Musikalischer Aufbruch aus der Tiefe

Im Aufschluss des Meyerstollens, tief unter dem Bahnhof Aarau, musizieren Mitglieder der Argovia Philharmonic

Stephan Rinderknecht
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Facettenreich, ausgeglichen und brillant: Musiker-Trio im Aufschluss des Meyerstollens in Aarau. Mathias Marx

Facettenreich, ausgeglichen und brillant: Musiker-Trio im Aufschluss des Meyerstollens in Aarau. Mathias Marx

Aargauer Zeitung

Empfangen wird man mit Kerzenschein, welcher ein vieldeutiges Flackern über die Felswände wirft: wildromantisch – Höllgrotten lassen grüssen. Und dann die grosse Ernüchterung. Der eigentliche Aufschluss, der Aufführungsraum, ist gerade einmal rund 30 Quadratmeter gross, und ebenso viele Zuhörerinnen und Zuhörer finden darin Platz.

Was Wunder, wenn in einem so kleindimensionierten Raum akustische Probleme auftreten? Nachdem man sich auf den hölzernen Klappstühlen eingenistet hat, überfallen einen schon bald die schrillen Töne der Querflöte aus der Dreigestrichenen Oktave in unangenehmer Weise. Stein und Beton benötigen eben etwa dreihundert Quadratmeter. Im Massstab 1 : 10 wird es jedoch einigermassen mühsam. Die drei Musizierenden trifft dabei keinerlei Verantwortung. Miriam Terragini, Flöte, Francesco Negrini, Klarinette, und Harald Stampa, Gitarre, spielten auf hohem Niveau – facettenreich, als Ensemble ausgeglichen und brillant. Die eleganten, mündlichen Introduktionen der Flötistin zum jeweils nächsten Stück brachten einen zum Schmunzeln, nicht so sehr zum Nachdenken; wie auch wohl der ganze Anlass nicht die Absicht verfolgte, besonders tiefgründig sein zu wollen.

Gut bekömmlicher Kompott

Spielfreude und Programmkompott – das funktioniert doch immer. Zum Kompott: Was Takemitsu mit Bazzini und Ginastera mit Ch. W. Gluck, Strawinsky mit Kreutzer und Tarrega mit «Shadows» – und dies alles mit der Seidenstrasse zu tun haben soll, bleibt ein staunenswertes Rätsel. Aber gut gekocht, ist Kompott alleweil bekömmlich – immerhin. Und das war er auch!

Sollte man sich allerdings die Frage erlauben, ob dies, trotz der verbalen spielerischen Verknüpfungsbemühungen der Flötistin, die richtige Menükarte war, gerät man ins Grübeln. Wo ist da die Stringenz? Wie sinnvoll ist eine solche Programmkonzeption?

Die mächtige Familie Meyer in Aarau, eine der grössten Seidenfärbereibetreiberinnen Europas im 19. Jahrhundert, war in Bezug auf die Seidenstrasse ein Ziel und Endpunkt. Vielleicht hätte man gut daran getan, musikalisch beim Ursprung zu beginnen – in China, das Pferd nicht am Schwanz aufzäumen zu wollen. Nach Musik aus asiatischen Wüstengegenden, Persien und Alexandria, hätte man zum Schluss auch Glucks «Reigen der seligen Geister» aus hiesigen Gefilden dankbar entgegengenommen.

Oder man hätte – Ad Fontes, mit dem Thema Wasser beginnen können, wenn man schon mit dem Zielpunkt anfangen will. Denn in diesem verzweigten Stollensystem war «Hazweio» ja schliesslich das wesentliche Element. Da gäbe es einiges in der Musikliteratur, nicht nur von Schubert, sondern auch von (und über) Aargauer Komponisten.

Hörfreude garantiert

Wie sich einmal mehr zeigt, sind professionell hoch qualifizierte Interpretinnen und Interpreten nicht auch zwingend begabte Programmgestalter. «Carte Blanche» in Ehren – doch wäre die Leitung der Argovia Philharmonic wohl gut damit beraten gewesen, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Die Idee, sich mit der Geschichte des Meyerstollens auch musikalisch auseinanderzusetzen, macht durchaus Sinn – mehr Mut zum Risiko, mehr Fantasie und eine fundiertere Recherche hätten jedoch nicht geschadet. Wie bewähren sich wohl die Programme der weiteren Etappen? Man darf gespannt sein – zumal die musikalische Qualität der Ausführenden zweifelsfrei Hörfreude garantiert

Genussstrasse Landhotel Hirschen, Erlinsbach; Douglas Bostock zu Wein, Speise und Musik. Sa., 2.11.2013, 19.30 Uhr

Wege zur Seidenstrasse Argovia Philharmonic im Aufschluss zum Meyerstollen in Aarau; Fr., 11.4.2014 und 2.5.2014, 19.30 Uhr