Hirzenberg Festival
Sternschnuppen-Gucken mit den Ohren

Das Hirzenberg-Festival in Zofingen kontert die aufkommenden Windböen mit prächtiger Musik

Christian Berzins
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Idylle im Stadtsaal Zofingen? Durchaus! Konzentration? Noch mehr! Michael Flückiger

Idylle im Stadtsaal Zofingen? Durchaus! Konzentration? Noch mehr! Michael Flückiger

Dreifach Pech. Da nützte alles Bitten und Beten zu Petrus nichts: dreimal Regen an drei Festivaltagen. Als Ouvertüre brauste am Donnerstag, 19.05 Uhr ein so starker Windstoss apokalyptisch brachial über Zofingen hinweg, dass das nette Städtchen in Angst und Schrecken geriet: Im idyllischen Garten des Stadtsaales wurde alles alles von den Tischen gefegt.

«Welcher idyllische Garten im Stadtsaal?», werden nun jene Zofinger, sich hinter dem Ohr kratzend, fragen, die Yolanda Senn-Ammann nicht kennen. Die Präsidentin des Vereins Hirzenberg hat den Garten mitsamt Wasserbecken hergezaubert. Schliesslich soll auch ohne das prächtige Anwesen Hirzenberg das Hirzenberg-Festival weiterleben.

Das Rätsel eines Festivals

Künstlerisch tut es das unter der Leitung von Komponist Dieter Ammann zweifellos, erlebt man unter dem Thema Familienbande erneut überaus anspruchsvolle Kammerkonzerte, durch die aber doch ein kühlendes Lüftchen Leichtigkeit schwebt. Warum das gerade hier so locker geht, warum gerade hier das Publikum auch einem Alban Berg intensiv lauscht, bleibt rätselhaft, betont aber den ureigenen, beneidenswerten Charakter dieses Festivals.

«Menage à trois» war die Eröffnung überschrieben: Die Geschwister Hölscher – Franziska die Geigerin, Florian der Pianist – trafen auf den Klarinettisten Wenzel Fuchs. Zum ersten Mal. Das war beglückend, zeigte aber auch, wo nach zwei Tagen des Probens die Grenzen der Vertrautheit liegen. Trotz derselben Gene hörte man auch bei den Geschwistern unterschiedliche musikalische Temperamente.

Ravels G-Dur-Sonate ist durchtränkt mit jazzigen Elementen, sie «hat den Blues». Das liess uns aber nur die Geigerin spüren: Sie hatte den Mut, ihren Pizzicati etwas Archaik zu geben, es auch mal mit Bedacht krachen zu lassen. Aber rundum blieb auch hier der Strich sattweich, durchaus die Zartheit und Brüchigkeit, die französisch-impressionistische Seite dieser Musik betonend: So erhielt die Sonate farbenreiche Duftnoten, aber keine Form. Lass mal los, spiel einfach – Spielen in einem naiven Sinn –, wollte man dem Pianisten Florian Hölscher zuraunen. Doch er war bedacht, seiner Schwester den idealen Teppich zu legen.

Welch hochkarätige Musiker immer wieder nach Zofingen kommen, zeigte sich, als Wenzel Fuchs mit den Geschwistern das Adagio aus dem Kammerkonzert von Alban Berg spielte. Hier, wo die feinsten Regungen schon zu grob sein können, zauberte der Klarinettist zusammen mit den Hölschers eine Nocturne-Stimmung herbei, dass man keinen Garten und Sternschnuppen rundum mehr brauchte. Fuchs ist ein Klarinetten-Lyriker, haucht bisweilen auch nur noch die Töne und geniesst sie dann vollmundig, wie er in Brahms’ f-Moll-Sonate auftrumpfend vorführte. In Béla Bartóks «Kontraste» steckte er mit seiner Spiellust Franziska Hölscher an, auch mal einen Abstrich schlenzen zu lassen.

Am Samstagabend wandert Cellist Thomas Demenga mit Schülern – seiner «big, happy family» – durch ein sehr buntes Programm. Und danach, Hirzenberg-Habitués wissen es, herrscht bei diesem Festival noch lange keine Stille. Die Sternschnuppen sind dann überall.

Samstag, 15.8., 20 Uhr, Solo per due, Stadtsaal Zofingen.