James Gaffigan
«Ich bin nie glücklich mit einer Aufführung»

James Gaffigan ist Chefdirigent beim Luzerner Sinfonieorchester – und drauf und dran, die Musikwelt zu erobern.

Christian Berzins
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James Gaffigan, Chefdirigent des Luzener Sinfonieorchesters.

James Gaffigan, Chefdirigent des Luzener Sinfonieorchesters.

Christian Flierl/LSO

Noch keine zwei Minuten miteinander gesprochen, am Küchentisch in der Geschäftsstelle des Luzerner Sinfonieorchesters (LSO) noch nicht mal die netten Floskeln hinter sich, sagt dieses Gegenüber mit leuchtenden Augen: «Ich liebe Menschen mit hohen Ansprüchen.» Und mittendrin sind wir in seiner Welt. Denn das ist ein typischer Satz für den Dirigenten James Gaffigan.

Nichts mag der 36-jährige Amerikaner mehr, als Künstlern zu begegnen, bei denen er bereits staunt, wenn sie in den Proberaum treten und die ihn alsbald so sehr herausfordern, dass er meint, auf Eiern zu gehen. Pianistenlegende Krystian Zimerman sei so einer, aber eben auch Vadim Gluzman. Gaffigan und sein LSO nahmen im November zusammen mit dem famosen russischen Geiger das vielgespielte Violinkonzert von Johannes Brahms auf.

Aufgezeichnet wurde sowohl im Konzert als auch während der Proben. Für Gaffigan ist das ein Ideal, denn einerseits liebt er es, festzuhalten, was da am Abend aus einem Guss und ohne Unterbrechung dem Publikum geboten wurde. Aber da ist auch der Perfektionist Gaffigan, der vor und nach dem Konzert versessen an Details proben kann.

Man merkt schnell, wie sehr diese zwei Welten getrennt sind – und im Kopf dieses Dirigenten eins werden müssen. «Im Konzert gibt es magische Momente, die kann man nie wiederholen», sagt er so sanft. Für ihn ist klar, dass ein perfektes Konzert nicht zwingend eine gute CD ergeben muss. «Als ich im Konzertsaal Bruckners 7. Sinfonie mit dem Cleveland Orchestra und Franz Welser-Möst hörte, dachte ich, das beste Konzert meines Lebens gehört zu haben. Danach auf CD war es aber überhaupt nicht die gleiche Erfahrung.»

CDs machen ihn nervös

Einst als Student lernte er auf CD die Berliner oder die Wiener Philharmoniker kennen. Heute mag er keine Orchestermusik-CDs mehr hören, sie macht ihn nervös. «Mahlers Vierte, dirigiert von Bernard Haitink? Schrecklich, weil es so grossartig ist! Da höre ich gleich in 1000 Details rein.» Statt Genuss wird jedes CD-Hören sogleich zu einem kleinen Kapitel im grossen, ungeschriebenen Lehrbuch des Dirigenten Gaffigan. Mit polierter Mittelmässigkeit will er sich nicht begnügen.

Kann dieser eloquente und charmante Amerikaner Musik überhaupt geniessen? Er zögert, sagt dann aber sehr bestimmt: «Ich kann ein grosses Konzert nach dem letzten Paukenschlag durchaus feiern und sehr stolz sein. Aber ich bin nie völlig glücklich mit einer Aufführung.» In Luzern musste Gaffigan am Anfang gar aufpassen, nicht jedes kleinste Detail zu regeln. «Irgendwann begannen wir uns zu vertrauen – da stieg das Qualitätslevel extrem an.»

Man kann sich gut vorstellen, dass Musiker bisweilen vor den Ansprüchen Gaffigans erbleichen. Sein Chef, der LSO-Intendant Numa Bischof, sagt darüber: «James fordert viel, aber auf charmante Art. Das Orchester ist hungrig und durstet nach der Zusammenarbeit mit ihm.»

Falls nötig, gewährte Bischof dem Dirigenten auch mal mehr als die normalen, für Laien eher kurzen zweieinhalb Tage Probezeit vor dem Auftritt. Doch Gaffigan verzweifelt nicht an dieser weltweit bestehenden und meist unantastbaren Tatsache, sondern sagt keck: «Gute Dirigenten wissen, was sie mit guten Orchestern proben müssen.»

Dann lächelt er bei der Frage, ob er in der Wiener und der Münchner Staatsoper für die Repertoire-Abende (Wiederaufnahmen) jeweils überhaupt Probezeit zur Verfügung gehabt habe. Natürlich gab es keine und trotzdem war er nach den Aufführungen beglückt. «Die sind so gut! Wenn die Wiener den Dirigenten und die Sänger mögen, dann wird es unheimlich grossartig. Ich glaube an ihren Mozart-Klang.» Und die Wiener glaubten an Gaffigan.

Gaffigans Wunschliste

Obwohl im Dezember 2015 eines der wichtigsten persönlichen Debüts anstand, jenes «zu Hause» beim legendäre New York Philharmonic Orchestra, stehen schon ein paar Orchester auf seiner Wunschliste. Noch fällt es ihm auch auf, wenn sein Name auf den Konzertplakaten New Yorks zu lesen ist. Und er erwähnt, wie speziell es für ihn sei, in Wien jenem Konzertmeister die Hand zu geben, den er von den DVDs mit Carlos Kleiber her kenne.

Sechs Jahre ist er noch in Luzern, es ist keine Durchgangsstation, hier ist er mit Frau und Kind angekommen. Dereinst will er als Dirigent eines grossen Sinfonieorchesters ins KKL zurückkehren, ans Lucerne Festival.

Konzerte in Luzern: Mi 17. und Do 18. Februar, 19.30 Uhr. Mi 2. und Do 3. März, 19.30 Uhr, KKL (LSO und Gaffigan).

CDs mit dem LSO und Gaffigan:

Dutilleux/Debussy, Tout un monde lointain, harmonia mundi 2015; Dvorak, Sinfonie Nr. 6 & Amerikanische Suite, harmonia mundi 2014.

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