Überraschungen
Rapper und musikalische Komödianten am Boswiler Sommer

Gestern überraschten spezielle Gäste die Festivalbesucher am Boswiler Sommer – erfreulich erfrischend war die Show des Schweizer Rappers Knackeboul.

Christian Berzins
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Knackeboul heizt die Crowd in der Kirche ein.Yannis Claude Christ

Knackeboul heizt die Crowd in der Kirche ein.Yannis Claude Christ

Yannis Claude Christ

Die Boswiler Familie, ihre eingeladenen Festival Artists, die Stammgäste: Alle waren sie am ersten Festivalsamstag im und ums Künstlerhaus zugegen, am Arbeiten, am Hören, am Plaudern, am Essen, am Trinken – am Sichvergnügen. Selbst die Kälte konnte aus dem Festivalzelt verbannt werden, wo das Lenzburger «Krone»-Team wie alle Jahre solid wirtete. Trotz all der sicheren Werte war vieles ungewohnter als sonst. Aber, was ist schon «gewohnt» an diesem von Andreas Fleck mit immer neuen Überraschungen verzierten Festival?

Zugegeben: Wer sich nicht informiert und einfach «Boswiler Sommer, 29. Juni» gebucht hatte, wurde heftig überrascht. Es erklang nämlich kein einziges «normales» Werk: kein auftrumpfendes Schumann-Klavierquartett, keine melancholische Brahms-Violinsonate. Kaum waren mal drei Takte Mozart am Stück gehört, sauste man in die Abgründe eines Raps. Doch zum Schluss standen die Leute dennoch klatschend, und vor allem lachend, in der Kirche.

«And now Mozart», hiess es im vorgedruckten Programmheft verlockend und vielversprechend. Das Duo Aleksey Igudesman und Hyung-ki Joo wollte mit einem neuen Programm auftrumpfen. Vertragliche Stricke machten dem Duo – und dem Boswiler Sommer – einen Strich durch die Rechnung. So präsentierten der Geiger und der Pianist einen Mix aus dem Mozart-Abend und neu Interpretiertes aus dem alten Programm «A little nightmare music».

Kaum das Publikum befragt, ob es denn lieber James Bond oder diesen Mozart hören wollte, ging es hinein in eine virtuose, ironisch-melancholische Revue. Da erhielt man Einsicht in die Gedankenwelt eines Pianisten, während er ein Schubert-Impromptus vorträgt, machte eine Reise mit einer spanischen Fliege (derweil eine jener berüchtigten Boswiler Fliegen an unserem Ohr Gefallen fand) oder liess sich von einem Navigiergerät durch ein Bach Präludium (irre-)leiten.

Igudesman/Joo mögen ihre Show schon hundertfach und auch vor Tausenden von Leuten gegeben haben: Im kleinen Boswil zeigten sie sich in allerbester Spiellaune.

Die (Auf-)Mischung der alten Klassiker mit neuen Tönen beherrschen auch andere – sechs sehr seriös wirkende Herren etwa, die Singphoniker aus Deutschland. Einen grossen Spagat wagt diese (bisweilen auch vom Klavier verstärkte) A-capella-Formation: Von Frühbarock-Weisen über Schubert-Lieder gehts zu Georg-Kreisler-Szenen, dann aber auch hinein in die Imitation einer Duke-Ellington-Big-Band, ja eines ganzen Sinfonieorchesters. Doch gerade in dieser Spezialdisziplin hörte man schon Formationen, die einiges mehr an Witz und Klangreichtum erreichten.

Da tat es gut, sprang nach der abgekürzten Ouvertüre zu Rossinis «Wilhelm Tell» der Schweizer Rapper Knackeboul aufs Podium und «verstärkte» die Singphoniker mit seiner – vorerst – geheimnisvollen Kunst. Als er im zweiten Teil des Abends Einblick in seine stimmliche Klang-produktion gab, da wollte das Staunen im Saal nicht nachlassen.

Kaum etwas vorgemacht, durfte es die Gemeinde ausprobieren – und alsbald zischte, stampfte, spuckte und blubberte es aus dem Kirchenrund, dass es eine Freude war. Dass der charmante Rapper bei einem Publikumskontakt zufällig an den Komponisten Dieter Ammann geriet und staunte, was dieser Gast doch alles draufhatte, war eine der improvisierten Köstlichkeiten dieser kurzweiligen Boswiler Stunde.

Die nächsten Tage geht es in Boswil mal heiter, mal ernst weiter, bis nächsten Sonntag stehen noch rund zehn Veranstaltungen an. Die vier Festival Artists stehen in den unterschiedlichsten Formationen auf der Bühne: Es wird gewandert, rezitiert – und zu vergnüglichen Themen passend viel musiziert. Ausser für den Abend mit Clown Dimitri gibt es noch reichlich Karten für alle Abende. Ein Wermutstropfen? Wer mit so vielen Formen experimentiert, stösst beim traditionellen Klassikpublikum nun mal auf Zurückhaltung. Sie ist – glauben Sie einem Skeptiker – selbst bei einem in der Kirche rappenden Beatboxer, fehl am Platz.

Boswiler Sommer: Bis 7. Juli.