Cecilia Bartoli
Philologin Cecilia Bartoli bastelt sich eine Oper

Opernstar Cecilia Bartoli spielt Vincenzo Bellinis berühmt-berüchtigte «Norma» – und bietet damit viel Diskussionsstoff.

Christian Berzins
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Grosse Gesten, kleine Stimme: Cecilia Bartoli. HO

Grosse Gesten, kleine Stimme: Cecilia Bartoli. HO

swb

Seit Sonntag grassiert in Zürich das süsse Vincenzo-Bellini-Fieber. Lilienfüssige Opernmädchen, beleibte Herren und altehrwürdige Damen: Alle rafft die Sucht nach der ewigen Melodie dahin. Edita Gruberova (66) lehrt am Opernhaus, wie Bellinis Opern zum Blühen kommen können.

Was aber Zürichs Primadonna lieb ist, das ist Cecilia Bartoli (47), der zweiten «Zürcher» Primadonna, teuer: Nach «Sonnambula» spielte die Barockspezialistin basierend auf den Urtext Bellinis 1831 komponierte Meisteroper «Norma» ein.

Diese Tat verlangt einen raschen Blick zurück in die Vergangenheit. Bellinis Opern, vor allem auch die geniale «Norma», wollte und konnte kaum eine(r) mehr singen, bis Maria Callas bewies, wie es gehen könnte.

Den zwei Jahrhundertaufnahmen folgten dann die unterschiedlichsten Epigonen, aber durchaus auch Sängerinnen mit eigenen Ansätzen: etwa Joan Sutherland (1926–2010) oder eben Edita Gruberova.

Jede büschelte sich allerdings die Werke und die Noten ein wenig ihren Fähig- oder Unfähigkeiten zurecht. Wenn es aber eine Aufnahme gibt, in der alles auf die Fähigkeiten einer einzigen Sängerin zielt (Fassung, Besetzung und Orchester), dann ist es – Urtext hin oder her – die neue «Norma».

Für diese in Zürich über zwei Jahre aufgenommene CD wurde kein Aufwand gescheut – erstaunlich in einer Zeit, in es sich für die Plattenriesen längst nicht mehr lohnt, Geld in Opernstudioaufnahmen zu investieren. Ausser eben es singe Publikums- und Kritikerliebling Bartoli.

Die Aufnahme beginnt passabel. Michele Pertusi angelt sich als Oroveso, dem Oberhaupt der gallischen Druiden, durch die erste Szene. Was live durchgeht, ist für eine lange geprobte Opernaufnahme enttäuschend.

Es geht blass weiter: John Osborne alias römischer Prokonsul Pollione singt und mimt einen Schmalspurhelden – es scheinen nette Besatzer zu sein, diese Römer. Osborne tönt, als würde ein lustiger Rossini-Tenor den Helden spielen.

Aber wir wollen kein Öl ins Druidenfeuer giessen, sondern fragen interessiert: Warum nicht so, wenn diese Art der Bellini-Interpretation offenbar dem Urtext entspricht und das modisch Schlanke unseren Hörmoden schmeichelt?

Stimmpapst Jürgen Kesting ist davon begeistert. Nicht jeder mag es, wenn Franco Corelli (1921–2003) oder Mario del Monaco (1915–1982) mit der ersten Note gleich mit der Tür ins «Norma»- Haus fallen. Wie auch immer: Auch wer abstrahieren kann, würde kaum behaupten, dass Osborne irgendeinen Pollione-Vorgänger übertrifft.

Die junge Priesterin Adalgisa wird in der neuen Aufnahme nicht von einer Mezzosopranistin, sondern von Koloratursopranistin Sumi Jo gesungen (Riccardo Muti hatte die Rolle schon vor 15 Jahren mit einer Sopranistin besetzt). Jo hat sich gut gehalten, wenn auch die Rezitative ausdruckslos klingen, da sie ihre Stimme eher wie eine Harfe führt.

Ihrem stimmlichen Gegenpart Bartoli kann die einst von Herbert von Karajan geförderte Koreanerin damit wenig entgegenhalten. Denn die Italienerin singt so leidenschaftlich wie erwartet: Sie reizt ihre rhetorischen Mittel aus, setzt all ihre Kunst in diese Riesenpartie.

In Bellinis Gefühlsstrudel betont Bartoli Silben so heftig, als möchte sie damit jemanden erwürgen. Gewürgt werden aber vor allem die Töne. Und kaum gehts in den zweiten Stock, sinkt die Stimme ab in den Gaumen und tönt gepresst.

Spitzentöne werden mal zum Schrei, mal zum Hauch. Wer will, mag das lebendig nennen. Immerhin: Das Flötensolo in der legendären Arie «Casta Diva» ist sehr schön gespielt, und Bartoli schmiegt sich im rührendsten Piano diesen Tönen zärtlich an – doch ihre Stimme bleibt körperlos.

Giovanni Antonini und die Barockformation des Zürcher Opernhausorchesters «La Scintilla» spielen einen leichtfüssigen Bellini mit den altbekannten herausstechenden, überraschenden Merkmalen der Originalinstrumente: Das Blech scheppert prächtig, die Durchhörbarkeit ist beachtlich.

Bisweilen kompensiert Antonini aber die Zartheit der Sänger und setzt Attacken, wo sie unnötig sind: Andauernd brummen Abstriche, immer wieder erklingen Auftakte wie Schwertstreiche – so lange, bis es langweilig wird.

Bartoli belässt es nicht einfach beim Singen, sondern verteidigt ihre Gesangskunst im CD-Buch heftig. Die Strafpredigt zeigt, wie sehr Bartoli gegen etwas ansingt, gegen eine italienische Gesangstradition: Alles habe man falsch verstanden, dauernd werde nur geschrieben, gestemmt, geschluchzt und geschleift.

Gewiss gibt es Menschen, die von den Stimmen Mario del Monacos und Maria Callas’ überfordert sind – so wie es Menschen gibt, denen Michelangelos Statuen zu protzig, Raffaels Madonnen zu weich sind, Mozart zu lieblich, Shakespeare zu blutig. Sie haben dank Bartoli eine «Norma»-Alternative gefunden.

Bellini; Norma (Bartoli), Decca, 2013

Bellini: Norma (Callas). EMI, 1954