Jazzaar Festival
Karibisches Inselhüpfen in Aarau

In den Projekten «Gumbo with Chutney» und die «Transatlantic Rhapsody» wurde im KuK Aarau eine enorme stilistische, klangliche und rhythmische Vielfalt präsentiert.

Stefan Künzli und Dorothea Gängel
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Das Swiss Youth World Music Ensemble unter der Leitung von Tim Akers im Projekt «Gumbo with Chutney» am Freitagabend im KuK Aarau. Foto: Robert Reding

Das Swiss Youth World Music Ensemble unter der Leitung von Tim Akers im Projekt «Gumbo with Chutney» am Freitagabend im KuK Aarau. Foto: Robert Reding

Die Karibik ist die Wiege unzähliger Rhythmen, Stile und Tänze. Hier brauten sich nach der Entdeckung durch Columbus 1492 europäische und afrikanische Kulturen zu einem unglaublich vielfältigen Gemisch zusammen. Weil die Entdecker sich damals fälschlicherweise auf den Indien vorgelagerten Inseln wähnten, werden die karibischen Inseln bis heute auch Westindische Inseln genannt. Mit Indien hatten die Inseln aber nichts zu tun.

Der indische Einfluss kam erst viel später, nach 1834, als indische Kontraktarbeiter die schwarzen Sklaven ersetzten. Vor allem auf den Inseln Trinidad und Tobago sowie in Guyana und Surinam ist der kulturelle Prägung durch Indisch-stämmige enorm. «Chutney» oder «Chutney Soca» ist das Ergebnis.

Im ehrgeizigen Projekt «Gumbo with Chutney» versuchte Jazzaar mit dem Klangkörper des Swiss Youth World Music Ensemble eine Verschmelzung dieser indisch geprägten Musik aus der Karibik mit den Musiktraditionen von New Orleans in einem grossen musikalischen Eintopf. Dies gelang nur ansatzweise dort, wo traditionelle indische Elemente wie Vierteltonverzierungen, Tablas und Steeldrumsounds (vom Keyboard) über Calypso-Rhythmen gelegt wurden. Zwei weitere Stücke im zweiten Set klangen dagegen eher nach Bollywood als nach Karibik. Der Anspruch war wohl etwas zu gross, respektive die Probewoche zu kurz, für eine wirkliche kulturelle Verschmelzung.

Kurzweilige Musikreise

«Gumbo with Chutney» war vielmehr eine kleine, kurzweilige Musikreise, karibisches Inselhüpfen durch die westindische Inselwelt mit dem Ausgangspunkt New Orleans. Die kosmopolitische Stadt am Mississippi-Delta ist ja nicht nur Geburtsstadt des Jazz. Sie ist selbst auch eine karibische Stadt, die kreolische und karibische Einflüsse aufgesogen und verarbeitet hat. Von New Orleans und einem Zydeco mit prägendem Akkordeon ging es ins nahe gelegene Kuba: Zeit für einen Bolero. Danach pendelte das Kongress- und Kulturzentrum Aarau zwischen Trinidad und New Orleans hin und her. Es folgte der Abstecher in die Welt von Bollywood, wieder nach Kuba, die Dominikanische Republik (Merengue) und Trinidad, um zum Finale wieder in New Orleans zu landen.

Der Reiz von «Gumbo with Chutney» lag in den vielfältigen Kompositionen (die meisten von Helen Savari Renold) sowie der Übertragung auf das Orchester. Dabei hätte man sich auf dieser Reise gern etwas mehr Chutney gewünscht. Die beiden aufstrebenden Musiker mit indischem Hintergrund, der Tabla-Spieler MT Aditya Srinivasan sowie Harini ‹Rini› Raghavan (Violine/Gesang), kamen zu wenig zur Geltung. Überhaupt fehlte in diesem Projekt etwas Pfeffer (auch ein indisches Gewürz) und vor allem wurden solistische Glanzleistungen vermisst.

Politische Botschaft

Wer am Samstagabend leichte Kost erwartete, der wurde enttäuscht. Unter dem Thema «Transatlantic Rhapsody» sollte ein Dialog stattfinden zwischen den Welten des Jazz, der europäischen Folklore und der Popmusik. Dabei legte Komponist Fritz Renold den Schwerpunkt auf die Beziehung zwischen Europa und Nordamerika, und speziell die USA. Eine politische Auseinandersetzung mit dem Thema konnte er dabei nicht vermeiden. Werte wie Solidarität, Ost-West-Konflikt, Freiheit der Sprache, Fake News und Social Media wurden in anspruchsvollen Arrangements verarbeitet, die den Musikern einiges an Können abverlangten.

Nicht alle wurden dem hohen Anspruch gerecht. Und doch war einmal mehr die grosse Spielfreude des Swiss Youth Jazz Orchestra spürbar. Der Wille, alles zu geben im Zusammenspiel mit den, auch an diesem Abend eingeladenen, musikalischen Grössen.

Wer am Freitag solistische Höhenflüge vermisste, wurde jetzt grosszügig bedient: von Bill Pierce am Tenorsax, Tom «Bones» Malone an der Posaune sowie Michael Baker am Schlagzeug. Faszinierend die Variabilität Gil Goldsteins am Piano und am Akkordeon, wie er die irische Hymne «Celtic Warrior» einleitete oder sich bei dem Duke- Ellington-Standard «In a Sentimental Mood» mit Felix Piringer an dem seltenen Electronic Wind Instrument einem Dialog stellte.

Afro-kubanische Rhythmen, Balkanklänge, Marschmusik, Tango, französische Musette – in dieser Vielfalt eine Einheit zu finden, das war erklärtes Ziel. Auch die «Transatlantic Rhapsody» bot auch hier eine äusserst bunte Palette. Vielleicht wäre weniger diesmal mehr gewesen.

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