Lisa della Casa
Lisa della Casa: Das Schneewittchen der Opernwelt

Lisa della Casa, die bedeutendste Schweizer Opernsängerin des 20.Jahrhunderts, ist tot. Nach ihrem Rückzug von der Opernbühne lebte sie fast vierzig Jahre zurückgezogen auf Schloss Gottlieben am Bodensee.

Christian Berzins
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Lisa della Casa in der ungewohnten Rolle der Salome.Von der Arabella zur Arabellissima. Frauenfeld, Stuttgart 2008

Lisa della Casa in der ungewohnten Rolle der Salome.Von der Arabella zur Arabellissima. Frauenfeld, Stuttgart 2008

Wer in Gottlieben, zwischen Unter- und Bodensee, aus dem Schiff steigt, will sich umgarnen lassen vom Schönen und Lieblichen. Vielleicht kein Zufall, wurden hier die weltberühmten Hüppen, mit Schokolade gefüllte Waffelröllchen erfunden. Unter die Idylle-Sucher mischten sich in den letzten Jahren auch ab und zu komische Käuze. Sie steuerten vom Bootssteg nach ein paar Metern nach links, alsbald standen sie vor hohen Mauern, dunklen Bäumen und einem unüberwindbaren Tor. Sie versuchten einen Blick auf ein altes Schloss zu werfen, denn dort drinnen wohnte seit Jahrzehnten eine Legende, ein nie fassbares Schweizer Schneewittchen, eine der berühmtesten Opernsängerinnen aller Zeiten, die einen von alleine singenden Namen trug: Lisa della Casa. Am Montag ist sie im Alter von 93 Jahren gestorben.

Der Ruhm dieser am 2. Februar 1919 in Burgdorf geborenen Sängerin war enorm. Und so flatterte denn gestern ein Mail eines grossen Opernhauses nach dem anderen herein: Alle lobten sie della Casa noch einmal und dankten ihr für die wunderbaren Aufführungen. Die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, schrieb: «Die schwarze Fahne, die heute am Festspielhaus weht, ist ein winziges Zeichen für unsere Trauer und grosse Dankbarkeit.»

Doch sind Sängermythen nicht auch dazu da, hinterfragt zu werden? Beweihräucherungen und Verklärungen, selbst wenn sie aus dem Dichtermund Jean Cocteaus kommen, langweilen die Nachgeborenen. Bei Lisa della Casa, dieser auf der Welt bloss kurze 25 Jahre lang gefeierten «Poetin auf der Bühne» (Cocteau), könnte der heutige Hörer durchaus ins Zweifeln geraten. Aber nur kurz.

Lisa della Casas hoch verklärte Kunst kannte schon früh Kritiker. Della Casa hatte mit einem Vorwurf zu leben, dem vermeintlich nur heutige Sängerinnen wie Anna Netrebko begegnen: «Sie ist ja nur berühmt, weil sie so schön ist!» Sogar die Biografie ihres Ehemanns, «In dem Schatten ihrer Locken», spielte darauf an. Doch was für die inneren Werte – die Stimme – gilt, gilt auch für die äusseren: Die Moden ändern sich. Nur die Décolletés bleiben gleich.

Ihr Äusseres und der von der Familie mitgegebene schauspielerische Furor brachten sie anfänglich zum Film, noch bevor sie einen Fuss auf eine Opernbühne gesetzt hatte: In «Füsilier Wipf» von Leopold Lindtberg, in dem auch Paul Hubschmid (1917–2002) mittat, spielte sie 1938 das Vreneli. Drei Jahre später folgte das Debüt auf der Bühne: In Solothurn sang sie die Titelrolle in Puccinis «Madame Butterfly». Schon zwei Jahre später wurde sie in Zürich engagiert. 1947 sang sie bereits bei den Salzburger Festspielen.

Die Weltkarriere war lanciert, ihr Ruhm nahm Jahr für Jahr zu. Doch 1974, die Burgdorferin war erst 55 Jahre alt, folgte bereits der Abschied von der Bühne. Lisa della Casa schien sich ihres Kinderkosenamens Stusi (eine Abkürzung von «Sture Siech») erinnert zu haben. Fortan lebte sie zurückgezogen im Locus amoenus, auf Schloss Gottlieben am Bodensee. Dieses Anwesen hatte sie zusammen mit ihrem Mann Dragan Debeljevic bereits 1950 erworben.

Zurück zur Stimme: Wer heute noch ein Ohr für den auch in höchsten Lagen reinen Ton hat, für ruhige und korrekte Gestaltung, ein Faible für die stille, silberne Schönheit eines Soprantones, den wird Lisa della Casa ewig bezaubern.

Bisweilen klingt die Stimme etwas starr, aber dafür hatte sie einen ureigenen sardonischen Charakter. Heute singt frau anders, gewiss. Aber ob die Stimmen durch aufgesetzte Dramatik abgründiger als jene von della Casa geworden sind? Damals war dieser Dienst am Apollinischen normal, wurde von den meisten Dirigenten, vor allem von Mozartfaktotum Karl Böhm, zelebriert. Wegen der vermeintlichen Starrheit kann man Lisa della Casas Ansatz allerdings nicht nur «zu schön», sondern auch «zu kühl» finden. Mensch und Stimme, ein gefährlicher Vergleich, gewiss, schienen sich nicht unähnlich. Ihr Ehemann soll einmal gesagt haben, dass Salome die erste Rolle war, an die sie wirklich mit Emotionen heranging.

Bei den Opernrollen von Richard Strauss aber, diesen märchenhaften Idealtypen, erbleicht der Hörer vor Staunen und wird fragen: Wer könnte das heute mit solchem Stolz, gepaart mit Schönheit, singen? Nicht nur die Arabella, Lisa della Casas Paraderolle, sondern auch die grossen Sopranrollen im «Rosenkavalier».

Und dann steht da monumental in jeder LP-Sammlung ihre Aufnahme von Richard Strauss’ «Vier letzten Liedern» mit Dirigent Karl Böhm von 1953. Eine Aufnahme, ohne die man nicht leben möchte. Den zweitletzten Vers, «Wie sind wir wandermüde», singt sie mit Bedrücktheit und Schwere, um dann im letzten – «Ist das etwa der Tod?» – still und ernst ins Jenseits zu gleiten.

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