Menuhin Festival Gstaad
«Endlich mal kein Beethoven»

Das Wochenende am Menuhin Festival Gstaad bot überraschende Konzerten in Zelt und Kapelle. Das Festival dauert noch bis 7. September.

Christian Berzins
Merken
Drucken
Teilen
Menuhin Festival Gstaad
6 Bilder

Menuhin Festival Gstaad

Raphael Faux

Herzallerliebst, wie das Murmeltier auf den Gstaader Festivalplakaten die Hand, äh pardon, die Pfote ans Ohr hält und nicht mehr auf die Warnpfiffe der Artgenossen achtet, sondern gebannt Bach-Suiten und Mahler-Sinfonien lauscht. Dieses Jahr ist es gar dem Charme von Hélène Grimaud erlegen, schaut tief in ihre Rehaugen. Und obwohl in Grimauds Nähe merkwürdigerweise der Duft von Wölfen in der Luft liegt, ist unser Mungg glücklich, dass in Gstaad noch bis 7. September musikalisch so viel geboten wird.

Rund 21 000 Festivalfreunde besuchen die 40 Kirchen- und die sieben Zeltkonzerte. Festivalintendant Christoph Müller will in Zukunft noch stärker auf einen Kreis herausragender Künstler bauen: Sie sollen das Vertrauen des Publikums gewinnen und in Gstaad neue Projekte wagen. Das ist nicht immer ganz leicht: Reichert Grimaud mal ein Programm mit Musik des Zeitgenossen Valentin Silvestrov an, wird das vom Publikum nur mässig goutiert.

Umso überraschter hören wir nach dem Sinfoniekonzert am Freitagabend im Shuttle-Bus zurück nach Schönried ein deutsches Ehepaar schwärmen: «Ein toller Abend, endlich mal kein Beethoven!» Auf dem «Moldau und Meer» betitelten Programm standen neben Bedrich Smetanas «Moldau» zwei Werke des 20. Jahrhunderts und sogar eine – bejubelte! – Uraufführung.

«Uraufführung», das muss in Gstaad nichts Überforderndes sein. Fazil Says selbst komponiertes Klavierkonzert «Water» tönt eher so, als ob Joseph Haydn und George Gershwin mit Say auf einem türkischen Basar zu lange Wasserpfeife geraucht und danach Elemente aus ihren unterhaltsamsten Werken zu einer kunstvollen Fantasie für Klavier solo und begleitendem Orchester zusammengefügt hätten.

Mit dem 41-jährigen Krystjan Järvi hat das vor vier Jahren gegründete Gstaader Festspielorchester (GFO) einen Dirigenten, dem solch heiter-jazzige Musik liegt. Sein Dirigat von Debussys «La Mer» hingegen lässt eher an den Thunersee denken, Brittens vier «Sea Interludes» aus «Peter Grimes» fehlt die innere Spannung. Am GFO liegt das nicht, setzt es sich doch aus Musikern verschiedenster Schweizer Toporchester zusammen. Aber Järvi hat aus ihnen (noch) keine Einheit geformt, was allerdings auch nicht verwundert: Ein einziges Konzertprogramm ist dem GFO in Gstaad gegönnt. Bald ist man damit auf Tournee in den Nachbarländern, wo der Name Gstaad leuchten und Gäste ins Saanenland locken soll.

Am Samstagmittag ist Feuer im Gstaader Festivaldach. Journalisten der russischen Nachrichtenagentur «Itar Tass» stehen im Büro von Christoph Müller und wollen Mikhail Pletnev interviewen – jenen russischen Pianisten und Dirigenten, der sich auch schon regierungskritisch geäussert hat und der vor zwei Jahren in Thailand wegen des Verdachts auf Pädophilie verhaftet wurde, dann aber auf Kaution frei kam.

Doch Pletnev will mit niemandem sprechen. «Da kann auch ich nichts machen», klagt Christoph Müller ein paar Minuten später im «Bernerhof», trinkt seinen Hochstammbaum-Apfelsaft, blickt hinauf zu den dunklen Wolken und wechselt das Thema: Fünfzig Privatjets seien am Flughafen von Saanen angemeldet gewesen – alles Gäste der französischen Mäzenin Aline Foriel-Destezet, die den Abend mit dem Russischen Nationalorchester und Tenor Juan Diego Florez bezahlt. Da diese Kleinflugzeuge auf Sicht fliegen, können sie aber in Saanen nicht landen, müssen nach Bern ausweichen. Offenbar geschieht das problemlos, denn um 19.30 Uhr ist tout Gstaad im Festivalzelt präsent.

Im Entree bestaunt man eine Luxuskarosse, degustiert und kauft Alpenkaviar, lässt sich ewig jung machende Salben andrehen und kippt ein Glas Champagner auf die Zukunft. Erfreulich: Der Dresscode ist viel lockerer als auch schon.

Ganz anders als viele erwarten beginnt dafür der erste Teil des Abends. Alexander Glasunows «Vier Jahreszeiten» ist eine köstliche Rarität aus dem Jahr 1899, die uns in Zürich oder Luzern noch nie begegnete. Sie könnte langatmig sein, diese Ballettmusik, aber Pletnev schichtet die Register des famosen Russischen Nationalorchesters so feinhörig, lässt die Solos lyrisch blühen und die Herbststürme derart dunkel krachen, dass 45 Minuten lange Berner oberländische Freude herrscht.

Nach der Pause, endlich: Auftritt Tenorprinz! Unvergleichlich dieser Atem, diese Phrasierungsbesessenheit, dieses Nektartimbre! Und als Florez die Arie des Toni aus «Fille du Régiment» mitsamt ihrer neun Hohen Cs als kunstvolles Zirkusstück ins Zelt schmettert, da ist es um die Contenance manch eines Festivalgastes geschehen. Wir wären im Regen auf die 1939 Meter hohe Wispile und zurück gewandert, hätten wir auch nur die kleine Arie aus Verdis «Jérusalem» nochmals von ihm hören dürfen.

Wie anders die Welt am Samstagmorgen um 10.30 Uhr in der kleinen Kapelle mitten in Gstaad! Hyeyoon Park spielt erst Bach und Schubert, fühlt sich aber erst bei Prokofjews zweiter Sonate richtig wohl: Keine Anforderung zu hoch, um nicht mit süffig breitem Ton gemeistert zu werden. Bei Bach bluffte das 21-jährige Wunderkind noch damit, suchte im Glanz das schnelle Glück. Bei Schubert meinte sie, mit einer Virtuosität auftrumpfen zu können.

Alles nicht ganz egal, aber in diesem Zauberraum sitzend, begreift man Müller, wenn er sagt, dass die Kirchenkonzerte Gstaads Stärke und Einzigartigkeit ausmachen. Ehrlich fügt er an: «Bei den Sinfoniekonzerten ist uns das Lucerne Festival dank KKL-Akustik immer überlegen.» Aber wer weiss: Vielleicht steht ja in Gstaad ab 2018 «Les arts Gstaad», ein supermoderner Konzertsaal von Rudy Ricciotti ...

KKL? Lucerne Festival? Ricciotti? Davon hat unser Murmeltier noch nie etwas gehört, es freut sich schon auf den Letten Andris Nelsons und sein Orchester aus Birmingham, die Ende Woche zweimal im klangdurchlässigen Gstaader Festivalzelt auftreten.

Menuhin Festival Gstaad: bis 7. September.