Volksmusik
«Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt»

Die Jodlerin und Songschreiberin Melanie Oesch (26) über die Vorurteile, mit denen sie konfrontiert ist, ihre Glücksgefühle und ihr neues Album «Wurzeln und Flügel».

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«Manchmal muss man einen Akzent setzen, mit dem Risiko, treue Fans für einen Moment zu verärgern»: Melanie Oesch. Nadja Frey

«Manchmal muss man einen Akzent setzen, mit dem Risiko, treue Fans für einen Moment zu verärgern»: Melanie Oesch. Nadja Frey

Für wen machen Sie Musik?

Melanie Oesch : In erster Linie machen wir mit Oesch’s die Dritten Musik, die uns persönlich gefällt. Aber jeder in unserem Sextett hat seine speziellen Vorlieben, die beim Publikum auch unterschiedlich gut ankommen. Bei den Konzerten nehmen wir diese Reaktionen auf. So hat sich unser Live-Stil entwickelt, eine Mischung aus unseren Interessen und dem, was die Fans besonders mögen.

Spüren Sie eine bestimmte
Erwartungshaltung?

Ja, aber wir können gut mir ihr umgehen. Wir sind eher stur und liessen uns noch nie gerne reinreden. Das hat sich ausbezahlt, weil unsere Eigenständigkeit viel zu unserem Erfolg beigetragen hat.

Welches ist Ihr grösstes
Glücksgefühl auf der Bühne?

Sobald man merkt, dass sich die eigene Begeisterung für ein Lied aufs Publikum überträgt, ist das der ultimative Moment. Es spielte dabei keine Rolle, ob es sich um die Coverversion eines traditionellen Lieds oder um eine Eigenkomposition handelt – es geht um das Gefühl, wenn die Luft knistert.

Wann passiert das?

Das ist nicht vorhersehbar. Es gibt zwar gewisse Lieder, auf die man sich von Anfang an wie ein Kind auf Weihnachten freut, aber vor allem spornt mich das Publikum zu Leistungen an, die ich im Proberaum nie bringen könnte.

Wann haben Sie das zum ersten
Mal erlebt?

Meinen allerersten Auftritt hatte ich, als ich fünf Jahre alt war. Ich habe zwei Lieder gesungen, beim zweiten aber den Text vergessen. Für mich war es ziemlich schlimm, aber beim Publikum hat es die Spannung gelöst. Der Fehler trug mir fast mehr Sympathien ein als der gelungene Vortrag. Trotz des Missgeschicks hat es mich schon damals gepackt. Ich liebe die Bühne, hatte noch nie Lampenfieber im Sinne von Angst. Spannung und ein Kribbeln spüre ich zwar, aber mehr aus Vorfreude.

Wie entstand das Sextett?

Mein Grossvater hat Ende der Siebzigerjahre das Trio Oesch gegründet. Er machte Unterhaltungs- und Tanzmusik. Mein Vater war lange Mitglied des Trios, hatte aber parallel noch sein Schwyzerörgeliquartett Stockhorn. Und beide haben viele Jahre auch die Jodlerfründe vo Stauffenalp musikalisch begleitet. So wurde bei uns zu Hause viel geprobt. Für uns Kinder war das ein Riesenhighlight. Die Musik hat mich begeistert, und ich wollte unbedingt jodeln.

Was reizte Sie besonders?

Das ständige Wiederholen, bis es stimmt, bei den Proben hat mich fasziniert. Und das Haus war immer voller Musik. Ich und meine Brüder wollten ein Teil davon sein. Das war für uns eine enorme Motivation, zu üben. Mein Vater hat Stücke extra für uns arrangiert. Manchmal sind alle drei Formationen am gleichen Abend aufgetreten. Schnell hiess es: «Das ist typisch Oesch!» Obwohl mein Grossvater, mein Vater und ich unterschiedliche Funktionen hatten, haben die Leute gespürt, dass wir die gleiche Botschaft oder Philosophie haben.

Wie würden Sie diese beschreiben?

Das unterhaltende Element ist wichtig. Die Verbreitung von Lebensfreude. Das Pflegen von gewissen Traditionen, aber auch das Experimentieren. Wir bringen immer wieder neue Stilelemente hinein. Zusätzlich spielt der Aspekt eine Rolle, dass wir eine Familie sind. Es besteht über die Generationen hinweg ein Zusammenhalt und gegenseitiger Respekt.

Melanie Oesch (z.v.r.) mit ihrer Familienband (Pressebild)

Melanie Oesch (z.v.r.) mit ihrer Familienband (Pressebild)

Keystone

Oesch's die Dritten: seit 1997 auf Tour

Die Jodlerin, Sängerin und Songschreiberin Melanie Oesch wurde am 14. Dezember 1987 geboren und wuchs im bernischen Schwarzenegg auf. Seit 1997 tritt sie mit Vater Hansueli (56), Mutter Annemarie (51) und den Brüdern Mike (25) und Kevin (23) als Oesch’s die Dritten auf, Urs Meier (33) spielt seit 2011 das Akkordeon. Seit dem Sieg mit Peter Hinnens «Ku-Ku-Jodel» im Nachwuchswettbewerb des «Musikantenstadls» (2007) und bei «Die grössten Schweizer Hits» (2008) ist das Sextett in der Volksmusik eine feste Grösse. Auf ihrer neuen CD «Wurzeln und Flügel», das in der Schweizer Hitparade Platz 6 erreichte, überzeugt die Gruppe mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Eigenkompositionen und Coverversionen, die teils erfrischend modern, teils mit Retro-Charme interpretiert werden.

Wie gehen Sie damit um, dass manche Leute Ihre Arbeit belächeln?

Musik ist Geschmackssache. Manche finden sie zu kommerziell, andere zu wenig traditionell, oder wir müssten ganz auf die moderneren Elemente setzen. Manche mögen die Musik, aber das Drumherum nicht. Oder sie finden meinen Vater toll, weil er auf der Bühne die Person mit der meisten Energie ist und alle mitreisst. Wer uns belächelt, kennt uns meist nur oberflächlich, macht sich vielleicht vorschnell eine Meinung aufgrund von Dingen, die er sieht oder hört. Aber das ist ein allgemeines Problem, dass sich die Leute kaum mehr Zeit nehmen, um sich gründlich mit etwas zu beschäftigen.

Wie waren die Reaktionen auf
das erfrischende Schwingfest-Lied und Video «Da Da Muh!»?

Das Lied hat die Leute gespalten. Kaum jemand fand es einfach «okay». Entweder hat es sehr gefallen oder total missfallen. Das wollten wir auch. Manchmal muss man einen Akzent setzen, mit dem Risiko, treue Fans für einen Moment zu verärgern. Es kamen Briefe von Menschen, die «Da Da Muh!» völlig daneben fanden, aber genauso begeisterte Zuschriften von Schulklassen, die es inklusive Choreografie aufgeführt haben. Manchmal sollte man über Sachen auch nicht zu viel nachdenken, sondern sie einfach machen!

Wie hat sich das auf dem aktuellen Album niedergeschlagen?

Es hat einen klassischen Natur-Jutz (Naturjodel) drauf, aber auch einen Rock-’n’-Roll-Song aus den 1950er-Jahren, dessen Arrangement für unser Sextett eine ziemliche Herausforderung war. Daneben gibt es Coverversionen aus dem Volksmusik-Bereich, eine dreisprachige Fassung des Evergreens «Die Sonne erwacht in den Bergen» und Lieder mit nachdenklicheren Texten wie den Titelsong, in dem es um gesellschaftliche Werte geht, die auch bei uns am Küchentisch immer wieder ein Thema sind.

Was bedeuten Ihnen «Wurzeln und Flügel»?

Dass wir eine Familientradition weiterführen und trotzdem mit der Zeit gehen. Unsere Musik ist handgemacht, ob auf der CD oder live. Alles, was man hört, sieht man auch. Es gibt keine fremden Instrumentalisten und keine Computereffekte. Wir streben eine gewisse Einfachheit an und wollen uns nicht als Stars präsentieren. Es würde nicht zu uns passen, uns in Limousinen zu den Konzerten chauffieren zu lassen.

Wie schwierig war es für Sie, sich im Rampenlicht vom Mädchen zur Frau zu entwickeln?

Ich hatte nie das Gefühl, dass etwas nicht so wäre, wie es sein sollte. Viele haben den falschen Eindruck, dass wir noch ein Familienleben führen würden wie damals, als alle Kinder noch zur Schule gingen. Dabei sind wir zu Hause ausgezogen, wohnen allerdings noch unter dem gleichen Dach. Dafür hat unsere Emanzipation auch auf einer anderen Ebene stattgefunden: Meine Eltern, die schon immer sehr kooperativ waren und Lieder ins Repertoire aufnahmen, die ihnen nicht auf Anhieb gefielen, akzeptieren, dass unsere Generation nun den Takt angibt. Ich bewundere, wie sie das akzeptieren, obwohl mein Vater uns ein paar Jahrzehnte Bühnenerfahrung voraus hat.

Zum Schluss der CD lehren Sie noch Pippi Langstrumpf das Jodeln. Was verbindet Sie mit ihr?

Die Idee zum Lied kam von meinem Bruder Kevin. Pippi ist jedoch auch für mich eine Kultfigur. Ihre Einstellung «Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt» nehmen wir uns mit der Band zum Vorbild und ich mir ganz persönlich, wenn ich mal ausspannen will.

Melanie Oesch auf der Bühne. (Archiv)

Melanie Oesch auf der Bühne. (Archiv)

Keystone

Oesch’s die Dritten: «Wurzeln und Flügel» (Universal Music).

Live: 31.7., Flumserberg Schlager-Open- Air; 7.8., Zofingen Heitere-Open-Air; 8.8., Klosters Gatschiefer-Open-Air; 20.9., Einsiedeln; 27.9., Dielsdorf; 27.11., Winterthur.

TV: Best of «Musikantenstadl» (26.7. SRF; 16.8. ARD). www.oeschs-die-dritten.ch

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