Duo Currentzis Kopatchinskaja
Klassik: Der Hexer und die böse Fee machen gemeinsame Sache

Der 44-jährigen Dirigent Teodor Currentzis und die 38-jährige Geigerin Patricia Kopatchinskaja wurden in Zürich ihrem Ruf, ganz anders zu sein, gerecht. Sie hinterliessen in der Tonhalle ein sowohl jubelndes wie auch den Kopf schüttelndes Publikum.

Christian Berzins
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Heiraten ist eine ernste Sache. Geigerin Patricia Kopatchinskaja und Dirigent Teodor Currentzis wagten es zumindest auf musikalischer Ebene.

Heiraten ist eine ernste Sache. Geigerin Patricia Kopatchinskaja und Dirigent Teodor Currentzis wagten es zumindest auf musikalischer Ebene.

Am Morgen danach erwischten wir uns tatsächlich ganz kurz im Gedanken «Ach, wäre doch jedes Zürcher Konzert so!».

Knatschvoll war die Tonhalle am Dienstag – mitsamt vollem Verbindungsgang und Podiumsplätzen. Alles wartete gespannt auf den Hexer aus Sibirien und die Fee aus Moldawien: auf den 44-jährigen Dirigenten Teodor Currentzis und die 38-jährige Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Ihm geht der Ruf des keinen Konventionen folgenden Klassikretters voraus, sie ist seit Jahren eine vieldiskutierte Lichtgestalt. Das Duo mischte seine Zaubertränke alsbald ganz den hohen Erwartungen entsprechend so wild fuchtelnd ineinander, dass es in der Tonhalle bald nach Pech und Schwefel roch.

Schön und gut?

Wir nervten uns während des Spiels über 1000 Details, wir diskutieren in der Pause heftig übers Grosseganze (und kamen wieder auf die 1000 Details zurück), wir bemängelten nach Konzertschluss die mangelnde Intonation der Solistin – und erzählten zu Hause dann doch erregt von diesen zwei heiligen Spinnern und dem sibirischen Orchester MusicaAeterna, die das Zürcher Tonhalle-Publikum durchgeschüttelt hatten. Alle drei lieben sich heftig: Für die Werbe-Bilder ihrer CD zeigten sie sich als frischgebackenes Ehepaar samt Hochzeitgesellschaft.

Nonkonform dick im Geschäft

Ja, so geht das heute. Kaum ist dieses vermeintlich Klassikbetrieb-nonkonforme Paar zusammen, sitzt der CD-Riese Sony mit im Zug und präsentiert der staunenden Welt alsbald eine Reihe Aufnahmen. Der Start mit Tschaikowskys Violinkonzert ist schon gemacht und fand am Dienstag in der Pause reissenden Absatz.

Aber kann man das, was diese zwei Emotionsfanatiker im Konzertsaal bieten, elektronisch einfangen? Diese unheimliche Unmittelbarkeit? Diese Extravaganzen? All die Fratzen und Tänzchen sind ja nicht nur diesem Spiel immanent, sondern werden auch wirkungsvoll auf der Bühne gelebt: Den Schlag der Pauken festigt Currentzis mit Fussstapfen, der umarmende Augenkontakt mit den Musikern macht Kopatchinskaja selbst Säulensitzern verständlich.

Auf den Urknall hoffen

Bei aller Kritik: Kopatchinskaja versteht es wie kaum eine andere, Musik zu beseelen, auch wenn sie den Holzhammer braucht. Ludwig van Beethovens Violinkonzert klang bisweilen so verspielt naiv glückselig, dass man hingerissen strahlte. Doch kaum das Glück gepachtet, tauchten Solistin und Orchester wieder ab in eine derbe Übertreibung, die dermassen geschmacklos und unlogisch war, dass man den Kopf schüttelte und sich fragte: «Warum?»

Weil es Kopatchinskaja darum geht, an den Urknall jedes Werkes heranzukommen, wie sie uns mit feurigen Worten erzählte? Macht sie darum bisweilen die waghalsigsten Temposchwankungen? Die expressionistischen Verzögerungen? Sucht sie deswegen weisse verhauchende Klänge, wo doch Beethoven ganz einfach eine Piano-Linie vorgibt?

Die Suche nach dem Urknall führt zu eigenwilligen Resultaten, ja stösst viele traditionelle Interpreten vor den Kopf. Kopatchinskaja stört sich nicht daran. Nur etwas mag die Kompromisslose nicht: Nur gucken geht nicht. Diese Geigerin will, dass der Hörer mit aufs Hochseil kommt, dort triumphiert ... oder scheitert.

Es ist ein gefährlicher Gang, aber kein zerstörender, denn zerstörerisch ist Musik für Kopatchinskaja auf keinen Fall: «Ich sauge die Musik auf, erwecke sie zum Leben – und dann macht sie in meiner Seele und mit meinem Körper mitsamt den Genen eine wilde Reise. Das Resultat wird dann immer etwas seltsam sein – immer etwas moldawisch klingen, immer etwas komisch sein: So wie ich es halt auch bin», sagte sie uns.

Aus Nowosibirsk in die Welt

Ob Currentzis Ähnliches im Sinne hat? Ob er diese Grösse hat? Der Grieche war von 2004 bis 2010 Chefdirigent in Nowosibirsk. Dann wechselte er ein Stück nach Westen, nach Perm, formte dort weiter an seinem Ensemble MusicaaAeterna Ensemble, das per Legende keine Probenpläne kennt, übt und übt, bisweilen bis über die Nacht hinaus.

Dass Currentzis auch «normal» kann, bewies er am Opernhaus Zürich: Dort dirigierte er 2013 Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk», im April steht Verdis «Macbeth» an. Für seine Mozart-Opernaufnahmen hat er sich aus Sängern der zweiten Reihe ein Ensemble geformt, das ihn abgöttisch verehrt.

Beethovens 5. Sinfonie verglühte am Dienstag unter seiner Hand, hielt dem Dauerdruck nicht stand. Sie tönte wie eine historisch-informierte Wilhelm-Furtwängler-Aufnahme von 1943: Hier bemüht um Originalklang, da der Versuch, daraus auszubrechen und Beethoven wie einen wilden Löwen brüllen zu lassen. Bei Currentzis macht er dabei bisweilen aber bloss miau.

CD Tschaikowsky: Violinkonzert, Sony 2016. Live Kopatchinskaja: 22. 2. Bern, Rezital; Currentzis, ab 3. April, Macbeth, Opernhaus Zürich.

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