Rockmusik
Nick Cave mit neuem Album: Ein Trauma wird Musik

Nick Cave (58) verarbeitet in seinem neuen Album "Skeleton Tree" den Tod seines Sohnes

Lorenzo Berardelli
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Der Unnahbare wird ein bisschen fassbarer: Nick Cave liess eine Filmcrew während zehn Tagen in sein Leben. Alwin Kuchler

Der Unnahbare wird ein bisschen fassbarer: Nick Cave liess eine Filmcrew während zehn Tagen in sein Leben. Alwin Kuchler

Alwin Kuchler

Die in Worten nicht fassbare emotionale Katastrophe, wenn das eigene Kind plötzlich aus dem Leben gerissen wird, widerfuhr dem australischen Musiker Nick Cave im Juli 2015. Von der Tragödie aus der Bahn geworfen, unterbrach er den Albumentstehungsprozess, den er zusammen mit seiner Band The Bad Seeds Ende 2014 im Aufnahmestudio angestimmt hatte. Unerwartet entschied sich der unter Schock stehende Künstler bereits im Herbst 2015, die Sessionen wieder aufzunehmen und sich durch Trauer und Schmerz hindurchzuarbeiten.

Nick Cave bat seinen Freund und Regisseur Andrew Dominik, einen Promotionsfilm für das neue Album zu drehen, um sich angesichts der Umstände nicht persönlich den Medien stellen zu müssen. Ihr Projekt «One More Time With Feeling» wuchs mit 112 Minuten Laufspielzeit über die anfängliche Idee hinaus. Der sonst unnahbare Künstler lässt eine kleine Filmcrew zehn Tage in sein Leben. Nicht nur Studioaufnahmen, sondern auch vorsichtige Interviews mit den Angehörigen und Passagen mit Nick Caves kommentierender Stimme aus dem Off sind Teile des Films. Durch das Trauma ist ihm das Vertrauen in eine Erzählform verloren gegangen, sein Leben nimmt er fragmentarisch wahr und ringt damit, einen Sinn darin zu erkennen. «Es ist zu gross, um zu verstehen», sagt der 58-Jährige.

Unaufdringliches Essay

Sein noch nicht geglückter Versuch, selbstreflexiv eine Geschichte um das Ereignis herum zu kreieren, ist auch der formale Ansatz dieses virtuos gedrehten Kunstwerks. Die Crew filmt sich selber bei der Arbeit, bricht gelegentlich den Ton ab oder lässt das Bild unsicher wackeln. Gefilmt wird fast nur in Schwarz-Weiss. Zum Einsatz kommt eine Fischauge-Speziallinse. Sie liefert gewölbte Bilder während traumähnlicher Sequenzen. Wie auf einem Karussell rotiert die Kamera um die spielende Band, schwingt sich durch Türen, Treppenhäuser, auf die Strassen, hoch in den Himmel bis ins Weltall hinaus. Das Resultat: ein meditatives, brüchiges und unaufdringliches Essay über Verlust und Trauer von erdrückender Intensität und atmosphärischer Schönheit.

Die Paradoxe liegen darin, eine fragmentarische Wahrnehmung in linearer Musik (oder einem Film) darzustellen und nach einem solchen Trauma zur Tagesordnung überzugehen, was man ja irgendwie soll, aber doch nicht so richtig kann. «Ein Trauma ist extrem gefährlich für den Kreativitätsprozess», sagt Nick Cave. Und als ob er sich für eine in seinen Augen künstlerische Niederlage entschuldigen würde, fügt er hinzu: «Vorstellungskraft braucht Raum, um zu atmen, und wenn ein Trauma passiert, existiert einfach kein Raum, um zu atmen.» Er versucht das als Trugschluss zu entlarven, was sonst als Binsenwahrheit gilt: Schreckliche Ereignisse sind der Nährboden für Kreativität.

Noch uneindeutiger

Ob er will oder nicht, sein neues Album «Skeleton Tree» bestätigt diese Phrase. Fand für ihn die Fertigstellung der Aufnahmen in einem kreativen Zerwürfnis und psychischen Überlebenskampf statt, wird die Platte von der Kritik als melancholisches Meisterwerk verehrt. Und dies zu Recht. Tief unter die Haut dringen die acht Songs der Band, die das schafft, was den wenigsten gelingt: mit fast jedem neuen Album in noch nie zuvor besiedelte Musiksphären vorzudringen.

Im Vergleich zu ihrer letzten CD, «Push the Sky Away», von 2013 ist ihre Musik noch uneindeutiger geworden. Zwar beseelte der Multi-Instrumentalist Warren Ellis schon damals zaghaft den Synthesizer, doch ist dieser nun essenziell geworden. Es entstehen sphärische Klänge, die sich weit weg vom klassischen Blues-Schema bewegen. Typisch für ihre neue Musik ist das Lied «Anthrocene» mit einer rollenden, fast schon bedrohlichen Rhythmik, gebrochen mit harmonischen Akkorden und Caves Erzählung. Engelsgleich entführt Gastsängerin Else Torp mit der höchsten menschlichen Stimmlage in den «Distant Sky» und mit einem fast schon rappenden Cave versprüht «Rings of Saturn» ein beschwingendes, aber andächtiges Gefühl. Doch das Herz der Platte ist «I Need You»: Fragiler Bariton trifft auf Trost spendenden Hintergrundgesang und befremdliche Elektronik. Was mit einem düsteren Klangteppich wie aus einem John- Carpenter-Film beginnt, entwickelt sich mit Caves Wehklagen – «Nothing really matters when the one you love is gone» – zu einem niederschmetternden Song mit sakraler Sogwirkung. Album und Film bilden zusammen ein Requiem für die Ewigkeit.

Nick Cave & the Bad Seeds, Skeleton Tree (Ltd. / Limmat Records).

Die Musik-Doku "One More Time With Feeling " von Andrew Dominik wurde am 8. September weltweit einmalig in auserwählten Kinos gezeigt. Eine DVD-Veröffentlichung wurde noch nicht angekündigt.