Neues Mundart-Album von Jeans for Jesus: Der Sound, der nach Welt duftet

Nach Polo Hofer ist Mundart-Pop stehengeblieben. Die Band Jeans for Jesus ändert das mit ihrem neuen Album 19xx_2xxx_.

Michael Graber
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Der Mundart-Pop von Jeans for Jesus schafft etwas ganz und gar Erstaunliches: Er macht die Welt gross. Mundartpop macht sonst genau das Gegenteil. All die Trauffers, Kunzen und Heimwehs reissen mit ihrer Musik keine Grenzen ein, sondern ziehen sie höher. Das besungene Fernweh ist eigentlich stets eine Sehnsucht nach Heimat.

Man schwebt aus, nur um am Schluss festzustellen, dass es daheim halt doch am schönsten ist. Vor allem ist es daheim. Und das ist ganz und gar genug. Auch darum scheuen sie die Innovation, das Neue, die Veränderung. Sie sind Bewahrer, auch wenn sie das mitunter zu verstecken versuchen.

Jeans for Jesus sind gegen all diese Figuren wilde Revoluzzer. Die vier Berner scheren sich nicht um Konventionen und Büetzer-Buebe-Erfolgsformeln. Sie tun das aber nicht um der Revolution willen, sondern mit einer grosser Lust am Entdecken und am Entwickeln. «Ich habe gar keinen Hate gegen all die Hechts und Kunz’», sagt Michael Egger, «ich frage mich mehr, warum die Leute das die ganze Zeit hören wollen: Das gibt es doch alles schon lange.

Das wird doch langweilig.» Er und Demian Jakob, die beiden Sänger der Band, sitzen in einem zwischen Milieu und Hipsterquartier eingequetschten Hinterhof-Atelier und strahlen dabei überhaupt gar nichts Umstürzlerisches, sondern einnehmende Gemütlichkeit aus. Es gibt Kaffee und ein paar Züge aus dem Vapo­rizer.

Sie revolutionieren gerade den Mundart-Pop: Jeans for Jesus.

Sie revolutionieren gerade den Mundart-Pop: Jeans for Jesus.

Bild: zvg

Geboren aus der Lust nach Veränderung

Eigentlich ist es ja auch gar keine Revolution, die Jeans for Jesus da losgetreten haben. Es war mehr der Arschtritt an den Stillstand der Mundartszene, die es nicht schaffte, nach Polo Hofer, Züri West & Co. eine neue musikalische Sprache zu finden. Jeans for Jesus ist aber nicht aus der Not geboren, sondern aus der Lust an Veränderungen.

Und vor allem: Es blieb bestenfalls ein Revolutiönchen: Mitgezogen sind nicht viele, und jene, die nicht mitgezogen sind, wurden auch nicht geköpft, sondern füllen mittlerweile das Letzigrund-­Stadion (Büetzer-Buebe). Es sind grosse Zeiten für die Weltkleinmacher.

Trotzdem: Aufregender und besser als Jeans for Jesus wird Mundartpop 2020 nicht klingen. Das ist Musik, an der alles nach Jetzt tönt und nach Welt duftet. In «Babyboomsuperstar» klopft eine Art elektronischer Super-Mario-Beat auf Speed und löst sich dann plötzlich im Nichts auf, dazwischen rauscht es mal durchaus bedrohlich, als würde man am UKW-­Empfänger nach einem neuen Sender suchen.

Wohl nach einem, der bessere Nachrichten zu bieten hat. Dazu singen Egger und Jakob mit hochgepitchter Stimme über all die vergifteten Errungenschaften der Generation Babyboomer: «Superstar gib chli wäut zrügg/nimm dini Schuude mit Boy». Es ist schon okay hier, wie es ist, aber es könnte ja noch mehr sein. Noch viel mehr.

«U mir gö uf irgend ä Houptstrass/mir loufe los, aus wäre mir nid alei», texten sie in «Selfcheckout» über ihre eigene Generation, die auf der Suche nach «Wäut und Tröim» ist. Und hat man die «Tröim» mal gefunden, dann passiert, was halt mit «Tröim» oft passiert: «Di Tröim gheie geng nöime anders/dert wosi lande läse mir sä widr uf». Das Soundgewand ist betörend.

Ein dynamischer 3-Minuten-Song, der die exakte Balance zwischen Repetition und Varianz findet. Er ist nicht zu kompliziert, er ist nicht zu einfach, er ist nie langweilig. Man hört R’n’B, Pop, Electronic, eine Prise Jazz, mal wabern die Synthesizer. Er ist ein richtig guter Popsong, so wie Pop heute eben zu klingen hat. Und wie auch der Mundartpop öfter zu klingen hätte, würde er nicht in der Bequemlichkeits-Endlosschlaufe steckenbleiben.

«Wenn ich früher ein neues Album von irgendwem gekauft habe, dann war immer klar: Das klingt anders als die Sachen vorher. Wir haben es gefeiert, weil es etwas Neues war. Das ist für mich auch das Spannende, wenn ich alte Diskografien höre, von den Beatles über Madonna bis zu Daft Punk oder Jay-Z», sagt Egger.

Die Band will weniger statt mehr

Jeans for Jesus wollten mit ihrem Album «19xx_2xxx_» (neunzehnhundert zweitausend) auch etwas Neues. Und: Sie wollten weniger. «Seien wir ehrlich: ‹P R O›, unser letztes Album, war schon sehr verkopft. Ohne Booklet konnte man vielen Dingen nicht folgen», sagt Egger. Jakob fügt an: «Auch musikalisch musste immer noch eine Ebene mehr rein. Es war nie richtig genug.»

Das Bemühen um das Einfachere hört man den neuen Jeans for Jesus an. Oberstes Kriterium war, dass der Song «in den Körper fährt und fühlbar wird», sagt Jakob. Die vier Berner hatten immer den Anspruch, Pop zu machen, und spätestens jetzt auf ihrem dritten Album ist es tatsächlich Pop. Nerd-Pop vielleicht, Hipster-Pop ziemlich sicher, ziemlich cleverer Pop auf jeden Fall.

Der Opener «Merci» ist so ein toller Pop-Song. Er tänzelt nach vorne, dazwischen flirrt etwas Elektronik rein und verleiht dem Lied ein Gefühl von Schwerelosigkeit. Besungen wird ein streitendes Paar, beziehungsweise die zwischen Wehklage und Anklage pendelnden Sätze des Mannes: «I weis dass i ä Tubu bi/äs isch doch immer easy gsi». Es könnten auch Whatsapp-Sprachnachrichten sein, versendet um vier Uhr morgens.

Den (gesampelten) Refrain trällert Jakob sanft so mit, wie man Radiosongs mitsingt, die man zu können glaubt. Man findet viele weitere solcher Spielereien auf der Platte. Und Egger und Jakob geben zu, dass man «durchaus auch gescheitert ist» am Anspruch, weniger verkopft zu sein. «Komplett bewusst gescheitert», sagt Egger und zieht an der E-Zigarette.

Mit etwas mehr Mut zu ­weniger Bewusstheit wäre «19xx_2xxx_» vielleicht noch besser geworden. Das Album ist durchaus fordernd, was eigentlich immer überfordernd meint. Vieles erschliesst sich nicht sofort. Aber immer bleibt etwas hängen. Und sei es nur eine Songzeile: «Fragsch, wohärä s’ Läbä geit, wes sta blibt».

Sowieso: Es geht oft um die Orientierungssuche im digitalen Zeitalter. In der Liebe, im Job, im Leben. Auch die Band ist mittlerweile ein grosses Cloud-­Produkt. Längst nicht mehr alle leben in Bern, und man macht Musik über Dropbox-Ordner. «Einer lädt eine Skizze rauf, ein anderer bastelt weiter, am Schluss finden sich alle», sagt Egger. «Zeitweise hatten wir sechs parallele Telegram-Gruppenchats, in denen wir alles diskutierten. Das war unfassbar streng», sagt Demian Jakob. Mittlerweile habe man diese wieder abgeschafft und kommuniziere dafür jede Woche per Konferenztelefon.

Vielleicht ist es genau diese Heimatlosigkeit als «Dropbox-Band» (Egger), die Jeans for Jesus diese Internationalität verleiht. «Liechter» ist so ein catchy Pop-Song, der auch in Berlin, London und Tokio funktionieren würde. Dort tanzt man ja auch zu Tuareg-Blues und Island-Postrock. Die Sprache ist in einer globalisierten Welt doch längst kein Problem mehr.

Konsens macht keine gute Musik

Wer es unbedingt verstehen will, findet sicher einen Google-Translator für Berndeutsch. Aber das treibende Flackern, das groovige Pumpen und das locker Tanzende, das ist eine universelle Sprache. Die kennt keine Grenzen. Das ist kein «Heiweh noch de Bärge», sondern Lust auf klimaneutrale Weltumrundungen.

Angesichts der allgegenwärtigen Mundart-Booms tut die neue Jeans-for-Jesus-Platte wahnsinnig gut. Auch weil sie nicht jedem gefallen will: Die Art des Gesangs provoziert, der Pop ist immer noch verschachtelt. Der Konsens mag eine zutiefst schweizerische Eigenschaft sein, gute Musik macht er aber nicht. Und Popmusik, die Grenzen überstrahlt, schon gar nicht.

Hinweis: Jeans For Jesus: 19xx_2xxx_, (Radicalis). Live: 7.3. Dachstock Bern ; 2.4. Kaserne Basel ; 18.4. Exil Zürich