Das andere Interview
«Terror, Hunger und Armut sind in vielen Opern ein Thema»

Andreas Homoki hatte als Nachfolger von Alexander Perreira als Opernhaus-Direktor in Zürich zunächst einen schweren Stand. Seine Art Oper zu präsentieren findet inzwischen immer mehr Anhänger.

Andreas Schaffner
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Zu Besuch beim Opernhaus-Direktor: Wirtschaftschef Andreas Schaffner (r.) kommt im Anzug. Er trifft auf Andreas Homoki, der lässig im Jeanshemd posiert.

Zu Besuch beim Opernhaus-Direktor: Wirtschaftschef Andreas Schaffner (r.) kommt im Anzug. Er trifft auf Andreas Homoki, der lässig im Jeanshemd posiert.

Mario Heller

Ich treffe mich mit Andreas Homoki in seinem Büro in Zürich, im sogenannten «Fleischkäse». So wird opernhausintern der rosarote Anbau genannt, in dem die Verwaltung untergebracht wird.

Das andere Interview

In den Festtageswochen veröffentlicht die «Nordwestschweiz» eine Serie spezieller Interviews. Spezialisten der Redaktion befragen bekannte Persönlichkeiten aus ihnen eigentlich fremden Bereichen. Der Opernspezialist trifft auf den Eishockeytrainer. Der Sportchef spricht mit der Tatort-Kommissarin. Die Kunstexpertin will von der Bundespräsidentin wissen, in welchen Situationen sie gerne ein Mann wäre ... Entstanden sind acht etwas andere Interviews.

Christoph Marthaler probt auf der Bühne mit seiner Truppe «Il viaggio a Reims». Das Stück hatte am 6. Dezember Premiere. Der Opernhaus-Direktor tritt auf in Jeanshemd und schwarzen Jeans. Und sofort merke ich: Der Mann ist sympathisch. Das ist keine einfache Ausgangslage für ein Interview. Ich versuche es mit einer Provokation.

Herr Homoki, wieso braucht es heute ein Opernhaus, das mehr als 80 Millionen Subventionen erhält?

Andreas Homoki: In Zeiten zunehmender Beschleunigung, Digitalisierung und virtueller Darbietungen ob im Kino, Fernsehen oder Internet ist die Oper einer der wenigen Orte, an dem Menschen zusammenkommen, um etwas live zu erleben, etwas, das eben nur hier und jetzt zu erleben ist. Ein fast magischer Ort, an dem ich, wenn es gut gemacht ist, emotional berührt und zum Nachdenken gebracht werde wie nirgendwo sonst. Wie gesagt: Wenn es gut gemacht ist.

Der Opernhaus- direktor und der Wirtschafts-Chef

Andreas Homoki (55) studierte in Berlin Schulmusik und Germanistik. 2002 wurde der Sohn von Exil-Ungarn Chefregisseur der Komischen Oper Berlin und war ab 2004 auch deren Intendant. Im Sommer 2012 löste Homoki Alexander Pereira als Intendant des Opernhauses Zürich ab. Das Zürcher Opernhaus hat aus finanzieller Sicht eine erfolgreiche Saison 2014/15 hinter sich. Im kommenden Jahr steht allerdings Sparen auf dem Programm. Ein Stellenabbau ist nicht geplant.
Homoki ist mit einer Opernsängerin verheiratet und hat einen Sohn im Teenager-Alter.

Andreas Schaffner (44) hat nach dem Studium und dem Nachdiplom Journalismus am MAZ in Luzern bei der Zeitung «Cash» angefangen. Später wechselte er zum Schweizer Fernsehen, wo er nach Stationen bei «Kassensturz», «Eco» und «10vor10» Dokumentarfilme (etwa über den Rohstoffhandel) drehte. Seit Februar ist er Ressortleiter der Wirtschaftsredaktion der «Nordwestschweiz». Schaffner ist verheiratet und hat zwei Kinder im Teenager-Alter.

Geht es also wirklich nicht billiger?

Wenn pro Abend oft über 70 Darsteller auf der Bühne, 70 Musiker im Orchester und 50 Menschen hinter der Bühne vor einem Publikum von 1100 Zuschauern etwas live produzieren, kann das heutzutage finanziell nicht mehr aufgehen. Die Konsequenz kann aber nicht sein, Oper nur noch als Überlieferung auf CD oder DVD erlebbar zu machen und damit unser kulturelles Erbe auf den Müll zu kippen. Die Oper als Kunstform lässt sich nicht in ein Museum stellen wie eine Skulptur, sie bedarf der lebendigen Aufführung, sonst bleibt sie nichts weiter als bedrucktes Notenpapier. Oper ist die vielleicht komplexeste Kunstform überhaupt.

Sie war auch nie billig, sondern zu allen Zeiten von Fürsten und Königen finanziert ...

Ja. Mir ist wichtig zu zeigen, dass die Werke, die wir spielen, uns auch heute noch etwas zu sagen haben. Die Subventionen ermöglichen uns, die Aufführungen auch Menschen mit kleinerem Geldbeutel zugänglich zu machen.

Ich lese aus Ihren Antworten: Nein, billiger geht es nicht.

Vielleicht billiger, aber dann nicht in der gleichen Qualität und Vielfalt. Es gibt Formen von Musiktheater, die auch heute noch ökonomisch funktionieren und sogar fette Gewinne abwerfen.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie das kommerzielle Musical: Dort werden zunächst die Darsteller- und Instrumental-Ensembles extrem klein gehalten, um die laufenden Kosten pro Abend niedrig zu halten. Grosse Oper können Sie so nicht spielen. Als Folge des ökonomischen Drucks müssen darüber hinaus die Produktionskosten so schnell wie möglich amortisiert werden, das heisst, ein Titel wird – Erfolg vorausgesetzt – nach Erreichen der Gewinnzone so lange wie möglich gespielt, oft über Jahre und Jahrzehnte. Die Folge ist eine Verknappung des Angebots. Gehen Sie heute an den Broadway in New York oder ans Londoner Westend: Bei der Fülle von Theatern herrscht auf den ersten Blick eine unglaubliche Vielfalt. Kommen Sie zwei Jahre später wieder zurück, werden Sie feststellen, dass immer noch die gleichen Stücke gespielt werden. Echte Vielfalt sieht anders aus.

Wie sind Sie eigentlich persönlich zur Oper gekommen?

Ich stamme zwar aus einer Musikerfamilie und wurde früh an die Oper herangeführt, war aber als Jugendlicher alles andere als ein Opern-Fan, vor allem aufgrund unglaubwürdiger Inszenierungen. Später habe ich über Umwege wie das Musical und eigenes Theaterspielen gemerkt, dass ich Talent zum Inszenieren habe und dass ich über Oper eine Auseinandersetzung mit Inhalten und musikalischen Formen haben kann, wie ich sie beim Musical oder Sprechtheater niemals hätte.

Das Problem ist doch, dass Oper oft nur für einen Insider-Kreis gemacht wird.

Ich lege Wert darauf, dass so etwas bei uns nicht stattfindet, und mag gar nicht, wenn es heisst «Achtung: Hochkultur! Strengt Euch als Zuschauer bitte mal mehr an!» Ich habe eine solche Haltung nicht nur immer abgelehnt, sondern ich habe im Gegenteil schon als Intendant der Komischen Oper Berlin von Anfang an versucht, das Publikum zu erweitern und neue Zuschauer für die Oper zu gewinnen. Das ist bei mir in Fleisch und Blut übergegangen. Und ich glaube, auch hier in Zürich sind wir in den vergangenen Jahren ein gutes Stück weitergekommen.

Die Ironie beim Ganzen ist doch: Verdi-Opern sind heute etwas für arrivierte Bildungsbürger. Ursprünglich waren die Opern von Skandalen geprägt, sie haben die Menschenmassen bewegt. Wo sind die Skandale heute? Wo ist die Oper über den Terror, den Hunger, die Armut, den Datenklau, die NSA?

Zunächst einmal tut Oper nichts anderes, als Geschichten auf die Bühne zu bringen, die uns durch die Kraft der Musik nähergebracht werden und uns bewegen sollen. Im 19. Jahrhundert erreichte die Oper den Gipfel ihrer Verbreitung und konnte so durchaus zum Sprachrohr politischer Utopien mit entsprechendem gesellschaftlichen Sprengstoff werden – die Opern Verdis und Wagners sind dafür sicher gute Beispiele. Tagesaktuell waren sie aber nie. Es kann in der Oper wie im Theater generell immer nur um die Beschreibung zeitloser Probleme gehen – auch wenn sie tagespolitisch aufgefasst werden können. Terror, Hunger und Armut sind daher seit je in sehr vielen Opern thematisiert.

Nicht alle sind dafür zu begeistern?

Leider reagieren nicht wenige selbst ernannte Gralshüter der Oper immer noch empfindlich, wenn die «politische Brisanz» eines Werkes durch eine Neu-Inszenierung sichtbar gemacht wird und sie ihren «Kunstgenuss» getrübt sehen. Damit muss ich als Macher klarkommen. Aber an eine neue Oper, die sich konkret mit der NSA und Datenklau befasst, hat sich tatsächlich noch niemand herangetraut – aus guten Gründen, denn das Resultat dürfte mit ziemlicher Sicherheit recht banal ausfallen.

Was sagt uns eine Oper über das Leben? Etwa eine Oper wie Wozzeck, die Sie – mit grossen Erfolg – inszeniert haben?

Es kann in der Oper noch mehr als im Sprechtheater immer nur um die grossen Fragen gehen. Beispielsweise um das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Ein Thema, das uns immer neu beschäftigt und immer wieder berührt. Die Oper Wozzeck, die auf dem Theaterstück von Georg Büchner beruht, ist ein Fanal für die Freiheit des Menschen und ein Requiem um die Entrechteten dieser Welt. Kann es etwas Aktuelleres und gleichzeitig Zeitloseres geben?

Freiheit, in Zeiten des aufgeflammten Terrors in Europa – eine hochaktuelle Problematik.

Als Künstler können wir dem Terror nichts anderes entgegensetzen, als unsere künstlerische Arbeit noch radikaler und leidenschaftlicher auszuüben als bisher schon.

Zürich war ursprünglich kein theaterfreundlicher Ort. Es war in den vergangenen Jahrhunderten sogar verboten. Wie erleben Sie heute das Publikum in Zürich? Immerhin kamen Sie als Nachfolger des hochgelobten Alexander Perreira.

Die Erwartungshaltung war sicher gross – und es gab im Vorfeld sicher auch Skepsis. Ich persönlich erlebe die Zürcher im Grossen und Ganzen aber als sehr aufgeschlossen und begeisterungsfähig. Sie sind «ihrer» Oper treu und sie nehmen Anteil.

Die Damen und Herren der Goldküste haben sich am Anfang geziert und ihren Pereira vermisst.

Dass sie ihn vielleicht vermisst haben, ist doch völlig in Ordnung, er hat das Opernhaus schliesslich über 20 Jahre hinweg erfolgreich geprägt. Aber geziert? Nein. Ich spüre gerade von vermögenden Menschen nach dem Wechsel ein nach wie vor starkes auch finanzielles Engagement, da sprechen unsere Sponsoring-Zahlen eine klare Sprache. Das betrifft nicht nur unsere Gross-Sponsoren, sondern auch sehr viele private Gönner mit kleineren Beträgen. Das ist für mich auch typisch Schweiz und das berührt mich sehr.

Ein Beispiel?

Ja. Wenn ich Sponsoren zu einer Vorstellung einlade, dann kommt meist die Antwort: «Ich komme gerne, aber ich möchte für die Karte auch bezahlen.» Das ist in Deutschland nicht immer so. Dort lässt man sich gern hofieren, indem man sich einladen lässt.

Ein Thema in der Öffentlichkeit ist auch das Sponsoring. Ihr Vorgänger hat ja auch einen Teil seiner persönlichen Einnahmen daran geknüpft.

Der grösste Teil des Budgets kommt zwar vom Kanton, aber Alexander hat früh erkannt, dass das Geld aus dem Sponsoring die Sahnehaube sein kann. Es ermöglicht uns, eine Klasse besser zu sein. Aber ein erfolgreiches Sponsoring bedarf der ständigen Pflege. Wir haben zwar einige langfristige Verträge wie mit unseren Partnern UBS und CS. Doch darüber hinaus erhalten wir auch viele Einzelbeträge, die von Jahr zu Jahr variieren können. Das mag in der Gesamtsumme stabil wirken, beinhaltet aber viel Bewegung. Bei den Kleinen wie den Grossen ist der persönliche Kontakt daher von entscheidender Bedeutung.

Und Ihr eigener Lohn hängt nicht davon ab? Keine Kommissionen?

Null. Das war von Anfang an kein Thema.

Ich habe einen Blick in die Bilanz geworfen und war erstaunt: Es ist ja nicht so, dass Sie mit Ihrem neuen Stil nicht erfolgreich sind. Im Gegenteil. Das System Homoki greift auch ökonomisch. Im letzten Jahr haben Sie 407000 Franken Gewinn gemacht. Müssen Sie den Erfolg absichtlich verschweigen?

In der Schweiz gibt man sich gern bescheiden, das habe ich schnell gelernt, und bei einem Eigenfinanzierungsgrad von knapp 40 Prozent besteht ein ständiges Risiko, durch unvorhergesehene Einnahmerückgänge in die roten Zahlen zu rutschen. Da ist man gut beraten, mit Erfolgen nicht herumzuprotzen. Tatsächlich sind wir mit dem wirtschaftlichen Ergebnis der letzten Spielzeit sehr zufrieden, sowohl in der Oper als auch im Ballett. Auch die laufende Spielzeit hat gut begonnen. Aber ich bin lange genug am Theater, um zu wissen, dass dazu immer auch etwas Glück gehört. Ich freue mich an den Zahlen, weil sie zeigen, dass neues Publikum hinzugewonnen werden konnte. Schliesslich war «Öffnung» eines der wichtigen Themen meines Antritts als Intendant.

Sie grenzen sich von Ihrem Vorgänger auch hier deutlich ab. Wie haben Sie die erste Zeit in der Schweiz erlebt als Deutscher, der von aussen kommt und vieles anders machen möchte?

Bei den weitaus meisten Dingen, die ich im Betrieb verändern wollte, hatte ich das Glück, offene Türen einzurennen. Darüber hinaus haben mir meine hiesigen Freunde früh geraten, nicht das Klischee des besserwisserischen Deutschen zu bedienen. Insgesamt habe ich den Übergang als sehr bereichernd erlebt. Auch privat und in meiner unmittelbaren Nachbarschaft gab es kaum Probleme. Ich fand es sogar eher einfacher als in einer vergleichbaren deutschen Stadt. Die Schweizer stellen sich gern verschlossener dar, als sie in Wirklichkeit sind – so macht man hier viel schneller Duzis als in Deutschland.

Und Ihre Familie? Erlebte sie das auch so positiv ?

Man braucht immer Zeit, das ist klar. Man vermisst die alten Freunde, und unser Sohn musste sich im Schweizer Gymnasium neu zurechtfinden. Ich habe aber das Gefühl, sehr freundlich aufgenommen worden zu sein. Mein Sohn ist ausgesprochen gut angekommen, er hat letztes Jahr sogar eine Nebenrolle in einer Folge vom «Bestatter» gespielt.

Sie haben kein Gefühl von Enge in der Schweiz?

Man wird insgesamt stärker beobachtet – zumal als neuer Opernhauschef. Sitzt er in seiner Loge? Hat er eine Krawatte an? Das wird bis in die Klatschspalten hinein thematisiert. In Berlin interessiert so etwas keinen Menschen.

Nun stehen Budgetdiskussionen an. Ab 2016 erhalten Sie zwei Prozent weniger Subventionen und die Sparbeiträge an die Pensionskasse werden erhöht. Was sagen Sie dazu?

Ich sehe das nicht als generellen Angriff oder Kritik an unserer Arbeit, im Gegenteil. Man erwartet einfach, dass auch die Oper ihren Beitrag zu den notwendigen Sparmassnahmen des Kantons leistet. Wir müssen sehen, wie wir damit klarkommen.

Lobbyieren Sie nun hinter den Kulissen, damit Sie mehr Subventionen erhalten?

Man muss immer versuchen, mit den politischen Entscheidungsträgern im Gespräch zu bleiben und klarzumachen, worum es geht. Ich kann nicht von jedem Politiker erwarten, ein Opern-Experte zu sein.

Ein Opernhausdirektor, der Erfolg hat, ist international begehrt. Wie lange wollen Sie eigentlich in Zürich bleiben?

Wohin sollte man nach Zürich noch wechseln? Gar keine einfache Frage. Mein neuer Vertrag geht bis Sommer 2022, so lange würde ich auf alle Fälle gerne bleiben.

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