Neues Album
US-Rapper Kanye West taumelt mit neuem Album zwischen Genie und Wahnsinn

Verstörende Elektronik, unentwegtes Rumpeln und Pulsieren: Der umstrittene US-Musiker Kanye West mag es auch auf seinem neusten Album «Yeezus» extravagant. Die 40 Album-Minuten sind atemlos und punkig.

Rudolf Amstutz
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Hypnotischer Anziehungskraft, napoleonische Verhaltensstörung: Kanye West. Matt Sayles/KEYSTONE

Hypnotischer Anziehungskraft, napoleonische Verhaltensstörung: Kanye West. Matt Sayles/KEYSTONE

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«A monster about to come alive again», hört man Kanye West in «On Sight», dem ersten Track seines neuen, sechsten Albums «Yeezus» sagen. Dieses Versprechen lässt er allerdings erst verlauten, nachdem dem Hörer dies längst klar geworden ist, wird er doch ohne Vorwarnung mit einer knallharten, kompromisslosen elektronisch verzerrten Klangwand begrüsst, die sich West vom französischen Duo Daft Punk hat bauen lassen.

Während deren jüngstes Album «Random Access Memories» eine Abkehr von der technoiden Haltung ist, und mit Eleganz und Klasse dem Hörer ein sommerlich groovendes Vergnügen beschert, werkeln Daft Punk auf vier der insgesamt zehn Songs von «Yeezus» im Auftrag eines Schocktherapeuten.

Sein letztes Album «My Beautiful Dark Twisted Fantasy» war zwar auch ein Monster, aber von ganz anderer Bauart. Damals errichtete er seinem grenzenlosen Ego eine musikalische Kathedrale, üppig und bombastisch, in jeder Sekunde mehr überbordend; Imax statt Cinemascope, oder wie Amerikaner dies gerne nennen: «Size matters».

«Yeezus» hat nichts mit seinem Vorgänger gemein: Hier kommt nun das Ego kalt gepresst, kondensiert auf die Grösse eines schwarzen Lochs dem Publikum im Schnellfeuerverfahren um die Ohren geflogen.

Mit Hip-Hop hat das nur noch bedingt zu tun. Die Stakkati, die verstörende Elektronik, das unentwegte Rumpeln und Pulsieren, die ganze Atemlosigkeit, mit der die 40 Minuten ohne Pause durchexerziert werden, erinnert in seiner Haltung an Punk und in seiner Umsetzung an Industrial. Suicide, Ministry oder Nine Inch Nails sind «Yeezus» näher als alles, das Kanye West in seiner eigenen Diskografie vorzuweisen hat.

Nachdem ein wie ein Fremdkörper wirkender Sample eines Gospelchores verkündet «You will get what you need, and it’s maybe not what you want», ist einem klar: Hier wird einem nichts geschenkt. Hat man sich allerdings einmal an die Dunkelheit dieses von Produzent Rick Rubin reduzierten Klangraumes gewöhnt, ist es schwer, sich dessen hypnotischer Anziehungskraft zu widersetzen.

So eindrücklich konsequent sich dieses Album musikalisch jeder Kommerzialität verweigert, so ambivalent ist dessen Inhalt.

West, der der «New York Times» kürzlich in einem Interview klargemacht hat, dass es in der Musik nichts vergleichbar Grosses wie ihn gäbe und dass er sich selbst als Visionär in der Tradition von Steve Jobs, Walt Disney und Howard Hughes sieht, versucht sich auf «Yeezus» als neuer Verkünder einer afroamerikanischen Identität, die in den USA bereits für einiges Kopfschütteln gesorgt hat.

Dass er, der laut «Times»-Interview die Antworten auf alle Fragen parat hält, in einem Song verkündet «Ich bin ein Gott» mag sich mit seiner napoleonischen Verhaltensstörung noch erklären.

Dass er aber dann im musikalisch eindrücklichsten Track «Blood On The Leaves» Nina Simones Version von «Strange Fruit» missbraucht, ist doch mehr als blosse Provokation. Ist im Original von den an den Bäumen hängenden Opfern von Lynchmorden die Rede, steht die «fremde Frucht» bei ihm für die weisse Frau, mit der er ein Stelldichein hat.

Vielleicht hat Kanye West dabei an seine Gefährtin Kim Kardashian gedacht, die als Reality-TV-Star das Banale verkörpert und dank seiner «göttlichen Güte» Teil von etwas Grösserem geworden ist. Genie und Wahnsinn, sie liegen bei «Yeezus» so nah beieinander, dass ein genialer Schachzug von einem dummen Einfall kaum zu unterscheiden ist.

Es gab dies auch schon früher, dass symbolisch aufgeladene Bilder durch Banalisierung wieder zur Kunst erhoben wurden: Als Andy Warhol begann, den elektrischen Stuhl auf bunten Gemälden passend zum Wohnzimmer abzubilden, hat die Welt auch den Kopf geschüttelt. Deshalb gilt: Man sollte Kanye West nicht aus den Augen lassen.

Kanye West Yeezus. Def Jam/Universal.

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