Klassik
Sopranistin Sylvia Nopper: «Mir ist das Träumen abhandengekommen»

Die Sopranistin Sylvia Nopper präsentiert ihr neues Programm erstmals in Aarau im Rahmen von «Gong» - ein Liederabend, der auch zeitgenössische Werke beinhaltet.

Christian Berzins
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Sylvia Nopper. HO

Sylvia Nopper. HO

Sylvia Nopper, Gottfried Keller kam auf der Suche in den Schäumen auf «verschollene Träume». Was brachte Sie auf diese «Träume»?

Sylvia Nopper: «Ich such’ in den Schäumen/Weiss selbst nicht, wonach? / Verschollenes Träumen/Wird in mir wach» – genau diese sehr vagen Verse aus Kellers Gedicht in der Vertonung von Hermann Suter haben mir den konkreten Ansatz zu meinem Projekt geliefert, sie sind Dreh- und Angelpunkt für meine Liedauswahl geworden. Aber da gab es viele weitere Textzeilen, an denen ich gedanklich immer wieder hängen geblieben bin. In diesen Texten verknüpft sich für mich die Thematik der Sehnsucht mit jener der Heimat. Wo finden wir Erfüllung, gar Erlösung, um den Begriff absichtlich zu überhöhen. Und wieder etwas bescheidener fragte ich mich: Was braucht es, um anzukommen, bleiben zu wollen, zufrieden zu sein, sich wohlzufühlen?

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Arkadien, Elision, Schlaraffenland? Jede Zeit hatte ihre fiktiven Orte der Sehnsucht und Idyllen. Doch ans Paradies glauben wir alle schon lange nicht mehr. Wo aber gibt es heute noch Raum für Hoffnungen und Träume? Und was genau ist das, diese Sehnsucht nach einer heilen Welt, die wir zwar alle mehr oder weniger bewusst in uns verspüren, von der wir jedoch wissen, dass sie nie erfüllt wird, nie erfüllt werden kann? Mir fällt es immer schwerer, sie zuzulassen. Vor lauter Realismus und Pragmatismus ist mir tatsächlich das Träumen abhandengekommen.

Ihr Liederabend führt in die Schweiz, gar in den Aargau, und spielt mit Heimatgefühlen. Zeigt er Ihren persönlichen Heimatbegriff?

Dieser Liederabend ist entstanden aus der Beschäftigung mit den Spannungsfeldern zwischen meiner Muttersprache, dem Alemannischen, und der zweiten mir gleichermassen vertrauten Sprache, dem Hochdeutschen. 2003 hatte ich auf Einladung von Gong Aarau Lieder verschiedener Komponisten nach Texten von Aargauer Dichtern und Dichterinnen gesungen, die mir vorgeschlagen wurden. Dieses Singen in einem alemannischen Dialekt hatte mich damals dermassen berührt und begeistert, dass ich nicht umhin kam, mir zu überlegen, warum dem so war. Ich musste mir eingestehen, dass ich heimatverbundener war, als ich es sein wollte, dass das internationale Konzertleben mich nur beglücken konnte, weil es einen Ort gab, an dem ich mich zu Hause fühlte, an den ich zurückkehren konnte. Diese starke Verbundenheit mit meiner Muttersprache war für mich überraschend. Doch ich bemerkte, wie sehr damit auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt verbunden war. Und wie stark dieser Begriff der Heimat in mir gleichgesetzt war mit Idylle.

Sie singen Lieder, die an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert komponiert wurden – und solche aus der Gegenwart. Hören wir von Komponist zu Komponist die Verbindungen, die Bögen – oder erkennen wir sie lesend in den Versen von Dichter zu Dichter?

Weder noch, denn ich habe nicht nach Gemeinsamkeiten gesucht, sondern nach möglichst verschiedenen Standpunkten. Bei Werner Wehrli oder Paul Hindemith wird sowohl mit der Musik als auch mit Texten im Schweizer Dialekt eine heile Welt dargestellt, die zwar Probleme wie zum Beispiel unerhörte Liebe thematisiert, doch der Zuhörer wird dabei niemals eine existenzielle Bedrohung spüren. Ganz anders bei den zeitgenössischen Kompositionen von Daniel Fueter und Alfred Zimmerlin. Man erlebt hier zum Teil eine Verzweiflung, die nicht unter den Tisch gefegt, nicht künstlerisch aufgelöst werden kann und will. Zwischen diesen Extremen bewegen sich alle weiteren Stücke des Programms.

Sie singen schweizerdeutsche, rätoromanische und hochdeutsche Lieder: eine gewaltige Herausforderung, da doch jeder seine Sprache besonders gut verstehen will!

Ich habe einerseits nicht den Anspruch, die Schweizer Dialekte und schon gar nicht das Rätoromanische in Perfektion zu sprechen – allerdings gebe ich mir redlich Mühe, es möglichst gut zu machen, habe mir dazu auch Unterstützung geholt von Muttersprachlern. Andererseits erlaube ich mir bei den Liedern im Dialekt, eine nachbarschaftliche Färbung hineinzubringen, um mir die Lieder noch mehr zu eigen zu machen.

Sie singen oft moderne Werke. Hat die Moderne Sie, oder haben Sie irgendwann die Moderne gewählt? Und was braucht es denn, um ein solches Repertoire zu bewältigen?

Was die Neue Musik nicht brauchen kann, ist allzu grosse Eitelkeit. Als Neue-Musik-Interpretin steht man selten im Mittelpunkt, sondern immer mindestens zwei Schritte hinter dem Werk, das man (ur)aufführt. Die Neue Musik hat zwar mich gewählt, und nicht ich sie, aber dennoch war es Liebe auf den ersten Ton. Und nachdem die Kollegen um mich herum das gemerkt hatten, kamen mehr und mehr Anfragen, Gesangskolleginnen hatten mir Stücke abgegeben, um ihre Stimmen nicht strapazieren zu müssen, immer mehr Komponisten schrieben speziell für mich. Dabei wurde gemeinsam ausprobiert, ich durfte meine Lieblingsklänge mit einbringen in die neuen Werke. Es waren herrliche Momente dabei, wo ich beim Brainstorming – oder sollte man hier besser von Voicestorming reden? – Regenmusik mit einem Eimer über den Kopf geploppt habe, mit Wein gurgelnd gesungen oder Ziegenmeckern imitiert habe. Zwischenzeitlich finde ich es aber auch sehr erholsam, ganz «normal» und einfach nur schön zu singen.

Verschollenes Träumen Lieder aus der Schweiz von 1900 bis Heute, Sylvia Nopper, Till Alexander Körber (Klavier), Donnerstag, 14. 2., 20 Uhr, KuK, Saal 2.