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Remember Jon Hendricks! Meilensteine des Jazzgesangs

Stefan Künzli
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Drei Grössen in Montreux: Festival-Gründer Claude Nobs, Quincy Jones und Jon Hendricks (von links) im Jahr 1991.

Drei Grössen in Montreux: Festival-Gründer Claude Nobs, Quincy Jones und Jon Hendricks (von links) im Jahr 1991.

Keystone

2017 ist ein trauriges Jahr für den Jazzgesang, vor allem für den männlichen. Im Februar starb im Alter von 77 Jahren Al Jarreau, der Stimmakrobat, der weit über den Jazz hinaus bekannt war. In seinen besten Zeiten als Popsänger hat er sogar das Hallenstadion in Zürich füllen können. Sein Herz gehörte aber dem Jazz. Seine Virtuosität war atemberaubend und unvergleichlich. Im Klassiker «Take Five» übernahm er die Rolle einer ganzen Band.

Mit Jon Hendricks ist letzte Woche ein Idol und Vorreiter von Al Jarreau gestorben. Der 1921 geborene Sänger war nie so virtuos wie Jarreau, und sein heiserer Tenor besass nicht das schmeichelnde Timbre von Croonern wie Nat «King» Cole oder Frank Sinatra. Für den modernen Jazzgesang war er gleichwohl eine Schlüsselfigur, und sein ausgeprägtes Gespür für das Rhythmische beeinflusste die nachfolgenden Generationen. Noch im Jahr 2000 lieferte er sich mit Kurt Elling, heute wohl der bedeutendste zeitgenössische Jazzsänger, in der legendären Green Mill Bar in Chicago ein begeisterndes Duell. Es ist auf dem Album «Goin’ back to Chicago» verewigt.

Eine Schlüsselfigur war Hendricks auch, weil er die von Eddie Jefferson (1918– 1979) begründete Vocalese-Technik weiterentwickelte. Vocalese ist ein Genre des Jazz-Gesangs, bei dem das Spiel von Instrumenten mit Text versehen und vom Sänger nachgebildet wird. Berühmt ist zum Beispiel die Gesangsversion von Woody Hermans «Four Brothers» sowie das Album «Sing a Song of Basie» von 1957, bei dem er die Bläsersätze für sein Gesangstrio Lambert, Hendricks & Ross vokalisierte. Jon Hendricks war der absolute Meister in diesem Fach, der Jazzdichter. Als solcher inspirierte er vor allem auch den Sänger Mark Murphy, der vor zwei Jahren verstarb, sowie das Gesangsquartett Manhattan Transfer, mit dem er intensiv zusammenarbeitete.

Ein Schüler von Hendricks war Stimmakrobat Bobby McFerrin. «Es wird mich Jahre kosten, die Wege, die er mir aufgezeigt hat, auszuloten», sagte McFerrin einmal über seinen Lehrer. Im letzten Jahr musste er seine Europa-Tour wegen Borreliose-Erkrankung absagen. Jetzt hat der 67-Jährige sein Comeback angekündigt, das ihn auch nach Basel (1. Mai 2018) führen wird. Im nächsten Jahr kann er das grosse Erbe von Jon Hendricks weiterführen.

Al Jarreau: Take Five (1976)

Kurt Elling feat. Jon Hendricks: Goin’ back to Chicago

Eddie Jefferson: So What

Lambert, Hendricks & Ross: Four Brothers

Lambert, Hendricks & Ross with the Count Basie Orchestra: Avenue C (1959)

Jon Hendricks & The Manhattan Transfer: Airegin (1991)

Mark Murphy: Stolen Moments

Bobby McFerrin: Blackbird

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