Soul
«Ich bin meistens auf der Couch gesessen und hab das Ding eingesungen»

Der deutsche Sänger Xavier Naidoo spricht im Interview über sein neues Album «Bei meiner Seele» und den Rebellen in seiner Musik. Im Sommer tritt er an verschiedenen Schweizer Festivals auf.

Marc Mühlenbrock
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Ebenso umstritten wie erfolgreich: Xavier Naidoo. HO

Ebenso umstritten wie erfolgreich: Xavier Naidoo. HO

Der Juryjob bei der TV-Castingshow «The Voice of Germany», sein Streit mit dem Rapper Moses Pelham bis vor Gericht – oder auch das Image des christlichen Fundamentalisten:

Der Sänger Xavier Naidoo hat sich in den letzten Jahren immer wieder als zuverlässiger Produzent von nicht nur positiven Schlagzeilen erwiesen.

Auf seinem neuen Album «Bei meiner Seele» dominieren nun aber eher die leisen, persönlichen, auch selbstkritischen Töne.

In schlichten, souligen Balladen gibt Naidoo Einblick in sein Gefühlsleben – leidenschaftliche Litaneien mit Erlöserpathos fehlen weitgehend.

Xavier Naidoo (41)

Geboren in Mannheim als Sohn eines deutschindischen Vaters und einer arabischstämmigen Südafrikanerin. Im Gospelchor begann der gläubige Christ zu singen und wurde 1994 als Duettpartner der Rapperin Sabrina Setlur bekannt. Schon mit seinem ersten Soloalbum «Nicht von dieser Welt», auf dem er gefühlvollen Soul mit seiner Botschaft von Respekt und Nächstenliebe verband, wurde er zum umjubelten Star und zur Reizfigur. Parallel zu seiner Solokarriere engagierte er sich bis vor kurzem im Musikerkollektiv Die Söhne Mannheims und nahm 2012 mit Rapper Kool Savas ein Album auf. Die neue Solo-CD «Bei meiner Seele» stieg auf Platz 3 in die Schweizer Hitparade ein. (rhö)

Wie lief die Produktion des neuen Albums ab?

Xavier Naidoo: Es ging erschreckend schnell. Produzent Jules Kalmbacher ist sehr jung, 22. Er haut sich die Nacht um die Ohren ohne weiteres. Er hat das Ding so schnell fertiggemacht, in Rekordzeit. Das bedeutet auch, dass es relativ unverfälscht ist. Ich bin meistens auf der Couch hinter ihm gesessen und hab das Ding eingesungen. Es ist ein sehr intimes Album.

Auf «Deine Last» begleitet Sie Moses Pelham. Haben Sie sich versöhnt?

Ein gemeinsamer Freund hat einen alten Trick angewandt. Er hat gesagt, der Moses würde sich gerne mit mir treffen, und zum Moses hat er gesagt, ich würde mich gerne mit ihm treffen. Er hat den Rahmen gestaltet, sehr liebevoll. Da haben wir mit viel gutem Wein und warmen Worten wieder zueinandergefunden.

Auf «Bei meiner Seele» covern Sie auch den bekannten Song «Junge» der Band Die Ärzte. Wie kam es dazu?

Ich fand den Song schon immer einfach geil und habe mir vorgestellt, ihn in einer langsameren Version zu machen, damit die Melodie ein bisschen besser herauskommt. Lustig und positiv schockierend war auch, dass in der Nacht, als der Song fertig war, in der Zeitung stand, dass Heino «Junge» covert.

Haben Sie sich inzwischen vom Rebellen in einen ähnlich konservativen Charakter verwandelt wie die Eltern in dem Song «Junge»?

Überhaupt nicht, nein. Gott sei Dank erkenne ich mich immer noch wieder. Ich fühle mich immer noch dem Typen verpflichtet, der ich mit 20 war. Auch dem Revoluzzer. Klar, entwickle dich weiter, aber vergiss nicht, wer du warst und wo du herkommst. Ich würde von mir behaupten, dass ich das immer noch ganz gut hinkriege. Deswegen ist es für mich lustig, das zu singen. Die Ironie in diesem Text ist einfach herrlich.

Gibt es eine Art roten Faden auf dem Album «Bei meiner Seele»?

Ich glaube, dass Jules und seine Musik aus mir etwas anderes herausholen. Das ist jetzt eben eine Musik, die für viele «das» Ding ist an Musik: Gitarrenmusik. Das habe ich bisher eigentlich selten gemacht, liebe ich aber sehr. Gerade so gezupfte Sachen.

In «Hört, hört» geben Sie einen Einblick in das Leben eines Songschreibers. Verändern sich Ihre Texte auch mit Ihnen, ist ein Song nie ganz fertig?

Ich bin eher ein Bewahrer dessen, was auf Papier passiert ist. Nach dem Schreibprozess würde ich nicht nochmals rangehen und das verändern. Ich höre einfach nur, was mir die Musik sagt. Wenn sie mir ein kontroverses Thema diktiert – klar, das kommt vielleicht aus der Tiefe meines Unterbewusstseins. Aber man denkt dann: «Wie kann das alles so schnell kommen, diese Melodie und der Text?» Aber du musst dich immer wieder so offenbaren, sonst braucht man es nicht sein Fach oder seinen Beruf zu nennen.

Was gefällt Ihnen besser, wenn Sie im Sommer auf Tournee sind: Auftritte an Festivals oder als einziger Künstler?

Wenn man in Österreich oder der Schweiz mehrere Festivals hat, fahren wir nach Möglichkeit zwischendurch in die Berge oder nach Italien und übernachten dort. Dieser urlaubs- oder klassenfahrtmässige Teil ist geil, aber eine Tournee hat auch immer harte Seiten. Vor allem das Bewusstsein, dass du bei jedem Konzert deine Leistung abrufen können musst, ist schon heftig.

Haben Sie Angst, krank zu werden?

Ja, das ist das Damoklesschwert, das immer über dir schwebt und runterzusausen droht. Schliesslich sind hundert Leute mit dir unterwegs. Wenn du abends nicht das i-Tüpfelchen auf ihre Arbeit lieferst, fühlst du dich schlecht. Ich weiss nicht, ob ich je ein Konzert absagen musste, aber es ist das Letzte, was man tun will.

Xavier Naidoo Bei meiner Seele, Musikvertrieb.

Konzerte Xavier Naidoo & Quartett,
3. Juli, Festival St. Peter At Sunset, Kestenholz SO. Xavier Naidoo im Duo mit dem Rapper Kool Savas: 5. Juli, Touch The Lake Festival, Zürich. 6. Juli, Summerstage, Basel. 17. August, Open Air Gampel.