Schweiz
Gibt es eine neue Nationalhymne ohne Gottes Segen?

In vier der sechs Vorschlägen für eine neue Hymne fehlt der Verweis auf Gott. Das habe aber nichts mit Absicht zu tun, rechtfertigt sich Jury-Mitglied Christine Beerli. Politiker hätten lieber eine Hymne mit Gottes-Segen.

Stefan Künzli
Drucken
Teilen
Muss sie sich umgewöhnen, weil «Trittst im Morgenrot daher ...» bald ausgedient hat?

Muss sie sich umgewöhnen, weil «Trittst im Morgenrot daher ...» bald ausgedient hat?

Keystone

«Im Namen Gottes des Allmächtigen». Mit diesen Worten beginnt die Präambel der Schweizer Bundesverfassung. Auf den Werten in dieser Präambel sollen die Texte für eine neue Nationalhymne beruhen. Das sind die Vorgaben der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), die in einem Wettbewerb eine neue Nationalhymne sucht.

Eine 30-köpfige Jury mit Fachpersonen aus Musik, Literatur, Journalismus, Musik- und Sportverbänden hat sechs Versionen ausgewählt, die jetzt auf der Plattform «chymne» zur Online-Wahl vorgeschlagen wurden. In diesen Vorschlägen stehen die Werte «Frieden», «Freiheit» sowie die «Vielfalt in der Einheit» im Zentrum.

«Gott, begleite uns auf unserem Weg» heisst es in Beitrag B, «Aufgehoben in Gottes Hand» in Beitrag D.

In vier der sechs Versionen fehlt aber der explizite Verweis auf Gott. Der Verweis auf Gott oder den christlichen Glauben ist aus der Sicht der Jury ganz offensichtlich nicht mehr Voraussetzung für eine neue Nationalhymne.

Eine bewusste Distanzierung und Abkehr von der bisherigen Nationalhymne, dem Schweizerpsalm, mit seiner stark religiösen Prägung? «Nein, überhaupt nicht», sagt Christine Beerli, Mitglied im Jury-Präsidium, auf Anfrage. Es sei nicht die Idee, dass alle in der Präambel genannten Werte, im Text vorkommen müssen.

Auffällig ist es trotzdem, dass bei der Auswahl ausgerechnet der Verweis auf Gott oder den Glauben am ehesten vernachlässigt wird. Erschwerend kommt hinzu, dass die Melodielinien der beiden Versionen, in denen Gott vorkommt, von der Melodie der bisherigen Nationalhymne abweichen.

«Ich hoffe auf eine landesweite Diskussion über Werte, die uns in der Schweiz wichtig sind und die wir darum in der künftigen Nationalhymne singen und hören wollen», liess sich SGG-Präsident Jean-Daniel Gerber in einem Communiqué zitieren. Das Ziel sei es, die Präambel, die das Leitbild der modernen Schweiz bildet, populärer zu machen.

Politiker stehen zu Gott

Wie halten wir es also mit dem christlichen Werten in der Nationalhymne? Muss Gott oder der Glaube vorkommen? Für die FDP-Ständerätin und Kirchenmusikerin Christine Egerszegi (AG) sollte «unser christlicher Kulturraum» irgendwie vorkommen. «Ich habe schon bei meiner Vereidigung auf Gott geschworen. Ich stehe dazu», sagt sie.

Auch für den bekennenden Katholiken und Walliser Regierungs- und Nationalrat Oskar Freysinger (SVP, VS) muss ein Verweis «auf etwas Transzendentes, auf eine höhere Macht, die über uns steht», unbedingt in einer Schweizer Nationalhymne sein.

Weniger bestimmt ist die Position von Nationalrat Eric Nussbaumer (SP Baselland), der sich auch bei der Evangelisch-methodistischen Kirche engagiert. «Als bekennender Christ schöpfe ich aus der Glaubenserfahrung Kraft. Der Verweis auf etwas Höheres, Göttliches in der Nationalhymne würde mir persönlich gefallen, aber entscheidend ist der Verweis nicht. In der Präambel hat es andere Sachen wie das Wohl der Schwachen, das als religiös motivierter Tatbeweis wichtiger ist als die Erwähnung von Gott.»

Dezidiert gegen eine neue Nationalhymne spricht sich der Entlebucher CVP-Nationalrat Ruedi Lustenberger aus. «Wenn es eine neue Nationalhymne geben soll, dann muss sie besser sein als die alte. Doch das sind die sechs Vorschläge nicht. Ich bin ganz zufrieden mit der bestehenden Nationalhymne, denn sie ist im Gegensatz zu vielen Hymnen kein Kampflied. Sie ist ein Sinnbild für unseren konfessionellen Frieden und steht für die Werte des christlichen Abendlandes. Die Schweiz hat andere Probleme als in einem Casting-Verfahren, eine neue Nationalhymne zu suchen. Was mich stört, ist, dass die Gemeinnützige Gesellschaft so etwas in Eigenregie und am Bundesrat und Parlament vorbei aufzieht. Die Nationalhymne ist nicht Angelegenheit irgendeines Vereins von ein paar Selbstdarstellern.»

Aktuelle Nachrichten