Anna Netrebko
Vom Popstar zur Diva: Wie sich der grösste lebende Opernstar wandelt

Anna Netrebko hat sich gewandelt. Ein Augenschein am Sommernachtskonzert in Schönbrunn.

Anna Kardos aus Wien
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Der Netrebko-Faktor wirkt – Opernstar Anna Netrebko am Wiener Sommernachtskonzert.Starpix/APA/Keystone

Der Netrebko-Faktor wirkt – Opernstar Anna Netrebko am Wiener Sommernachtskonzert.Starpix/APA/Keystone

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Sie kam, sang und siegte. «Io sono l’umile ancella» («Ich bin eine niedere Dienerin») von Francesco Cilea. Ausgerechnet Dienerin, ein glatter Witz. Denn gehüllt in diese Stimme, so undienerhaft strahlend, grosszügig, und mit edlem Timbre wurde die Arie des Italieners durch die Interpretation in höhere Sphären gehoben, während sie auf einer wunderbaren Klangwelle weit, weit hinaus in den Park von Schloss Schönbrunn hallte.

Die Folge? Hunderttausend strahlende Gesichter. Nämlich all jener, die in gigantischen Massen und Stunden vor dem Konzert herbeigeströmt waren, um sie singen zu hören: Anna Netrebko, die Königin der Klassik alias der wohl grösste lebende Opernstar alias die Stimme des Jahrhunderts alias das Supermodel unter den Opernsängerinnen, wie sie unter anderem schon genannt wurde.

Flankiert wurde der Sopranstar an diesem Sommernachtskonzert vom Weltklasse-Orchester der Wiener Philharmoniker und vom Dirigenten Waleri Gergijew, der wegen unverhohlener Putin-Verehrung und Homophobie sein Image an die Wand gefahren hatte. Doch an diesem Abend musste Gergijew nicht reden, sondern dirigieren – und das kann der Mann bestens, weshalb die Besetzung insgesamt höchst erfreulich klang: Angefangen mit Rossinis «Wilhelm Tell»-Ouvertüre, die mit Wiener Raffinesse statt helvetischer Urchigkeit glänzte, bis hin zu Prokofjews «Romeo und Julia», wo die Geigen den Schmelz ganz schnell wieder ablegten – und gegen Ecken und Kanten tauschten.

Mädchenhafte Urgewalt

Aber alles Orchesterspiel konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wer hier der eigentliche Star des Abends war: Anna Netrebko. Als die Russin 1998 an den Salzburger Festspielen aufgetaucht war, hatte ein Beben die Opernwelt erschüttert. Klar, Primadonne assolute und Sopranstars erster Güte hatte es immer schon gegeben. Man denke nur an die legendäre Maria Callas, Monserrat Caballé, Mirella Freni oder Jessye Norman, all jene Soprane, denen die Welt zu Füssen lag – während sie selbst statisch auf ihren eigenen stillstanden, ihre wallenden Gewänder ausbreiteten und aus ihren voluminösen Oberkörpern himmlische Töne hervorzauberten.

Doch Anna Netrebko aus Krasnodar war anders. Quirlig, beweglich, eine Urgewalt auf der Bühne, die bei ihren Auftritten ein «me» ganz ohne «too» propagierte, tanzend, liegend, rücklings singend – oh, wie sie sang! – und sich in ihre Rolle fallen liess, ohne Sicherheitsnetz. Und der «Netrebko-Faktor», der bei allem, was sie sang, zum Einsatz kam, umfasste noch mehr. Unter anderem, dass die Sängerin blendend aussah, was ihr den Zusatz «Supermodel der Oper» einfuhr. Und ihre Stimme erst! Mit leuchtendem Timbre, leichter Beweglichkeit und einer mühelosen Sauberkeit. Sogar stupende Technik schien für die Sopranistin eine natürliche Form von Höflichkeit gegenüber dem Publikum zu sein, betonte sie doch wiederholt: «Ich möchte, dass sich die Leute gut fühlen».

Sie war, was sie sang

Und das Publikum fühlte sich prächtig. Endlich musste es in der Oper nicht mehr von der optischen Erscheinung abstrahieren, da Netrebko all jene jungen Frauen tatsächlich war, die sie gerade sang: Die vergnügungsdurstige Manon, die verliebte Gilda, die heimlich verführte Donna Anna.

Stürme tragen gerne Frauennamen wie Katrina oder Friederike, und der Sturm, der um die Jahrtausendwende durch die Opernwelt fegte, trug den Namen Anna. Er wirbelte die Neugierde vieler auf – und hin zur Oper. Die schillernde Welt der höchsten Töne wurde einem jüngeren Publikum zugänglich. Denn bewegte sich Netrebko auch im ständigen Blitzlichtgewitter auf den rotesten Teppichen der Welt, so schien sie doch ein wenig eine von ihnen zu sein: Sie interessierte sich für Highheels von Louboutin, Taschen von Prada und vor allem für Liebe, Liebe, Liebe. Auch sagte sie Sachen wie: «Ich bin unglaublich faul und übe nur zehn Minuten am Tag» oder: «Diese Musik ist derart schön. Es ist ein grosses Vergnügen, das zu singen.» Dem Anschein nach eine oberflächliche Aussage – am Sommernachtskonzert in Schönbrunn konnte man erleben, was La Netrebko damit meinte.

Etwa in Puccinis Arie der Tosca «Vissi d’arte, vissi d’amore» («Ich lebte für die Kunst, ich lebte für die Liebe»). Die für sich genommen schon ein Höhepunkt des Abends war. Weil Netrebkos Stimme die Hörer mit ihrem Schmelz, mit einer neu gewonnenen Tiefe («Ich bin froh um jedes Kilo mehr auf der Waage. Es hilft mir, diesen Sound hervorzubringen», so der Sopranstar) und intensivem Vibrato einlullte. Aber auch, weil das Bekenntnis der Opernfigur Tosca («Ich lebte für die Kunst, ich lebte für die Liebe») ebenso ein Bekenntnis von Anna Netrebko sein könnte.

Der Netrebko-Faktor wirkt

Schliesslich wirkt er noch immer ungebrochen, der Netrebko-Faktor. Und das, obwohl von der einst quirligen Russin, die das Bühnengeschehen mit mädchenhafter Urgewalt bezwang, beim Auftritt am Sommernachtskonzert nicht mehr viel zu spüren ist. Unwillkürlich fühlt man sich bei Netrebkos Auftritt an ihre grossen Vorgänger-Diven erinnert, von denen sie sich am Anfang ihrer Laufbahn so erfrischend abgesetzt hatte.

Wie böse. Und womöglich ungerecht? Schliesslich musste die Sängerin in Schönbrunn statt für 1000 Hörer für 100 000 Menschen singen; mit Stimme und Statur statt der rund 35 Meter Distanz eines Opernhaus-Saals in Schönbrunn 186 Hektaren Fläche füllen (verstärkt durch Mikrofone). Da kann man ihrer weiten, weissen Robe mit integrierter Federboa förmlich danken, dass sie die Sopranistin mit blossem Auge so gut erkennbar machte.

Und so lag an diesem Sommerabend die Welt Anna Netrebko zu Füssen, während sie ihr wallendes Gewand ausbreitete und aus ihrem voluminösen Oberkörper himmlische Töne hervorzauberte.