Saxofonist
Jazz-Sensation des Jahres: Verschollene Aufnahmen von John Coltrane aufgetaucht

Verloren geglaubte Studioaufnahmen des grossen Saxofonisten und Erneuerers sind aufgetaucht: Bei den Aufnahmen handelt es sich um erstklassige Aufnahmen für ein komplettes Album aus den legendären Rudy van Gelder Studios in New Jersey

Stefan Künzli
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Zusammen mit anderen stilbildenden Saxofonisten festigte er die Rolle des Saxofons als Königsinstrumentdes Jazz: John Coltrane, hier an einem Sopransaxofon. Am Klavier McCoy Tyner.David Redfern/Getty Images

Zusammen mit anderen stilbildenden Saxofonisten festigte er die Rolle des Saxofons als Königsinstrumentdes Jazz: John Coltrane, hier an einem Sopransaxofon. Am Klavier McCoy Tyner.David Redfern/Getty Images

John Coltrane war schon damals ein Superstar, eine Leitfigur und Lichtgestalt des Jazz. Der grosse Saxofonist suchte nach neuen Ausdrucksmitteln und beschritt zwischen 1962 und 1965 mit seinem «Classic Quartet» und den Musikern McCoy Tyner (Klavier), Jimmy Garrison (Bass) und Elvin Jones (Schlagzeug) Neuland. In einer Reihe von Alben auf dem Label Impulse! prägte das Quartett in dieser Zeit die Entwicklung vom traditionellen zum freien Jazz.

Für den Jazz ist das gefundene Album von Coltrane, als wäre ein verloren geglaubtes Album der Beatles wieder aufgetaucht. Bei den Aufnahmen handelt es sich nicht um irgendwelche obskuren, minderwertigen Stücke, sondern um erstklassige Aufnahmen für ein komplettes Album aus den legendären Rudy van Gelder Studios in New Jersey, wo unzählige wegweisende Alben der Jazzgeschichte entstanden sind.

Die Aufnahmen stammen vom März 1963, wurden aber zunächst nicht veröffentlicht. Bei einer Aktion zur Reduktion der Lagerbestände beim Label Impulse! in den 70er-Jahren sollen die Master Tapes sogar zerstört worden sein. Doch Coltrane besass eine Kopie der Aufnahmen, die er bei seiner damaligen Frau Naima aufbewahrte. Als sich das Paar bald darauf trennte, gingen die Aufnahmen vergessen, blieben aber im Nachlass von Naimas Familie. Jetzt, 55 Jahre danach, sind sie wieder aufgetaucht und werden am 29. Juni der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Vorwärts und zurück

Welche Bedeutung haben die Aufnahmen für das Werk von Coltrane und die Jazzgeschichte? Es sei, wie wenn man einen neuen Raum in einer grossen Pyramide finden würde, sagt Sonny Rollins, der andere grosse, noch lebende Saxofonist jener Zeit. Treffend ist der Titel «Both Directions at Once», denn Coltrane bewegte sich 1963 tatsächlich in mehrere Richtungen. Er veröffentlichte die Alben mit Duke Ellington, dem Sänger Johnny Hartman sowie «Ballads». Drei wunderschön lyrisch-melodische, aber vergleichsweise traditionelle Alben. Doch 1963 war, anders, als man bisher vermuten konnte, keine Phase des Stillstands oder der künstlerischen Stagnation. Coltrane befand sich auch keineswegs in einer Schaffenskrise. Vielmehr kontrastierten die eher rückwärtsgewandten, veröffentlichten Alben der ersten Jahreshälfte mit den ungestümen, radikalen Auftritten jener Zeit. Im Live-Kontext experimentierte und erkundete Coltrane neue Wege, verwirrte und verstörte nicht nur einen Teil des Publikums, sondern auch namhafte Kritiker.

Als das Quartett am 6. März 1963 für die Aufnahmen zu «Both Directions at Once» ins Studio ging, befand es sich in einem zweiwöchigen Engagement im New Yorker Birdland. Gleichzeitig bereiteten sich die vier auf die Aufnahmen mit dem Sänger Johnny Hartman vor, die nur einen Tag nach den verschollenen Aufnahmen anstanden.

Am Scheideweg

Coltrane befand sich 1963 an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere, einem Scheideweg. Wie wenn er noch einmal Luft holen würde, um einen Gang höher zu schalten. Wie wenn er sich über seinen Weg nochmals versichern wollte, bevor er vollends zu neuen Ufern aufbrach. «Both Directions at Once», das verschollen geglaubte Werk von Coltrane, ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Der Erneuerer schaute in diesem Jahr gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Zukunft.

«Both Directions at Once» steht für den sanften Aufbruch. Coltrane hat verschiedene Versionen von «Impressions» aufgenommen. Auf dieser Version verzichtet er, im Unterschied zur Live-Aufnahme 1961 aus dem Village Vanguard, ganz auf McCoy Tyner. Ein Hinweis darauf, dass Coltrane die Klavierakkorde in seiner melodischen Entfaltung zunehmend einschränkten. Auch auf der Pop-Schnulze «Nature Boy», die Nat King Cole zum Hit machte, ist kein Klavier zu hören. Überhaupt gibt es keine Akkordwechsel, aber auch kein eigentliches Solo. Vielmehr schmückt der Saxofonist das Thema weitschweifend aus. Ganz der Jazztradition verpflichtet ist dagegen das Stück «Vilia», das es bisher erst in einer Live-Version aus dem Birdland gab.

Tradition und Aufbruch vereint Coltrane in «Slow Blues». Auch hier setzt Tyner erst gegen Schluss Akkorde, Bassist Garrison bleibt dafür relativ streng in der Bluesform und Coltrane lotet die Grenzen dieser uramerikanischen Form in zwei Soli aus, erweitert sie, ohne sie ganz zu verlassen. Unterbrochen wird Coltranes Energieausbruch von einem wunderbaren Solo des Pianisten. Es wird deutlich, dass Tyner das traditionelle Element in der Band ist. Aufbruch ist in «One Up, One Down» angesagt. Die Coltrane-Komposition, bisher nur bekannt von Live-Versionen, überrascht durch ihre spezielle Form, in der sich Schlagzeuger Elvin Jones und Coltrane die Bälle zuspielen.

Neben diesen teilweise bekannten Nummern bietet «Both Directions at Once» zwei neue, bisher unbekannte Nummern, zwei Originale von Coltrane ohne Titel. Auf den Bändern werden sie «Untitled Original 11383» und «Untitled Original 11386» genannt. Coltrane ist hier beide Male am Sopransax zu hören und beide erinnern melodisch an seinen Hit «My Favorite Things». Beide Stücke sind speziell. «11383», weil Jimmy Garrison eines seiner seltenen, gestrichenen Bass-Solos spielt und «11386» überrascht durch seine Form, weil Coltrane zwischen den Soli immer wieder auf das Thema zurückkommt.

Lücke wird geschlossen

Doch weshalb wurde das Album nicht veröffentlicht? An der Qualität, das wissen wir jetzt, kann es nicht gelegen haben. Entscheidend waren wohl kommerzielle Überlegungen des Labels. Bevor er 1962 zum kleinen Label Impulse! stiess, landete Coltrane mit «My Favorite Things» einen kommerziellen Erfolg, einen Radio-Hit, der ihn bei einem breiten Publikum bekannt machte und seinen Status als Superstar des Jazz untermauerte. Impulse! war unter Druck und wollte mit einer Reihe von Alben auch den breiten Musikgeschmack bedienen. Da passten die Aufnahmen vom 6. März nicht hinein. Die Aufnahmen wurden eingelagert und gingen vergessen. Mit der Veröffentlichung von «Two Directions at Once» wird jetzt, 55 Jahre danach, eine wichtige Lücke im Werk des Meisters auf dem Weg in neue Sphären geschlossen. Das Bild von Coltrane wird vervollständigt, die Pyramide zu Ende gebaut.