der keinen Fortissimo-Ausbruch fürchtet: Johan Botha meisterte Rienzis Gebet, die Grals- und die Rom-Erzählung aus «Lohengrin» beziehungsweise «Tannhäuser» spielend. Obwohl durchaus um Akzente bemüht, ist Botha aber nicht der Geschichtenerzähler: Die Textbedeutung schwebt seltsam unbeachtet an ihm vorbei, er glänzt vielmehr durch unendliche Bögen und eben: Mühelos, wo andere nur noch Stimmarbeit betreiben.

Kaum war am Freitag um 22 Uhr die Zugabe verklungen, sassen wir nach kurzer Nacht schon wieder im KKL. Dieses Festival ist dermassen prall gefüllt, dass der Musikfreund kaum anders kann, als in Luzern sein Lager aufzuschlagen.

Das grossartig vorbereitete Lucerne Festival Academy Orchestra – Studenten, die in Luzern lernen, Neue Musik zu dirigieren und zu spielen (siehe Ausgabe vom Donnerstag) – führte Werke von Pierre Boulez und zwei Uraufführungen auf. Im Mittelpunkt stand allerdings die Schweizer Erstaufführung des Violinkonzerts «unbalanced instability» von Dieter Ammann (*1961). 23 Minuten zum Jubeln – die Geigerwelt wird noch davon hören. Denn wer behauptet, Ammann habe ein Orchesterwerk mit obligater Geige geschrieben, verkennt die Kraft des Soloinstruments. Es stimmt zwar, dass sich die Geige bestens ins viel beschäftigte Orchester einfügt, aber sie triumphiert auch über diese Einheit. Wenn die überragende Carolin Widmann das Konzert dem nächsten grossen, vielleicht etwas eigensinnigeren Geiger übergibt, wird man das wohl noch deutlicher merken – Intention des Komponisten hin oder her. Dieses Konzert ist so mitreissend und dicht, dass sich bestimmt jeder grosse Geiger damit beschäftigen will.

14 Uhr wars, als wir aus dem KKL traten und in die Sommersonne blinzelten, 19.30 Uhr kündigte sich draussen der Herbst an und wir sassen wieder im Saal. Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zeigten, zu welch wunderbarer Symbiose die zehn Jahre des gemeinsamen Zusammenseins geführt haben.

In Beethovens 4. Klavierkonzert umgarnte man Artiste Etoile Mitsuko Uchida so innig, dass die Feinseligkeit der Japanerin nicht schöner hätte blühen können. Héctor Berliozs «Sinfonie fantastique» wurde danach zu einer Feier der Orchesterpotenz in allen ihren Facetten.

Vorbei nun das Lucerne Festival? Das Programm prahlt noch mit dem Auftritt Anne-Sophie Mutters, der Petersburger Philharmoniker, des Philharmonia London . . . und zu guter Letzt gar der Wiener Philharmoniker mit Lorin. Es ist noch lange nicht Sonntagnacht. Aber dann ist es unweigerlich vorbei.