Reihe

In der Basler Elisabethenkirche gibt es Lunch garniert mit klassischer Musik

Mittagskonzerte sind wieder im Trend, die mimiko-Reihe in der Elisabethenkirche hat vorgespurt.

Anja Wernicke
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Seit 20 Jahren lädt die mimiko-Reihe in die Offene Kirche Elisabethen. Vor einer Woche spielte Organistin Ekaterina Kofanova die Symphonie-Passion.

Seit 20 Jahren lädt die mimiko-Reihe in die Offene Kirche Elisabethen. Vor einer Woche spielte Organistin Ekaterina Kofanova die Symphonie-Passion.

Kenneth Nars

Es ist wie ein Ritual, wie andere zum Stammtisch gehen oder zum Gottesdienst. Da geht also einer seit 20 Jahren jeden Mittwochmittag in die Elisabethenkirche zum Konzert. Er folgt dabei einem «inneren Bedürfnis» und verabschiedet sich an diesem Aprilwettertag nach der halben Stunde Musik «zufrieden», wie er sagt. Und tatsächlich strahlt er vor Freude und kündigt an: «Jetzt gehe ich spazieren.»

Sein Name ist Philipp Plattner und er ist der wohl treuste Konzertgänger der mimiko-Reihe, der Mittwoch-Mittag-Konzerte in der Elisabethenkirche. Diese wurden vor über 20 Jahren von der Christoph Merian Stiftung ins Leben gerufen und bis Ende 2016 von dieser finanziert. Seit über einem Jahr steht die Reihe auf eigenen Beinen. Der Kulturmanager Dieter Zimmer und der Dirigent Christian Knüsel haben es geschafft, das Ritual dank öffentlicher und privater Fördergelder aufrecht zu erhalten.

Kurz-Konzerte

Musik zum Zmittag

Diese Woche können Sie in Basel folgende Mittagskonzerte erleben:
mimiko in der Offenen Kirche Elisabethen: Gitarrenduo Noemi Locher & Esther Thommen. Musik von Presti, Sor. Mi, 11.4., 12.15 Uhr. Schola Cantorum Basiliensis, Kleiner Saal: (late) Birthday Party for Bach, 12.30 Uhr. Gesang und Cembalo. Mi, 11.4., 12.30 Uhr. For Young Musicians: Bürokonzert. Tom Lardat (Klavier) spielt Fantasie in C-Dur op.17 von Schumann. Bernoullistrasse 4, Do, 12.4., 12.30 Uhr.

Bühnenerfahrung für Studierende

Nach wie vor sind es Studierende der Musik-Akademie Basel, die hier auftreten, um Bühnenerfahrung zu sammeln. Hinzugekommen ist ein Orgel-Programm, das jeweils am ersten Mittwoch des Monats stattfindet, sowie Kooperationen mit anderen Veranstaltern wie dem Festival «frauenkomponiert», dem Schweizer Architekturmuseum oder dem Projekt Superar, bei dem Kinder mit Profimusikern spielen. Auch die Programmauswahl hat sich verändert wie Dieter Zimmer erklärt: «Uns ist es wichtig, dass wir die Programme thematisch mit den Musikern abstimmen. Sie sollen nicht nur ihr Standardrepertoire spielen, sondern zum Beispiel auch Musik aus ihren Herkunftsländern.»

Keine strengen Konventionen

An diesem Aprilmittwoch gibt es passend zum gerade vergangenen Osterfest die Symphonie-Passion von Marcel Dupré (1886-1971) zu hören. Ein beeindruckendes Werk, das auf einer Improvisation des Komponisten beruht. Dupré, der als bedeutendster französischer Orgelvirtuose seiner Zeit gilt, improvisierte fünfstimmige Fugen ad hoc. An diesem Mittag wird das Werk von der weissrussischen Organistin Ekaterina Kofanova gespielt.

Ein berührendes Stück Musik, das jedoch zu dieser Mittagsstunde in der Elisabethenkirche jeder auf seine Art erleben darf. Ob Zeitung lesend, träumend oder herumgehend. Bei mimiko herrschen nicht die üblichen Konventionen. Das ist vielen Besuchern wichtig. «Das Publikum war über die Jahre immer sehr gemischt. Von Geschäftsleuten bis hin zu Sozialempfängern», sagt Lucas Rössner, der die Reihe bis 2016 künstlerisch geleitet hat.

«Man wird nicht so eingeordnet. Manch einer brachte seinen Hund mit, ein anderer wollte immer am gleichen Platz sitzen, der nächste während dem Konzert einen Kaffee trinken.» Bei mimiko ist vieles möglich. An die 80 Personen versammeln sich jeweils zum Konzert.

Rückbesinnung auf Vielfalt

Die Konventionen lockern und mehr Offenheit zulassen, das ist seit einigen Jahren ein Trend bei Veranstaltern. Man denke zum Beispiel an die lockere Atmosphäre bei den Cocktailkonzerten des Sinfonieorchester Basel oder an die Sinne anregende Pausen-Suppe während der Haydn-Nächte des Kammerorchester Basel.

Auch die mimiko-Reihe ist nicht mehr allein. Mittagskonzerte gibt es mittlerweile an der Musikschule im Haus Kleinbasel, an der Musik-Akademie selbst, im Büro der Foundation for Young Musicians in der Bernoullistrasse. Ebenso laden das Sinfonieorchester und das Kammerorchester gelegentlich zu offenen Proben über Mittag ein.

Im verstaubten Konzertbetrieb wirken diese Formate wie neue Errungenschaften. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Neu sind diese Ideen nicht. Bevor sich im 17. und 18. Jahrhundert die standardisierte Form des abendlichen Sinfonie- oder Kammermusikkonzerts mit neu gebauten Konzertsälen und Verhaltenscodes (von schicker Kleidung bis eloquenter Bewertung des Gehörten) herausbildeten, fanden Konzerte in unterschiedlichsten Situationen statt: In Privaträumen oder auch in öffentlichen Parks. Da gab es Wettkämpfe für Meistersinger und Spielmannszüge, von Renaissance- und Barockfürsten bestellte Festmusiken aber auch Wirtshausunterhaltung.

Dabei ging es nicht nur um das reine Musikerleben, sondern vielmehr ums Essen, um soziale und gesellschaftliche Begegnungen sowie um Unterhaltung. Auch parallel zum klassischen Konzertleben hielten sich Restaurations-Konzerte, Thés musicals, Frühschoppenkonzerte bei Bier und Tabak, «Concerts à la Strauss» mit anschliessendem Ball oder eben Lunchtime Concerts.

Aber diese Formate standen in der Kritik. Wer heute die Eventisierung und Banalisierung des Konzerts beklagt, der wird sich vielleicht in diesem Bericht aus der beliebten Zeitschrift «Die Gartenlaube» aus dem Jahr 1886 wiederfinden: «Es gewährt einen eigenthümlichen Anblick, wen man während der C-moll Symphonie Beethoven’s ringsherum Gänseklein, Hühnerfrikassee, ja sogar Klappstullen mit duftendem Harzer Käse verzehren sieht; geräuschlos gleiten Gabel und Messer durch Schnitzel und Kotletten, so geräuschlos wie die stählernen und hölzernen langen und kurzen Nadeln in den Händen der Damen, die der Musik lauschend, endlose Tischläufer, zierliche The-Servietten, warme wollene Capuchons und Schlummerrollen entstehen lassen.» Klassische Musik und Stricken ist dagegen ein Format, das es noch wiederzubeleben gilt.