Lucerne Festival
«Kampf der Orcherster» in Luzern: Boston gegen Berlin

Faszinierend, wie unterschiedlich die Weltbesten am Lucerne Festival Schostakowitschs Sinfonien spielen: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker und Andris Nelsons mit Boston Symphony Orchestra im KKL.

Christian Berzins
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Andris Nelsons macht eine Sinfonie zu Bekenntnismusik, Simon Rattle geniesst die Brillanz seines Orchesters. Priska Ketterer/Chris Christodoulou (BBC)

Andris Nelsons macht eine Sinfonie zu Bekenntnismusik, Simon Rattle geniesst die Brillanz seines Orchesters. Priska Ketterer/Chris Christodoulou (BBC)

Marco Borggreve

Wer sich mehrmals pro Woche das Vergnügen gönnt, Lucerne Festival zu besuchen, macht eine beneidenswerte Schule des Hörens durch. Nirgendwo sonst können so wunderbar Äpfel mit Birnen verglichen werden. Beobachteten wir zu Beginn des Festivals, wie unterschiedlich Bernard Haitink (*1929) und Andris Nelsons (*1978) das vielbewunderte Lucerne Festival Orchestra (LFO) leiteten, war nun im KKL zu erleben, wie unterschiedlich Nelsons dieses für den Sommer zusammengewürfelte LFO und das alte Traditionsorchester aus Boston dirigierte.

Der Traum vom Oboenduft

Die meisterhaft vorbereiteten Amerikaner verstanden es, die Ideen ihres neuen Chefdirigenten exakt auszuführen. Allein Menschen, die noch im Himmel von dunkeleichigem deutschem Streicherklang und selig machendem französischen Oboenduft träumen, könnten einwerfen, dass diese US-Musiker Nelsons’ geheime Wünsche doch noch nicht ganz zu lesen verstehen. Amerikanisch, im negativen Sinne von «präzis, aber ohne Emotion», war dieser Klang sicher nicht. Oder wie sagte es mal der Dirigent Mariss Jansons (*1943), Nelsons’ Mentor, der eine sowjetische Musikausbildung genoss, dann das europäische und amerikanische Musiksystem kennen lernte: «Ich hätte dank der drei Systeme ein Ideal, wenn es das denn gäbe, gesammelt.»

Die Aufführung war denkwürdig. Musik so zu spielen, dass man die Interpretation mit etwas Kopfarbeit nachvollziehen, vielleicht gerade deswegen grossartig finden kann, ist einfach. Eine 55 Minuten lange Sinfonie aber so aufzuführen, dass ein ganzer Saal mit 1800 Menschen in den Satzpausen vor Beklemmung den Atem anhält und zum Schluss in erleichterten Jubel ausbricht, ist unheimlich schwer.

Das Kunststück gelang Nelsons mit einem geradezu furchterregenden Werk, mit Dmitri Schostakowitschs 10. Sinfonie, die just nach dem Tod des Diktators Stalin entstand: Wer will, liest und hört darin denn eine Auseinandersetzung zwischen Schostakowitsch und Stalin, ja, der 3. Satz soll ein Porträt des Diktators darstellen. Nelsons ist fähig, die brutale Unerbittlichkeit dieser Musik geradezu aus Klang zu formen, denn dieser Lette hat das Erbe seiner Vorgänger aufgesogen und verinnerlicht: von Maris Jansons und in diesem Fall vielleicht noch mehr von Yevgeny Mravinsky (1903–1988), dem unbeugsamsten russischen Dirigenten.

Licht wird zu grellem Schein

Man erlebte fast physisch die überscharfe Entschiedenheit des 1. Satzes, die nichts beugen konnte; man schauderte ob des Sturms im 3. Satz – und man traute keinem noch so schönen Klang im Finale. Wie auch? Nelsons leuchtete ihn dann nämlich so aus, dass das Licht zu grellem Schein wurde, Dunkelheit zu ewiger Nacht.

Die Luzerner Schüler des Hörens eilten am Dienstag zu ihrer nächsten Lektion ins KKL, denn da spielten die Berliner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Simon Rattle reizvollerweise ebenfalls eine Sinfonie von Schostakowitsch, diesmal allerdings die Vierte. Der Unterschied zu den Amerikanern war eklatant.

Einzigartig, wie raffiniert die Berliner auch auftrumpften, wie brillant Simon Rattle die Register schichtete, wie er die Urgewalt des Berliner Sounds einzusetzen wusste. Wer da nicht baff staunte, ist sich wahrlich Weltklasse schon zum Frühstück gewöhnt. Aber bei allem Zauber erreicht diese Deutung das Bedingungslose, das unnachgiebige Erfragen von Tiefe, nicht. Rattles Interpretation blieb seltsam harmlos, da dieser Schostakowitsch zu einem Virtuosenstück wurde.

Ob des Schostakowitsch-Vergleiches vergessen wir, dass der grossartige Montagabend schon vor der Pause begann, als Cellolegende Yo-Yo Ma zusammen mit dem keinesfalls abfallenden Bratschisten Steven Ansell und den Musikern aus Boston Richard Strauss’ «Don Quixote», die «fantastischen Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters», spielte. Ein Werk, das bestens in ein Festival mit dem Thema Humor passte, auch wenn niemand lachte, nicht einmal, als die Schafe in kurligen Dissonanzen blökten. Es gab vor und nachher auch viel zu viel zu staunen: über diese schwebende Intensität des Cellisten, über die Spannungsbögen von Nelsons, die Zuspitzungen, das erhabene Sterben des spanischen Helden.

Hörschüler werden gebeten, am Donnerstag wieder im KKL zu erscheinen, dirigiert doch dann Yuri Temirkanov Schostakowitschs 9. Sinfonie. Wir sind gespannt auf ihn und die Petersburger Philharmoniker. Als Hausaufgabe höre man sich Nelsons’ Aufnahme der 10. Sinfonie an und mache sich dabei schon mal Gedanken über den russischen, den amerikanischen und den deutschen Orchesterklang.

CD: Schostakowitsch: «Sinfonie 10, Andris Nelsons, Boston Symphony Orchestra, Deutsche Grammophon 2015.