Boswiler Sommer
Französische Piano-Kunst: Mal in der Metropole, mal im Gefängnis

Die junge monegassische Pianistin mit sri-lankischen Wurzeln, Shani Diluka (37), ist Festival Artist am Boswiler Sommer und prägende Figur der kommenden Festivalwoche.

Andreas Ruf
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Shani Diluka, kurz vor ihrem Boswiler Auftritt.Yannis Claude Christ

Shani Diluka, kurz vor ihrem Boswiler Auftritt.Yannis Claude Christ

Yannis Claude Christ

Keine zwei Stunden vor ihrem Auftritt sitzt Shani Diluka am Freitagabend in einem kleinen Büro im Südflügel des Boswiler Künstlerhauses, locker in eine rote Lederjacke und Jeans gekleidet. Normalerweise gibt die junge Ausnahmepianistin aus Monaco keine Interviews so kurz vor dem Konzert – heute macht sie eine Ausnahme. Diluka hat viel zu sagen. Entspannt, hellwach und gut gelaunt resümiert die Musikerin: «Ich habe erst durch die vielen Auszeichnungen realisiert, dass ich für die Musik gemacht bin.» Und nach einer kurzen Pause fügt sie nachdenklich und mit grossen Augen an: «Ich bin auf der Suche nach meiner Identität, die irgendwo in der klassischen Musik liegt.»

Shani Diluka ist zum ersten Mal in Boswil. Zehn Tage nimmt sie sich Zeit für das Klassik-Festival im Freiamt. Das ist nicht selbstverständlich, für die zierliche Französin aber ein wichtiges Anliegen und Ausdruck ihrer Lebensauffassung.

Rund um den Globus bespielt die Monegassin mit sri-lankischen Wurzeln renommierte Konzerthäuser. Bereits mit sechs Jahren wurde Dilukas Talent bemerkt und gefördert, mit 16 solierte sie mit den Philharmonischen Orchestern von Monaco und Sri Lanka. Um den Rest ihrer bisherigen Karriere nachzulesen, sollte man einige Minuten einplanen: Die Liste ihrer Taten ist lang.

Ihren Eltern aus Sri Lanka war die klassische Musik fremd, sie hätten die junge Shani nicht zum Wunderkind gedrillt. «Ich wurde mit der klassischen Musik auf dieselbe Weise vertraut, wie man lesen und schreiben lernt», so Diluka.

Den Grossteil der Jugend am Klavier zu verbringen, hinterlässt Spuren. «Als Teenager wünschte ich mir eine Liebesbeziehung mit Schumann», lacht die Monegassin. Man spürt diese Zuneigung später im Konzert, bei Schumanns «Papillons»: Diluka besprüht das Publikum bei ihrem entrückten, mal flüchtig-zarten, dann wieder äusserst bestimmten Spiel mit einem lieblichen Parfüm, das einen lang über das Konzert hinaus umnebelt. Dabei schwebt sie förmlich am Flügel, stets im mimischen Zwiegespräch mit ihrer imaginären Jugendromanze.

In Boswil gewinnt Diluka Abstand zur Rasanz ihrer Karriere, dem Alltag in Flugzeugen, Zügen und einsamen Hotelzimmern. «Boswil ist anders, familiär, inmitten der Natur. Das verändert mich positiv.» In der Natur findet sie die Poesie in den Dingen, die sie sonst so schmerzlich vermisst.

Diluka wohnt seit 15 Jahren in Paris. In der Metropole sieht sie, wie die Menschen sich im oberflächlichen Spektakel und der Virtualität zu verlieren drohen. Mit aller Vehemenz stemmt sich die junge Frau dagegen. Erfolg bedeutet für sie, «wenn die Menschen nach meinem Spiel innehalten können, eine Blume betrachten, die sie im raschen Vorbeigehen nicht gesehen hätten». Und Shani Diluka meint auch: «Man muss Vertrauen haben in die Mündigkeit der Menschen, ihnen etwas zutrauen. Denn sie sind fähig, sich berühren zu lassen.» Sie könnte von Beethoven stammen, diese glühende, oppositionelle Haltung gegenüber der eigenen Zeit.

Überhaupt wird im Gespräch klar, was Diluka mit dem Satz meinte, ihre Identität läge in der Musik: In Grieg findet sie ihre eigene Naturverbundenheit wieder, in Mozart die Klarheit ihres Wesens, in Beethoven ihr Dürsten nach Schönheit und in Schubert die Melancholie.

Auf der Suche nach der verlorenen Innerlichkeit findet das Ausnahmetalent die Nähe zu seinem Publikum. Diluka spielt nicht nur im Hochglanz-Milieu der globalen Konzerthäuser, sondern jedes Jahr auch für Obdachlose oder die Insassen der Gefängnisse von Paris und Nantes. In diesen Momenten spürt sie, wozu Musik fähig ist, welch heilende Wirkung in der musikalischen Universalsprache liege, wie sie sagt.

Diese Kraft sieht Diluka auch bei ihren Konzerten in der Heimat ihrer Eltern wirken: «Die Leute in Sri Lanka applaudieren nicht, sie weinen in Stille», sagt die Frau, die immer wieder Thomas Mann, Nietzsche oder Rilke zitiert und gleichzeitig von buddhistischer Spiritualität beseelt ist. «Zu sehen, dass meine Musik auch in anderen Kulturen funktioniert und berührt, ist eine wunderbare Erfahrung.» Diese Auftritte seien es, die der Pianistin helfen würden, «die Relationen zu bewahren und alles zu verarbeiten».

Dass Shani Diluka überhaupt noch Klavier spielen kann, verdankt sie je zur Hälfte dem Glück und der modernen Chirurgie. Wie ein Menetekel prangt eine wüste Narbe auf ihrem linken Daumen, dessen Sehne sich an einem kaputten Glas durchtrennte. Ein Jahr lang konnte sie deshalb nicht spielen. Seither ist der Musikerin bewusst, «dass ich meine Zeit nutzen muss». Zeit, von der sie ohnehin nie genug haben wird. «Ein Leben genügt nicht, um sich das Repertoire anzueignen, das man gerne möchte. Dafür brauchte es sicher deren drei.»

Weitere Konzerte mit Shani Diluka am Boswiler Sommer: Mo, 1. Juli, 20.15 Uhr; Do, 4. Juli, 20.15 Uhr; Sa, 6. Juli, 17 Uhr; So, 7. Juli, 18. Uhr.

CD (Auswahl): Shani Diluka: Mendelssohn, Romances sans paroles, Mirare 2009.

Shani Diluka: Ludwig van Beethoven, Piano Concerts Vol. 1, Orchestre National Bordeaux Aquitaine, Mirare 2010.