Kultur im Advent
Holy Kitsch! So klingt der Advent 2015

Die weihnachtliche Popmusik ist der Soundtrack zum Advent. 55'593 Tonträger führt der Onlinedienst Amazon unter dem Stichwort «Christmas», und es werden immer mehr.

Stefan Künzli
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Helene Fischer, Kylie Minogue und Mireille Mathieu versorgen uns in diesem Jahr mit neuen Versionen der triefenden Popsülze. Auch in der Schweiz verschreiben sich immer mehr Musiker diesem Pop-Genre. Bo Katzman war mit seinem Chor der Pionier, jetzt ist er auf seiner letzten Tour. Doch für Nachwuchs ist gesorgt. Der junge Ostschweizer Sänger Patric Scott hat mit vielen Gastsängern ein ambitioniertes Weihnachts-Album aufgenommen.

Für Jazz-Fans: Barbara Dennerlein: Christmas Soul

Weihnachten im Sommer? Dieses Album wäre der perfekte Soundtrack. Als die deutsche Jazzorganistin Barbara Dennerlein ihr Weihnachtsalbum «Christmas Soul» (Edel) diesen Sommer im italienischen Bari aufnahm, war Weihnachten auch noch weit weg. Vielleicht deshalb kommen die traditionellen Weihnachtslieder so süffig und swingend daher. Dennerlein taucht mit ihrer Hammondorgel Stücke wie «O Tannenbaum» und «Silent Night» in ein jazzig-groovendes Gewand, und verblüffenderweise klingt das überhaupt nicht seltsam. Als hätte die Musikerin einfach Patina abgekratzt und hervorgeholt, was unentdeckt schlummerte: der Jazz in den alten Klassikern. Die Sängerin Zara McFarlane verleiht den Songs zusätzlich jede Menge Soul. So möchte man schmunzeln und tanzen zu dieser Musik, einen oder viele Cocktails trinken, sonnenbaden. Klar: Das Urchig-Besinnliche geht da flöten. Dafür gibts Weihnachten mit Stil und Eleganz. (mk)

Schuld ist Bing Crosby. Der amerikanische Sänger hat 1942 die Ära des Christmas-Pop begründet. Seither ist die industrielle Verarbeitung der weihnächtlichen Popmusik stetig gewachsen.

Die jubilierende Popsülze gehört heute zur vorweihnächtlichen Zeit wie der Adventskranz zum Advent oder Kerzen zum Weihnachtsbaum. Nein, Christmas-Pop, dieser hemmungslose opulente Sound in Pomp und Kitsch, ist nichts für Weihnachtsmuffel.

Für Chanson-Fans: Mireille Mathieu: Noël

Mireille Mathieu? Ja, die gibt es noch. Und sie rollt das «R» immer noch so neckisch wie in den wilden Sechzigern. Mit ihrem neuen Weihnachtsalbum «Noël» (Abilène Disc) entführt die 69-Jährige in Zeiten, als einem zu Frankreich noch als Erstes Chansons und Croissants in den Sinn kamen, als Weihnachten noch weiss und die Kekse noch selbst gemacht waren. Da kriechen die Streicher durch den Zuckerguss, da hyperventilieren die Weihnachtsglöckchen vor Glück, da strahlt Mathieus Stimme in altem Glanz. Jeder einzelne Ton wird zelebriert und genüsslich in die Länge gezogen, als ob es gerade nichts Wichtigeres gäbe als diesen einen Ton. Natürlich: Ganz schön viel Kitsch und Pathos kommen da zusammen. Klebrig, schwermütig und emotional. Das muss man erst mal ertragen (wollen). Aber hat einen der Kitsch schliesslich eingelullt – und bei Mireille Mathieu lullt es jeden früher oder später ein –, dann kann Weihnachten kommen, herrlich und weiss. Lasset uns feiern, geben wir uns hin der Liebe und dem Überfluss! (mk)

Fast 30 Jahre lang gehörte auch Bo Katzman mit seinem Gospelchor zur vorweihnächtlichen Bescherung. Er ist der König des hiesigen Weihnachtspops. Oft belächelt, aber als Pionier des Genres hat er einen regelrechten Boom ausgelöst.

400 Gospelchöre soll es in der Schweiz inzwischen geben und Jahr für Jahr suchte er uns mit einem neuen Album heim. Fast so zuverlässig wie der Samichlaus – und mindestens so erfolgreich. Über eine halbe Million Tonträger hat er verkauft und über eine Million Menschen haben seine Konzerte besucht.

Für Schlager-Fans: Helene Fischer: Weihnachten

Helene Fischer gleicht dem Christkind: elfengleich, makellos blond, mit glasklarer Stimme. Halleluja. Wer, wenn nicht das Christkind, ist prädestiniert, ein Weihnachtsalbum einzusingen? Das Erscheinen von «Weihnachten» (Universal) ist also so überraschend wie Weihnachten selbst, und auch der Inhalt beschert uns nichts Neues: «Stille Nacht», «O du fröhliche», «Leise rieselt der Schnee», «Es ist ein Ros entsprungen», «O Tannenbaum» – alle sind sie da. Das Royal Philharmonic Orchestra und die Wiener Sängerknaben sind der Schlagerelfe ebenbürtige Begleiter. Das Zusammenspiel ist vorbildlich, niemand drängt sich in den Vordergrund, alle dienen der edlen Sache und den bekannten Melodien. Reiner können Weihnachtslieder kaum klingen. Nur beim Gebrauch des Vibrato sind hie und da die Rentiere mit dem Christkind durchgebrannt. Es sei ihm verziehen. (mk)

Doch jetzt ist er mit seinem Chor auf der «Last Christmas Tour». «Ich höre nicht auf, ich verabschiede mich nur vom Konzept mit dem Tourneechor», sagt er relativierend und kündigt für die Weihnachtszeit 2016 gleich ein neues Konzept an. «Nicht mehr so pompös, intimer und persönlicher». Trotzdem: Eine Ära geht zu Ende.

Der Sänger vom Schloss Sargans
In dieses Vakuum ist jetzt der Ostschweizer Sänger Patric Scott vorgestossen. Auf seinem Album «Real Christmas» reiht er sich nahtlos in die Tradition des amerikanisch inspirierten Christmas-Pop und muss sich nicht verstecken.

Für Pop-Fans: Kylie Minogue: Kylie Christmas

Von «Let it Snow» bis «White Christmas»: Kylie Minogue singt sich auf «Kylie Christmas» (Warner) kitschig-anschmiegsam durchs US-Weihnachtsliedergut. Das ist der Soundtrack für Glühweintrinken mit Freundinnen, für freche Schneeballschlachten oder romantische Feiertagskomödien. Aber es gibt auch Momente, in denen sich der Nikolaus wohl am liebsten in seinem Sack verstecken würde. Das Stück «Christmas Wrapping» etwa, das der taffe Rocker Iggy Pop mit dazwischengerufenen Einzeilern bereichert, klingt in seinen schlechtesten Momenten wie ein Werbesong für ein Einkaufszentrum und in seinen besten wie Robin Sparkles fiktiver 80er-Hit «Let’s Go to the Mall» aus der Serie «How I Met Your Mother». Dafür sorgt die australische Sängerin für ein erstes Weihnachtswunder: In «Santa Claus Is Coming to Town» singt Kylie Minogue doch tatsächlich ein Duett mit der 1998 verstorbenen Swinglegende Frank Sinatra. (stc)

Mit einer Reihe von Sängerinnen und Sängern wie Fabienne Louves, Jesse Ritch, Zazou Mall, der singenden TV-Moderatorin Cornelia Bösch und den erfahrenen Musical-Sängerinnen Eveline Suter, Annemieke van Dam singt er neben drei Eigenkompositionen Weihnachts-Klassiker wie «Silent Night», swingende Standards wie «White Christmas», «Let It Snow» oder «Baby It’s Cold Outside», Weihnachts-Hits jüngeren Datums wie «Last Christmas» von George Michael oder «All I Want For Christmas Is You» von Mariah Carey und fällt nicht ab.

Schwank mit Bill Murray: «A Very Murray Christmas»

Es gibt immer einen Verwandten, der am Familienfest über die Stränge schlägt. Das kann witzig, peinlich, ärgerlich oder rührend sein für die Zaungäste. Der von Sofia Coppola inszenierte Schwank «A Very Murray Christmas» (online ab 4.12. auf Netflix) ist quasi die Filmversion vom betrunkenen Onkel: Kultschauspieler Bill Murray mimt sich selbst, einen Hollywoodstar, der an Heiligabend eine Live-TV-Show aufnehmen soll. Aufgrund eines Sturms sind alle seine Promigäste verhindert. Murray trinkt, bläst den Auftritt ab und lernt im Nobelhotel, in dem die ganze Sendung hätte über die Bühne gehen sollen, allerlei schräge Gestalten kennen, die mit ihm den einen oder anderen Weihnachtssong anstimmen. Mit dabei sind bekannte Gesichter wie George Clooney, Chris Rock oder Miley Cyrus, und zahlreiche US-Fernsehkomiker wie Amy Poehler oder Maya Rudolph.
Ein roter Faden ist selten erkennbar, vielmehr gleicht «A Very Murray Christmas» einer Samstagabendshow, die total aus dem Ruder gelaufen ist. Das ist manchmal witzig, manchmal peinlich, ärgerlich oder rührend. (stc)

Der 29-jährige, bubenhafte Jüngling kann singen, schmachten, schluchzen, jubilieren und verfügt über einen beachtlichen Stimmumfang. Maskulin sonor im tieferen, feminin im hohen Register.

Keine Angst vor einer Überdosis Kitsch? «Nein, überhaupt nicht», sagt Scott bestimmt, «Kitsch und Pathos gehören zu Weihnachten. Ich liebe Weihnachten und geniesse die Zeit mit der Familie.»

Festtäglicher Horror: «Krampus»

Das fängt ja heiter an: Zu einem Weihnachtssong bricht im Einkaufszentrum der Kampf um Geschenke aus. Kurz darauf bekommt eine zerrüttete Familie Besuch von der nervigen Verwandtschaft. Draussen stürmts, der Strom fällt aus, alle sind gereizt – und der kleine Max (Emjay Anthony) hört auf, an den Weihnachtsmann zu glauben. Das ist die Chance für Krampus, um sich zu holen, was ihm beliebt. Denn wo Hoffnung und Glauben begraben sind, regiert der Schatten, der in Bocksgestalt sein Unwesen treibt. Nach «Trick ’r Treat» legt Regisseur Michael Dougherty tüchtig nach in Sachen festtäglichem Horror: «Krampus» (ab 3.12. im Kino) ist ein grusliges Katz-und- Maus-Spiel mit einer guten Portion Selbstironie. Etwa wenn der schiesswütige Onkel sich über die Unwahrscheinlichkeit beklagt, von wütenden Keksen angegriffen zu werden. Oder wenn die Eierlikör bechernde Tante sich über den schreienden Nachwuchs aufregt («Ich mochte Kinder noch nie. Nicht mal, als ich selbst eins war»). Ob die Grossfamilie unter diesen Umständen zusammenrückt? (zas)

Patric Scott ist als Patric Kaiser in Gams im Rheintal aufgewachsen und lebt, wenn er in der Schweiz ist, im Schloss Sargans, wo seine Eltern seit 26 Jahren das Restaurant führen.

Am Konservatorium in Feldkirch studierte er klassischen Gesang und in Hamburg besuchte er die «Stage School of Music, Dance and Drama», die er mit 18 als jüngster Student mit Diplom abschloss.

So überraschend wie Kugeln am Weihnachtsbaum: «Alle Jahre wieder – Weihnachten mit den Coopers»

Eine amerikanische Familie sucht Weihnachten und findet, es gebe nichts mehr zu feiern. Die Eltern (Diane Keaton, John Goodman) wollen sich endlich trennen, der einsame Opa (Alan Arkin) hat nur noch Kontakt mit einer Kellnerin (Amanda Seyfried), die kleptomanische Schwester (Marisa Tomei) ringt mit Minderwertigkeitsgefühlen und die bindungsunfähige Tochter (Olivia Wilde) gabelt an Heiligabend einen Soldaten (Jake Lacy) auf. Klingt wie ein Film für die ganze Familie? Nicht ganz. «Love the Coopers» (ab 3.12. im Kino) von Jessie Nelson bringt zwar ein gutes Dutzend verlorener Seelen zusammen, aber das dramatische Potenzial, das in diesen Figuren schlummert, ist ungefähr so überraschend wie Kugeln am Weihnachtsbaum. Als Erzähler der nicht ganz jugendfreien Chose fungiert übrigens ein Tier. Das könnte witzig sein, aber bis diese Pointe kommt, ist die besinnliche Zeit längst vorbei. (zas)

Unmittelbar darauf konnte er mit dem grossen Regisseur Roman Polanski zusammenarbeiten, als er in Berlin im Musical «Tanz der Vampire» mitspielte. Es folgten die Musicals «Heidi» als Geissenpeter in Walenstadt, dann «Elisabeth», «Tell», «Titanic», «My Fair Lady» und «Die schwarzen Brüder». Patric Scott ist talentiert und ehrgeizig. So nebenbei liess er sich in Berlin als Gesangslehrer ausbilden und betreibt die Eventagentur Cloud26 GmbH.

Göttlich unterhaltsame Neuschöpfung: «Le tout nouveau testament»

Angenommen, Gott wohnt in Brüssel. Angenommen, Gott ist ein missmutiger Kerl, der im Morgenrock durch seine Wohnung schlurft und an seinem Computer laufend fiese Gebote zu Lasten der Menschheit erfindet. Und angenommen, Gott hat eine 10-jährige Tochter namens Ea. All dies angenommen finden wir uns in Jaco van Dormaels Komödie «Le tout nouveau testament» (ab 3.12. im Kino) wieder. Im Film lässt sich Ea von ihrem Bruder Jesus beraten, der als Büste im Wohnzimmer steht und bei Bedarf menschliche Gestalt annimmt. Das Mädchen erfährt, dass man via Waschmaschine auf die Erde gelangt. Doch bevor Ea ihren Exodus antritt, schickt sie jedem Menschen per SMS dessen persönliches Todesdatum zu. Worauf auf Erden kein Stein auf dem andern bleibt. Filmische Blasphemie? Ach was. Wem diese Neuschöpfung der Schöpfung in den falschen Hals gerät, sollte mal zum Arzt. Und der dürfte bestätigen: «Le tout nouveau testament» ist ein göttlich unterhaltsames Kuriositätenkabinett, das perfekt auf Hauptdarsteller Benoit Poelvoorde («Rien a declarer») zugeschnitten ist. Aufmüpfig und arrogant bis zum Abwinken bezieht dieser Weltenlenker sogar Prügel von einem Seelsorger. Und gegen Ende erfährt Gott am eigenen Leib, wie man sich als Gepeinigter fühlt. Jedenfalls berichtet Ea: «Am sechsten Tag wurde Gott, der keine Papiere hatte, nach Usbekistan abgeschoben.» (zas)

«Ich bin ein Macher», sagt er und will nicht einfach dasitzen und auf den Erfolg warten. Seit er 17 ist, kann er von der Musik leben.

Grossoffensive als Solosänger
Als Solokünstler ist er in der Schweiz aber noch kaum bekannt. Das soll sich jetzt ändern, weshalb er in diesem Jahr auf verschiedenen Ebenen eine Offensive startete: Im September veröffentlichte er sein souliges Debütalbum «Scarless», das Platz 25 in der Schweizer Hitparade erreichte.

Dazu kandidiert er mit Abdullah Alhussainy und dem Song «No Boundaries» für den Eurovision Song Contest, wo er die erste Hürde genommen hat und diesen Sonntag zum Expertencheck antritt (SRF direkt online). Gleichzeitig führt er bei Salto Natale singend durchs Programm. «Real Christmas» ist der vierte Teil dieser gross angelegten Offensive. Ziel ist es, sich so weit zu etablieren, dass er als Solokünstler kleine Konzerte geben kann.

Patric Scott mag keine Castings. «Sie mögen kurzfristig Erfolg und Ansehen bringen, umso grösser ist die Absturzgefahr», sagt er. «Ich bevorzuge die harte Tour und bin buchstäblich durch die Scheisse gegangen.» Dafür hat er sich selbst eine Basis erarbeitet, die ihn vor dem Absturz bewahrt.

Patric Scott: Scarless
und Real Christmas.
Salto Natale: bis 3. Januar,
Zürich-Kloten.
Eurovision Song Contest. Schweizer Ausscheidung. Expertencheck am So 6. Dezember SRF im Internet auf srf.ch/eurovision ab 13 Uhr.
Bo Katzman & Chor: Your Christmas. Live: Last Christmas Tour. 3.12. Konzertsaal Solothurn; 13.12. Kongresshaus Zürich; 19.12. Stadtcasino Basel.

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