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Nach Blur und Gorillaz: Damon Albarn gelingt solo ein Statement ganz ohne Hits

Er führte Blur in den Kampf um die Britpop-Krone, machte das Comic-Musik-Projekt Gorillaz zum Millionenseller, meldete sich ab, um in Afrika zu musizieren. Mit 46 fand Damon Albarn nun Zeit für seine allererste Solo-CD.

Michael Gurtner
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Damon Albarn

Damon Albarn

Keystone

Hansdampf in allen Gassen wäre eine glatte Untertreibung. Damon Albarn treibt sich sozusagen auch gleich noch in den umstehenden Häusern, Gärten und Parkanlagen herum. Der Mann, der im Britpop-Boom der 90er-Jahre als Sänger der Band Blur zum Star wurde, kümmerte sich in den letzten Jahren nicht nur um die viel umjubelte Rückkehr seiner Hauptband.

Er landete mit der Comictruppe Gorillaz Welthits, schrieb Filmsoundtracks, stellte mit «The Good, the Bad & the Queen» und «Rocket Juice & the Moon» stargespickte, durchaus ernst gemeinte Plauschbands zusammen, komponierte zwei Opern, produzierte das viel beachtete Comebackalbum der Soullegende Bobby Womack, nahm mit afrikanischen Musikern in Mali, Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo Songs auf. Und jetzt, mit 46 Jahren, hat der Londoner sein erstes offizielles Soloalbum fertiggestellt.

Schlurfen, schaben, stolpern

Eingängige Popsongs mit Hitparadenpotenzial, wie sie Albarn für Blur («Girls & Boys», «Country House») oder die Gorillaz («Clint Eastwood», «Feel Good Inc») komponierte, finden sich auf «Everyday Robots» keine. Dafür leise Lieder mit oftmals folkigem Feeling. Beats, die schlurfen, schaben, stolpern, rascheln, pochen. Piepsende Flöten, elegische Pianoklänge, Streicher, die nicht als Süssstoff wirken, sondern als dramaturgisch stimmige Zutat. Filigran und verspielt – aber albern ist Albarn nie.

Höchstens einmal musikalisch ein bisschen ziellos, wie im mit sieben Minuten zu lang geratenen, an das frühe Pink-Floyd-Mastermind Syd Barrett erinnernden «You and Me». Viel nachhaltiger in Erinnerung bleiben allerdings die zahlreichen gelungenen Momente: das traurige «Lonely Press Play», das eigenwillige Titelstück, das von Albarns Afrika-Aufenthalten geprägte «Mr. Tembo», «Hostiles» mit seinen stimmungsvollen Background-Chörli.

Keine Hits zwar, dafür intelligente, nie anmassende, manchmal kurlige kleine Popsongs – geprägt von Albarns unaufgeregtem, melancholischem Gesang. Und seinen oftmals persönlichen Texten: In «Hollow Ponds» besucht er Orte seiner Kindheit, in «You and Me» thematisiert er die Blur-Zeiten in den 90er-Jahren, als er heroinsüchtig war – und es doch schaffte, die Wochenenden drogenfrei zu halten («Tin foil and a lighter, the ship across, five days on, two days off»).

«Everyday Robots» ist weder alltäglich noch robotermässig auf Autopilot runtergedudelt. Es ist das gelungene Statement eines Künstlers, der nie stehen bleibt und genau deshalb seit Jahren zu den kreativsten Köpfen der Szene gehört. Sackgassen scheint Britanniens Hansdampf in allen Gefilden jedenfalls schlicht nicht zu kennen.

Damon Albarn Everyday Robots, Warner. Live: 17. Juli Montreux Jazz Festival.

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