One Direction
Fünf kleine Bieberlein auf dem Weg nach oben

Noch nie war eine britische Retortenband in den USA so erfolgreich wie One Direction – Twitter sei Dank. Die fünf sauberen Strahlejungs konnten die Gunst des Moments nutzen. Mit ihrem zweiten Album werden sie ohne Zweifel noch erfolgreicher werden.

Hanspeter Künzler
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Fünf, die sich mögen und singen können: Niall, Louis, Liam, Zayn und Harry alias One Direction. HO

Fünf, die sich mögen und singen können: Niall, Louis, Liam, Zayn und Harry alias One Direction. HO

Dafür, dass sie nun schon seit einem guten Jahr pausenlos vor TV-Kameras hocken, wirken Niall Horan, Liam Payne und Harry Styles erstaunlich frisch. Niall, Liam und Harry sind drei Fünftel von One Direction, der ersten englischen «Band», deren allererstes Album in der Veröffentlichungswoche gleich auf dem ersten Platz der amerikanischen Hitparade landete.

Jetzt sitzen sie in einem Hotelsaal voller Kameraleute, Manager und Mädchen für alles locker auf ihren Barhockern und fertigen die Weltmedien in Zwölf-Minuten-Etappen ab. Ihr Erfolg ist schon darum bemerkenswert, weil One Direction nicht in der Retorte entstanden sind, sondern gleichsam im Vorzimmer der Retorte. Die damals 17-jährigen Horan und Payne sowie Zayn Malik, der 16-jährige Harry Styles (der «Härzige») sowie der 18-jährige Louis Tomlinson hatten sich vor zwei Jahren solo als Sänger an der Castingshow «X Factor» beteiligt, ohne allerdings in die Endphase vordringen zu können.

Sie haben sich alle lieb

Jury-Mitglied Nicole Scherzinger (Pussycat Dolls) soll es gewesen sein, die den Vorschlag machte, die fünf Boys zu einer Boyband zu vereinigen. «Ich hatte mit Niall eine Nacht lang ein Zimmer geteilt», erinnert sich Liam, «und einmal hatte ich mit Louis gesprochen – aber er war damals ein ganz anderer Typ als der, den ich nun kennen gelernt habe.» Man habe Glück gehabt, dass keiner der Beteiligten zuerst ein grosses Ego habe ablegen müssen, sagt Niall: «Es gab keinen, den wir alle gehasst hätten.» Jetzt hätten sie schon lange keinen Streit mehr gehabt: «Mindestens ein Jahr, würde ich sagen.»

Alle paar Jahre ereilt uns eine neue Welle von Boy- beziehungsweise Girl-Bands: Retortengruppen nach dem Muster der Monkees, bei denen jedes Mitglied den Archetyp von einer bestimmten Art Popstar verkörpert und damit den jungen Fans als Identifikations- oder Anhimmelungsobjekt dienen kann. Bis jetzt waren die Erfolgsmuster von solchen Gruppen nur in beschränktem Masse international austauschbar.

Schwer taten sich vor allem die Briten: Im Vergleich zu New Kids on the Block oder Backstreet Boys, die ihren Pop mit R&B würzten und ihr Image auf die Bedürfnisse amerikanischer Strassenecken zuschnitten, wirkten Take That und Konsorten zu poppig (sprich: harmlos) und vom Humor her zu «europäisch».

Gefragt: Saubere Strahlemänner

Heute hat sich das Bild geändert. Derweil Take That, Backstreet Boys und ein paar andere plötzlich zu «Manbands» mit «Manfans» und dauerhaftem Erfolg mutiert sind, ist es der amerikanischen Musikindustrie allen «American Idol»-Serien zum Trotz nicht gelungen, eine Boyband für die Neuzeit zu kreieren. Stattdessen hat der Erfolg von Justin Bieber gezeigt, dass eine Nachfrage besteht nach strahlend sauberen Teenage-Stars, die ganz bestimmt keinen Dreck am Stecken haben.

One Direction – im Prinzip fünf kleine Bieberlein aufs Mal – haben die Gunst der Stunde am Schopf gepackt und geben ein durchaus attraktives Paket ab: Sie können tatsächlich singen und zählen mit Niall Horan zudem einen echten Gitarristen in ihren Reihen. Richtig revolutionär ist indes die Tatsache, dass sie im Gegensatz zu den letzten Generationen von Boybands ganz auf Tanznummern verzichten: Bei ihnen – so wird suggeriert – zählt wirklich nur die Musik: Sie gehören also quasi in eine ernster zu nehmende Kategorie von Boybands.

Die Gruppe selber sieht einen anderen Grund für den Erfolg: «Wir haben viel der Gunst des Momentes zu verdanken», erklärt Liam, «der Tatsache, dass gerade jetzt Twitter und Facebook so wichtig sind.» Alle fünf Gruppenmitglieder sind äusserst aktive Tweeter. In den Augen der Plattenfirma war ein durchdachter Twitter-Auftritt unabdinglich für den Durchbruch in den USA. «Auf diese Weise konnten wir One Direction als eine Einheit etablieren, noch bevor ihre Lieder am Radio gespielt wurden», erklärte Sony-Vizepräsident Dave Shack der englischen Fachzeitschrift «Music Week».

Musik mit Ohrwurmqualitäten

Mit ihrem zweiten Album innert wenig mehr als einem Jahr werden One Direction ohne Zweifel noch erfolgreicher werden. Denn ihre Popkonfektion hat Ohrwurmqualitäten, die auch über die Kreise der eingeschworenen Fangemeinde hinaus Gefallen finden dürften. Und tatsächlich – die Boys können singen. Was von den Dutzenden von Nachahmern, die in ihrem Fahrwasser sicher folgen werden, nicht unbedingt zu erwarten ist.

One Direction, «Take Me Home» (Sony)

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