Jazz
Opus Magnum für eine bessere Welt

Wayne Shorters «Emanon» ist ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk für klassisches Orchester und Jazz-Quartett mit einer Graphic Novel des in der Schweiz lebenden Zeichners Randy DuBurke.

Stefan Künzli
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Wayne Shorter

Er ist einer der letzten Überlebenden. Einer der letzten Musiker, der die wohl grösste Jazz-Ära, die glorreichen 60er-Jahre, erlebte, prägte und in neue Dimensionen vorstiess. Als Hauptkomponist und musikalischer Leiter bei Art Blakey und Miles Davis, aber auch in seinen eigenen Bandprojekten Night Dreamer, JuJu und Speak No Evil. Er ist ein Jazz-Gigant. Einer, der nie stehen geblieben ist, der in den 70er-Jahren mit Weather Report und Joe Zawinul Meilensteine des Electric Jazz schuf. Von dieser Neugierde, diesem Drang, zu neuen Ufern aufzubrechen und den Sound der Zukunft aufzuspüren, ist Shorter bis heute durchdrungen. Auch noch im Alter von 85 Jahren.

Entscheidend für ihn war Miles Davis. «Von ihm habe ich gelernt, dass es nicht darum geht, die Reinheit des Jazz zu bewahren, sondern um den Abenteuergeist und die Lust am Wandel», sagt Shorter, «man muss die Regeln brechen, um weiterzugehen.»

Der Mann kann nicht anders. Sein Hunger ist unstillbar. Er sei «so beschäftigt wie nie zuvor», sagte er uns im Interview vor einem Jahr. Musik sei «sein Lebenselixier» und er sei «gerade daran, 1000 Jahre alt» zu werden.

Annäherung an klassische Musik

Sein Kollege Ethan Iverson nannte ihn zu Recht «den grössten, lebenden Jazz-Komponisten». In den letzten Jahren hat er sich aber zunehmend auf die klassische Musik zubewegt. Und wieder hat vielleicht Miles Davis den Anstoss dazu gegeben. Kurz vor seinem Tod 1991 hat er Shorter um ein Stück für Orchester und Trompete gebeten: «Ich möchte, dass du für mich ein Werk mit Streichern und Orchester schreibst», sagte Miles, «aber bau bitte ein Fenster rein, damit ich wieder raus kann».

Es kam nicht dazu. Doch Shorter hat sich schon immer mit klassischer Musik und deren Kompositionstechniken beschäftigt: Igor Strawinsky, Bela Bartók und Richard Strauss. 1995 schrieb er «High Life», eine Art Elektro-Sinfonie für Band, ein 30-köpfiges klassisches Orchester und Saxofon. Später adaptierte er Heitor Villa-Lobos und Mendelsson und vor einem Jahr kam es zur Ur-Aufführung von «Sherwood Forest», seinem ersten klassischen Werk.
Aber ein Visionär wie Wayne Shorter denkt sowieso nicht in diesen Kategorien. Sein Anspruch reicht weit über den Jazz hinaus. Zurzeit arbeitet er auch an einer Oper mit der Sängerin und Bassistin Esperanza Spalding und der Philadelphia Opera Company. Doch jetzt kommt zuerst «Emanon», ein Monster von einem Werk, ein Dreifach-Album, über zwei Stunden Musik mit seinem Quartett und dem 34-köpfigen Orpheus Chamber Orchestra, dazu auf zwei CDs Live-Aufnahmen von 2013 aus London mit seinem phänomenalen Quartett (Danilo Perez, John Patitucci und Brian Blade).

Wayne Shorter ist auch Buddhist und Denker. Seine musikalische Welt erklärt er deshalb meist philosophisch oder gesellschafts-politisch. So stehen das Jazz-Quartett und das Orchester für zwei Welten, die sich begegnen. «Es ist das, was die Welt heute braucht: Kräfte, die sich vereinen», sagt Shorter. Die erste CD besteht aus einer vierteiligen Suite. Grundlage sind die vier Kompositionen: «Pegasus» vom letzten Album «Without A Net» (2013), «The Three Marias» vom Album «Atlantis» (1985) sowie zwei jüngere Stücke, «Prometheus Unbound» und «Lotus», die er mit seinem Quartett schon Live gespielt hat. Zu Beginn agieren die beiden Welten getrennt. Meist beginnt das Orchester in fest ausgeschriebenen Passagen wie in «Lotus». Nach gut drei Minuten schleicht sich Shorters Sopransax ein und kündet wie ein Signalhorn den Wechsel zum Quartett an. Es entfaltet sich ein freies Interplay. Im faszinierenden Wechselspiel zwischen Quartett und Orchester beginnen sich die beiden Welten zusammen zu finden – in einer besseren Welt.

Shorters Multiversum

Zentral ist bei Shorter die Theorie des Multiversums. Die Idee, dass das Universum, in dem wir leben, nur eines ist von vielen anderen Universen. Er erklärt es an seiner Komposition «Lotus». Die Lotusblume wachse in einem Sumpf. Wie auch unsere Welt. Sie trage gleichzeitig mehrere Generationen in sich, vereine Ursache und Wirkung, verschiedene Ebenen, übereinander gelagerte Zustände, Realitäten und Wahrheiten. Shorter sieht dabei eine Entsprechung in der Improvisation, wo im Moment alles möglich ist, wo der suchende Improvisator verschiedene unbekannte Universen entdecken und erschliessen kann. Musiker müssen aber bereit sind, sich auf das Unbekannte und Unerklärliche einzulassen. Auf die Geheimnisse des Universums. Dabei geht es eben nicht darum, das Erlernte zu reproduzieren, sondern sich der Fantasie und der Originalität zu ergeben. Der Freiheit des Geistes.

Der Sound der Zukunft

Deshalb probt der Futurist und erklärte Science-Fiction-Fan Shorter mit seiner Band nie. Shorter ist der Kapitän eines musikalischen Raumschiffs, das mit seinen Bandmitgliedern durch die Universen rast. Jedes Konzert ist ein Abenteuer mit allen Gefahren und Risiken, ein Aufbruch in die unbekannte Galaxie. Shorter sucht das, was eben nicht geprobt werden kann. Den Sound der Zukunft. Nein, die Zukunft kann nicht geprobt werden.

Wayne Shorter: Emanon (Blue Note/Universal). 3 CDs oder DeLuxe mit 3 CDs und 3 Vinyl LPs plus Graphic Novel von Randy DuBurke. Nur physisch.

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