Opernhaus Zürich
Sonya Yoncheva – Die „neue Netrebko“ singt endlich in Zürich

Der Unterhaltungsriese Sony möchte aus Sonya Yoncheva die «neue Netrebko» machen. Wegen einer kurzfristigen Absage ist sie ab Samstag endlich in Zürich zu erleben.

Christian Berzins
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Der Unterhaltungsriese Sony möchte aus Sonya Yoncheva die «neue Netrebko» machen. Wegen einer kurzfristigen Absage ist sie ab Samstag endlich in Zürich zu erleben.

Der Unterhaltungsriese Sony möchte aus Sonya Yoncheva die «neue Netrebko» machen. Wegen einer kurzfristigen Absage ist sie ab Samstag endlich in Zürich zu erleben.

Sony Music,DECCA

Das Eingangsportal im trendigen Marais-Quartier ist sehr diskret und doch erhaben. Kaum hat der Türsteher aber aufgeschlossen, reizt süss-herber Lilienduft die Nase, und 180 Zentimeter lange Schönheiten fragen, ob sie behilflich sein können. Gelandet sind wir im Pariser Atelier des Designers Azzedine Alaïa – keine geringere als US-Präsidentengattin Michelle Obama trägt seine Kleider. Einst trug sie auch Greta Garbo.

Wir sehen Stoffe, Roben und Kleidchen, das Stück für 2500 Euro, und sagen: «Zur CD-Präsentation von Sony, s’il vous plaît.» Da geht die nächste Pforte auf und unser Mund nicht mehr zu. Wir stehen in Alaïas Showroom, der mit seiner Galerie und seiner imposanten Höhe an einen Konzertsaal erinnert. «Champagner, Monsieur?» Als wärs die Losung zu einem Schritt in die Vergangenheit, in der die Opernwelt noch gut war und Plattenfirmen massenhaft ihre Produkte verkauften, sagen wir: «Avec plaisir.»

Jetzt oder nie hat sich Sony gesagt und wirft für seinen 33-jährigen Sopranstar alles in die Waagschale. Im Atelier des Stardesigners wird die Antwort auf Anna Netrebko vorgeführt. Soll doch Decca im Sommer mit der 27-jährigen Audrey-Hepburn-Russin Aïda Garifullina kommen: Sony hat jetzt Sonya Yoncheva!

Erstaunlich: Seit zehn Jahren schafft es die Konkurrenz nicht, Netrebko etwas Neues entgegenzusetzen. Nicht mal Sternschnuppen. Wer kurzfristig im Rampenlicht steht, ist im besten Fall eine Cecilia-Bartoli-Epigone oder aber präsentiert ein Konzeptalbum. Doch wer sich fragt, wer von den Jungen einer Netrebko in den Opern des italienischen 19. Jahrhunderts – in Werken von Puccini und Verdi – einst wirklich das Wasser reichen kann, dem fällt niemand ein. Immerhin machen die 44-jährige Diana Damrau und die bald 43-jährige Anja Harteros der Russin etwas Konkurrenz. Den Plattenfirmen allerdings verschliesst sich eine Harteros nach ersten unglücklichen Erfahrungen 2007 bei ... Sony. Sie wollte kein Rädchen in einer Maschinerie sein, sondern hatte eigene Ansprüche.

Sonya Yoncheva macht vorerst mal viel mit, lässt sich auf der Aufnahme klaglos vom unbedeutenden, aber wacker spielenden Orquestra de la Communitat Valencian begleiten. «Paris, mon amour» heisst Yonchevas CD. Trotz populärer Verpackung ist die Aufnahme hoch spannend, denn neben drei italienischen Hits sind darauf Opern-Raritäten aus dem französischen 19. Jahrhundert zu hören.

Schade nur, gibts im Booklet zur Sängerin kein Wort – jede Seite kostet nun mal extra. Zu gern würde man über diese Sopranistin, die eine so ungemein charaktervolle, rubinrote Stimme hat, mehr wissen.

Auch bei der glamourösen CD-Präsentation in Paris verströmt diese Stimme ihren betörenden Duft. Und welch dunkle Trauer in diesen Tönen ruht! Welch Beben! Wie viele Tränen! Eine divenhafte Erhabenheit umschwebt diese Frau in Alaïas Zauberkleid, eine mütterliche Wärme umgibt sie.

Weit entfernt ist diese schöne Erscheinung allerdings von der «rattenscharfen Russin Netrebko» («Stern»), jenem Opernmodel, das vor 13 Jahren den Opernherren den Kopf verdrehte und CDs im sechsstelligen Bereich verkaufte. Daran ändert auch nichts, dass Yoncheva letztes Jahr bei einem Fotoshooting für die US-«Vogue» einen Donna-Karan-Jupe für 2695 Dollar und ein kleines Schwarzes von Simone Rocha für 1950 Dollar trug.

Doch aufgepasst! Yoncheva erinnert durchaus an Netrebko. Vom Aussehen her wie auch durch die herbstfarbene Fülle ihres Soprans mahnt die junge Mutter allerdings an die zehn Jahre ältere Russin von heute. Als merkte Yoncheva , dass ihre Girlie-Jahre bereits vorbei sind, sagt sie in Paris offensiv: «Vor dem Kind war ich ein leichter lyrischer Sopran, nun bin ich ein lyrischer.»

Oder ist sie gar noch mehr als das? Dreht Yoncheva auf, ist da eine Stimmkraft zu spüren, die taumeln macht: ein sogenannter Spintosopran, der Orchesterwogen durchstossen kann. Kein Wunder, hat Yoncheva nun die für Mai in Zürich geplante Koloraturrolle der «Lucia di Lammermoor» abgesagt. «Nachher aber werde ich oft in Zürich singen – übernächste Saison die Manon», verspricht sie uns beim Interview. Doch der Zufall will es, dass ihr Debüt bereits nun ansteht: Anita Hartig musste ihr Rollendebüt als Violetta in „La traviata“ nach sechswöchiger Probenzeit krankheitsbedingt wenige Tage vor der Premiere absagen – Yoncheva springt ein.

Schön für Yoncheva, weil die Schweiz ihre zweite Heimat geworden ist, die Sängerin lebt seit 14 Jahren in Genf. «Die Schweiz gab mir eine Erziehung, eine Ausbildung, ein Gefühl für Tradition und das Wichtigste: Ich lernte, diszipliniert zu sein. Ich bin aus Bulgarien – dort herrscht Chaos.»

Für fünf Jahre ist sie nun ausgebucht. Ihr Ehrgeiz ist riesig. Als im Herbst 2014, einen Monat nach der Geburt ihres Sohnes, ein Anruf aus New York kam, ob sie in einem Monat an der Met die Mimi in Puccinis «La Bohème» singen könne, schaute sie auf ihr Baby im Kinderwagen, zögerte drei Sekunden und antwortete: «Ja!» Im Scherz sagt sie in Paris. «Ich schaffe das alles, weil ich nicht mehr schlafe.»

Erstaunlich und kurios: Sony liebäugelte zuerst mit einer Barock-CD. Jetzt sind alle heilfroh, dass man hoch gepokert und aufs 19. Jahrhundert gesetzt hat. Yoncheva ist nun die Mimi und die Violetta der Metropolitan Opera! Doch als sei auch das nicht genug, sagte New Yorks allmächtiger Operndirektor Peter Gelb: «Meine Hoffnung ist, dass sie einer der grossen Met-Stars wird.»

Ein grosser Satz sei das, sagt sie, eine ernste Miene aufsetzend. «Aber ich habe keine Angst. Man kann sich das schwer vorstellen, aber die Met ist jenes Theater, wo man am einfachsten arbeiten kann. Man vergisst beinahe den Druck, der da herrscht. Das Publikum ist so nett.» Sagts, nimmt einen Schluck Champagner und schiebt sich ein hauchdünn geschnittenes Steinpilzchen auf einem Sesambrötchen in den Mund.

Ihre Karriere weist in den Himmel, und ihr Sohn Matteo wird bald die ersten Wörter sprechen. Geht das zusammen? «Auf den ersten Blick gar nicht. Aber ein Kind gibt einer Frau eine riesige – eine natürliche – Kraft.» Eine Konkurrenz zwischen Karriere und Sohn gäbe es nicht: «Matteo gewinnt immer.»

Nach dem Jubel gibts in Alaïas Atelier Küsschen vom Designer persönlich, Fotos sowie Jakobsmuschel-Carpaccio – und zwischen Stuhl und Bank ein paar Interviews. Deutschlandradio ist da, der Kollege aus Italien, einer aus London. 7 Minuten 30 Sekunden dürfen wir uns mit Yoncheva unterhalten. Zum Dessert singt sie für eine Label-Managerin ein «Happy Birthday» – und rauscht davon. Die 180 Zentimeter langen Empfangsdamen überreichen den Gästen die CD «Paris, mon amour». Nicht mehr aus dem Ohr will uns daraus Verdis «La Traviata» gehen: «Amore! Follie! Gioir!» – Liebe! Wahnsinn! Vergnügen!

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