Stimmen-Festival
Travis besingen Regen in seiner schönsten Form

Zu Unrecht geringgeschätzt: Travis begeistern am Stimmen-Festival auf dem Arlesheimer Domplatz mit druckvollem Brit-Rock.

Hans-Martin Jermann
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Seinen grössten Hit, «Why Does It Always Rain on Me», spielte Travis-Sänger Fran Healy (Mitte) erst als Zugabe.

Seinen grössten Hit, «Why Does It Always Rain on Me», spielte Travis-Sänger Fran Healy (Mitte) erst als Zugabe.

Juri Junkov

Travis? Ja, das sind die: «Why Does It Always Rain on Me». Nicht vergessen, aber 15 Jahre nach ihrem grössten Hit doch eher gering geschätzt. Kein One-Record-Wonder zwar – gemeint wäre das superbe 99er-Album «The Man Who», aber doch nicht ganz up to date. Der zwischen melancholisch und optimistisch pendelnde Wohlfühl-Britpop des Quartetts aus Glasgow löst in der Szene Nasenrümpfen aus, wird er doch von manchem Shopping-Center-Manager dazu genutzt, die Kauflust seiner Kunden zu animieren.

Die Erwartungen ans Konzert sind also nicht astronomisch, viele sind an diesem warmen Sommerabend auch einfach da, um in der prächtigen Kulisse des barocken Arlesheimer Doms etwas Musik zu hören, ein Bier zu trinken oder ein Gasparini Zolli-Cornet zu schlecken. Und noch was zur Location: Dass die Verantwortlichen des Lörracher «Stimmen»-Festivals ein Konzert-Wochenende an diesem Aussenposten im Baselbiet abhalten, ist ein weiteres Indiz für die bereits in den vergangenen Jahren spürbare Tendenz, «Stimmen» als gesamtregionale, Grenzen überschreitende Marke zu verankern. Angesichts der Tatsache, dass in der Stadt niemand ein Sommerfestival mit überregionaler Ausstrahlung auf die Beine bringt, sind diese Bemühungen umso höher einzustufen. «Stimmen» hat 2016 seinen Status als regionale Nummer eins der Festivals eindrücklich untermauert.

Behäbig auf CD, druckvoll live

Und dann stehen die vier Schotten auf der Bühne: Sänger und Bandleader Fran Healy, eben erst 43 geworden, ist zuletzt optisch überraschend gealtert: grauer Vollbart, hohe Stirnglatze, die langen Haare zurückgebunden. Seine Begleiter Dougie Payne (Bass), Andy Dunlop (Gitarre und Banjo) und Neil Primrose (Drums): Bluejeans, Lederjacke, kumpelhaft wirkende Durchschnittsvierziger vom Pub um die Ecke. Das Konzert beginnt dann alles andere als Altherren-mässig mit «Everything at once», einem treibenden Rockstück ab dem gleichnamigen neuen Album. Dann das verträumte «Sing», bereits einer der grossen Travis-Hits.

Manch ein Konzertbesucher horcht auf: Da ist keine abgehalfterte Combo am Werk, die aus ihren grössten Erfolgen noch etwas Kapital schlagen will. Die neuen Songs wirken nicht pro forma in ein «Best of»-Set reingewürgt, sie haben Klasse und Druck, wie «Animals» beweist: Im Stakkato peitscht die Rhythmus-Sektion um Payne und Primrose an, darüber flirrt Healys Organ. Die Rhythmen sind simpel gehalten, die Präzision ist aber eine Wucht. Und was für ein grossartiges Songwriting! Nicht umsonst hat Coldplay-Chef Chris Martin bereits vor Jahren betont, er sei ein «Fran Healy für Arme».

Klingen Travis auf Platte oft etwas gar fein abgestimmt und behäbig – böse Zungen nennen es Fahrstuhlmusik – können sie live ihre Herkunft als Pub-Rock-Band kaum leugnen. Auf Streicher, die auf CD bei etlichen Stücken zu hören sind, und sonstigen Schnickschnack wird verzichtet. Gut so: In der klassischen Viererbesetzung kommt die Qualität der Songs am besten zum Tragen. Das hoffnungsvolle «Turn» (ab dem erwähnten 99er-Album «The Man Who») ist so ein Stück, dem der durch schwere Gitarrenriffs geprägte Live-Sound zusätzliche Dramatik verleiht. Die Halbwissenden im Publikum staunen. Diese Band bietet ja so viel mehr als den einen grossen Song, der dann im Zugabenteil das Konzert abrundet. Er wäre nicht mal zwingend gewesen. «Why does it always rain on me, is it because I lied when I was 17?» Nun, bis zum Konzertende bleibt es trocken, später nachts giesst es aber wie aus Kübeln.

Weshalb nicht im Stadion?

Nach diesem beglückenden Schluss bleibt eine Frage offen: Weshalb spielen diese vier Schotten hier auf dem Domplatz in fast schon intimem Rahmen vor einer knapp vierstelligen Zahl Unentwegter – und nicht wie die erwähnten Coldplay, wie Oasis oder Muse in den grossen Stadien dieser Welt? Das Mysterium nach einem Abend, der weit mehr als bloss nett gewesen ist.

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