Musik
So wird man zum Meisterdirigent: Im Aargau profitiert der Nachwuchs aus aller Welt von einer Koryphäe

Den Taktstab richtig einsetzen und ein Orchester ruhig leiten: Der ehemalige Chefdirigent des Aargauer Sinfonieorchesters Douglas Bostock gibt sein Wissen weiter. Wir waren dabei.

Sibylle Ehrismann
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Strenges Auge, gute Schule: Douglas Bostock (links) gibt seinen Schülern Tipps.

Strenges Auge, gute Schule: Douglas Bostock (links) gibt seinen Schülern Tipps.

Alex Spichale

Schwierige Zeiten für das wichtigste Aargauer Orchester, das Argovia Philharmonic. Das letzte Konzert musste kurzfristig abgesagt werden. Ein Lichtblick ist da der Internationale Meisterkurs für Dirigenten im Künstlerhaus Boswil, der diese Woche stattgefunden hat. Hier arbeiten die Musiker in kleiner Formation mit ihrem ehemaligen Chefdirigenten Douglas Bostock.

Diese Master Class ist in den zehn Jahren ihres Bestehens zu einer Institution geworden, die Teilnehmer reisen von weit her an. Das öffentliche Abschlusskonzert vom Freitag findet ebenfalls statt.

Von der Argovia Philharmonic nach Süddeutschland

Wir dürfen dabei sein. Doublas Bostock strahlt wie gewohnt. Er freue sich sehr, nach eineinhalb Jahren seine Orchestermusikerinnen und Orchestermusiker wieder zu sehen, ja er habe das Gefühl, in seinen Heimatkanton zurückzukehren.

Bostock, heute Chefdirigent des renommierten Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim, war fast zwanzig Jahre lang Chefdirigent des Argovia Philharmonic und hat dieses nicht nur zu einem qualitativ guten Orchester geformt, er war mit seiner charmanten Art auch beim Publikum sehr beliebt.

Wippen mit den Knien? Lassen Sie es besser sein!

Auch diesen Meisterkurs leitet Bostock locker und sympathisch, das schafft Vertrauen. Die Anforderungen sind jedoch hoch, das geforderte Repertoire umfasst verschiedene Stile: Aaron Coplands «Appalachian Spring Suite», Antonín Dvoráks «Tschechische Suite» und Mozarts «Haffner»-Sinfonie. Master Classes gibt Bostock in vielen Ländern, unter anderem auch in Japan. Bostock sagt:

Dirigent Douglas Bostock im Innenhof des Lenzburger Restaurants und Hotels Ochsen.

Dirigent Douglas Bostock im Innenhof des Lenzburger Restaurants und Hotels Ochsen.

Zur Verfügung gestellt
Ich schätze die Arbeit mit jüngeren Dirigenten sehr, es macht mir Freude, ihnen meine Erfahrung weiter zu geben.

Von den zehn Kursteilnehmern kommen fünf aus der Schweiz, die andern aus Norwegen, Costa Rica, Frankreich, den Philippinen, Japan und Italien. Ihre Teilnahme hat trotz Coronabeschränkungen geklappt.

Einige von ihnen, wie etwa die Elsässerin Celine Pellmont, kommen aus der Blasmusik, oder sie leiten, wie Jonas Bürgin mit seinen Jungen Zürcher Harmonikern, ein eigenes Orchester. Eine bunte Truppe begabter Nachwuchsdirigenten, man spricht Englisch miteinander.

An diesem Morgen steht Mozarts «Haffner»-Sinfonie auf dem Plan, das Orchester hat es mit acht verschiedene Dirigenten zu tun, jeder hat 20 Minuten Zeit mit dem Orchester. Vor ein Berufsorchester zu treten braucht Mut, die Nervosität ist spürbar gross. «Just relax», entschärft Bostock die Situation, allmählich wird der Dirigent aus der Schweiz lockerer, er wippt gerne mit den Knien mit. Bostock greift korrigierend ein:

Das solltest du dir abgewöhnen, aber das Tempo ist sehr klar, das gefällt mir.

Abwechselnde Dirigenten – die Herausforderung für Musiker

Nun steht der junge Dirigent viel stabiler da, das beruhigt das Orchester. «Der zweite Satz bitte sehr giocoso, und die Zweiten Geigen sind wichtig, bei euch ist die Bewegung, bitte nochmals,» fordert er. Tatsächlich klingt’s nun leichter und witziger, doch die Einsätze sind etwas diffus. Klein und energisch ist hingegen der Schlag des Dirigenten aus den Philippinen. Bostock rät ihm, den Musikern mehr Zeit zum Atmen zu geben – das Resultat hört sich gut an.

In der Pause erklärt Oboist Geri Gloor auf die Frage, wie sich die vielen Wechsel für die Musiker anfühlen: «Es ist enorm spannend, wie unterschiedlich diese Dirigenten sind und auf welch gutem Niveau. Und natürlich ist es wichtig, dass wir vom Orchester auf diese verschiedenen Ansätze reagieren, sodass der Dirigent ein akustisches Feedback bekommt, wenn er etwas Ungewohntes verlangt.»

Douglas Bostock erklärt den Nachwuchsdirigenten gerne ­etwas aus der Optik des Orchesters. So gut und ausgereift die Schlagtechnik des letzten Kandidaten auch ist, er fordert sehr viele Details, schlägt nach wenigen Takten wieder ab, lässt sie nochmals spielen, auch spricht er schnell und erregt. «Du hast viele richtige und wichtige Dinge gesagt,» reagiert Bostock. «Und du dirigierst toll, doch am Schluss spielte das Orchester schlechter als vorher. Versuche, ruhiger zu sprechen, und nicht zu viel auf einmal zu korrigieren. Weniger wäre mehr.»

Voneinander lernen statt einsam vor dem Orchester

Einige der Teilnehmer kommen immer wieder zu Bostock in den Kurs, andere sind neu, das erste Mal mit dabei. Wie hat sich der Meisterkurs in den zehn Jahren entwickelt? «Wir sind zu einer eigentlichen Dirigenten-Familie zusammengewachsen», sagt Bostock.

Dirigenten sind sonst sehr alleine, und oft herrscht ein harter Konkurrenzkampf. Hier fordere ich sie zur Zusammenarbeit auf, man lernt auch voneinander, jeder hat seine Stärken und Schwächen.

Als Douglas Bostock einen jungen Japaner aus Tokyo aufruft, führt er ihn bei den Musikern kurz ein, denn dieser kann kaum Englisch, es besteht eine sprachliche Barriere. Weil er zum ersten Mal vor einem westlichen Berufsorchester steht, ist er scheu, seine Anspannung ist gross. Er hebt den Taktstock und beginnt, ohne auch nur einen Blick in die Partitur zu werfen.

Der Dirigent kennt sie auswendig und dirigiert hoch musikalisch, und er weiss genau, was er will. Bostock lässt ihn einfach machen, damit er sich freidirigieren kann, er gestaltet hoch konzentriert und mit kompakter Energie – unglaublich.

Hinweis: Schlusskonzert mit mehreren Teilnehmern der Master Class: Boswil Alte Kirche; Freitag, 27.November, 19.30Uhr.