Konzertkritik
Irreparabler Kunstwahnsinn – Lady Gaga im Hallenstadion

Superstar Lady Gaga sang vor 13000 munteren Fans – und einem Meinungslosen – im Zürcher Hallenstadion.

Christian Berzins
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Lady Gaga auf artRAVE-Tour in London - in Zürich waren keine Fotografen zugelassen.

Lady Gaga auf artRAVE-Tour in London - in Zürich waren keine Fotografen zugelassen.

DUKAS

Sind wir blöd, so viel von Lady Gaga erwartet zu haben? Nicht von ihrer Musik: Die war mehr als okay – die Balladen gar schön.

Dass es mehr als 27 Lastwagen braucht, um die Gaga-Bühne durch die Welt zu fahren, liess uns von einer grandiosen Pop-Inszenierung träumen. Aber ausser ein paar Riesenblumen und einem ausfahrbaren Sessel – Dinge also, die auf jeder Theaterbühne normal sind – gab es im Zürcher Hallenstadion wenig zu bestaunen: Oder ist der transparente Catwalk so einzigartig? Symbolisiert er gar die Transparenz der Kunstfigur Lady Gaga?

Bleiben wir – vorerst – auf dem Boden! Schade, reicht hier das Geld bloss für 14 Tänzer, die von der Riesenfläche eingesogen werden und nichts zum Bühnenspektakel beitragen können. Und ganz ehrlich: Ausser einem neckischen Tintenfisch-Kostüm waren die berüchtigten Gaga-«Kleider» auch nicht umwerfend originell. Egal.

Der Gesamtkunstwerkwahn

Leise enttäuscht waren wir, da wir uns von Lady Gaga mehr als einen Popstar erhofften. Immerhin wählte das «Time Magazine» die 28-Jährige zur zweiteinflussreichsten Person der vergangenen zehn Jahre. Und ihr Ausdruck eines umfassenden Kunstwollens ist faszinierend – er ist Richard Wagners Gesamtkunstwerkwahn nicht unähnlich.

Diese Frau wolle nicht die Popularisierung der Kunst, sondern die Verkunstung des Pop, lehrt uns die «ZEIT». Und um das zu unterstreichen, sagt Lady Gaga selbst: «Kunst, übernimm die Verantwortung über mich! Ich bin bereit! Kunst, kontrolliere den Pop!»

Kein Wunder, scharren sich US-Kunstikonen wie Jeff Koons, Robert Wilson, David LaChapelle, Terry Richardson oder Marina Abramovic um die Musikerin, um den Andy Warhol unserer Tage, wie die amerikanische Gender-Aktivistin Judith Halberstam meint.

Nicht wie die Pop-Sternchen Miley Cyrus und Katy Perry sei Gaga, so Halberstam, die doch bloss ihre Titten und Ärsche in den Vordergrund stellen würden, um die Jungen zum Kreischen zu bringen: «Diese Art Idol war Gaga nie, die Anspielungen auf mythologische und künstlerische Kontexte richten sich an ein älteres, kenntnisreicheres Publikum.» Was andere verbergen, die Herstellung eines Images, lege sie offen.

Die zwei 14-jährigen Mädchen vor uns verstanden die Anspielungen auf die mythologischen und künstlerischen Kontexte offenbar besser als wir, gerieten darob gar ins ... Kreischen.

Aber gut: Gaga zieht sie sich einmal tatsächlich auf der Bühne um. Seht zu, wie ich mein Image verwandle! Doch die vermeintlich überraschende Brechung wird zum weltweit verbreiteten Spektakel, zum Werbespot in eigener Sache: Wer gute Augen hat, sah gar die weissen Brüste und den runden Hintern. Ein Königreich für einen Operngucker!, hätte man früher geschrien, heute gibt es Smartphones: Deshalb kann die gleiche Szene vom Wiener Konzert am 2. November nun auf Youtube nachgeschaut werden.

Plaudereien von einer guten Welt

Wer nur eine halbe Kritik aus Wien oder Mailand gelesen hatte, wusste schon doppelt zu viel, was in Zürich kommen wurde. Ein auf die Bühne geworfenes Holzfäller-Hemd, das Gaga sogleich anzog? Ein Liebesbrief eines Fans, der dann am Klavier neben Gaga Platz nehmen durfte? Eine Bierdusche? Rührende (aber auch anbiedernde) Fan-Streicheleinheiten? Plaudereien von einer guten Welt, in der alle schrägen Vögel Platz finden? Bingo!

«Irreparabler Kunstwahnsinn!», hätte der Schriftsteller Thomas Bernhard das vor 30 Jahren genannt. «Jeder hat eine Meinung zu Gaga», behauptete die «ZEIT».

Wir, pardon, haben sie noch nicht, wenn auch klar wurde: Da ist mehr als Bier und Busen.

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