Konzertkritik
Gestrichener und geblasener Pop im Hallenstadion

Grosse Popsongs mit Orchester – Sting am Dienstag und Peter Gabriel Mittwoch spielten im Zürcher Hallenstadion. Der Ex-Genesis-Sänger war besser.

Pascal Münger
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Limmattaler Zeitung

Eine riesige Leinwand übermalte die Atmosphäre gestern Mittwochabend im Hallenstadion mit Pathos. Und mittendrin das eher ungewohnte Bild: Peter Gabriel mit einem Orchester im Rücken. Seine «New Blood»-Tournee, mit der Gabriel durch Europa unterwegs ist, soll in erster Linie Platz bieten für sein neuestes CD-Projekt «Scratch my Back», auf dem er Stücke von David Bowie über Regina Spektor bis zu Radiohead covert. Der Clou dabei – Gabriel verzichtet bei seinen Neubearbeitungen auf die traditionelle Rockband.

Es gibt nur das London Scratch Orchestra und Peter Gabriels Stimme. Und die auf ihre Essenz reduzierten Nummern funktionieren Live sogar noch eine Ecke besser als auf CD. Seine kratzige Stimme, die Peter Gabriel bereits in den Achtzigern unsterblich machte, passt perfekt zu den gestrichenen Melodien des Orchesters. Songs wie «Flume» oder «Power Of The Heart» schweben förmlich über die 4200 Zuschauer hinweg. Und auch alte Hits wie «Digging In The Dirt» funktionieren wunderbar in diesem Rahmen. Die psychedelischen Einspielungen tun ihr Übriges für eine nahezu perfekte Verbindung zwischen Ausdruck und Emotionen.

Stings Bühnenbild war vergleichsweise bieder

Im Gegensatz dazu, war Stings Bühnenbild am Dienstag fast bieder. Zwei grosse Leinwände und drei tischplattenähnliche Plattformen über ihm, auf die Einspielungen projiziert wurden, reichten als visuelle Spielerei. Die Ausdruckskraft sollte in erster Linie vom Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Steven Mercurio kommen. Leider gingen die 45 Orchestermusiker, die im Kreis um Sting und seine fünfköpfige Band angelegt waren, des Öfteren unter: Der Auftakt mit Songs wie «If I Ever Lose My Faith In You», «Every Little Thing She Does Is Magic» und «Englishman In New York» lebte von Stings Band und nicht von den Streichern und Bläsern. Wie bei Sting so oft, ist es der Rhythmus, der seine Songs antreibt, das Royal Philharmonic Orchestra bekam kaum Raum, um Akzente zu setzen.

Trotzdem wirkte auch die Band ob des ganzen Pomps irgendwie gehemmt, was dazu führte, dass sich die Musiker gegenseitig neutralisierten – einzig Sting selber, der stimmlich in guter Form war, konnte Glanzpunkte setzen. Denn auch in den raren Momenten, in denen sich die Rockband dem Orchester öffnete, wie bei «Roxanne», das mit einem Geigenthema unterlegt wurde, litt der Fluss des Songs. Sting hat sich nicht die Mühe gemacht, seine Hits neu zu interpretieren, sondern nutzt das Orchester lediglich als Energieschub im Hintergrund. Dass es auch anderes gegangen wäre, zeigte er am Dienstag nur mit dem swingenden «Moon Over Bourbon Street», dass er zusammen mit dem Orchester als Gruselshow inszeniert hatte.