Badner spielt Badner
Ein Professor für Klavier gräbt nach längst vergessenen Komponisten

Karl-Andreas Kolly und Emil Frey sind zwei Klaviervirtuosen. Der eine ist Professor in Zürich, der andere längst vergessen. Jetzt finden sie zusammen. Ein Doppelporträt.

Simon Huwiler
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Vom Dach des Toniareals nach Wettingen: Der Professor für Klavier spielt Werke vergessener Künstler.

Vom Dach des Toniareals nach Wettingen: Der Professor für Klavier spielt Werke vergessener Künstler.

Chris Iseli

Laut Internet scheint Karl-Andreas Kolly kaum zu existieren. Ungewöhnlich in einer Zeit, in der schon fast jeder Musikstudent eine eigene Website führt. Die Zürcher Hochschule der Künste weist eine kurze Biografie über ihren Professor aus, vereinzelt tummeln sich CDs von Kolly in den Suchergebnissen. Würde man aber alle diese CDs zu einem Turm stapeln, er hätte eine eindrucksvolle Grösse. Weit über hundert (!) Alben hat der 50-jährige Pianist aufgenommen. So unbeschrieben wie er im Internet scheint, erinnert sein Leben mehr an einen vollgepackten Roman. Ein Abenteuerroman, der von fernen Reisen erzählt, ein Entdeckungsroman, der unbekannte Musik wie ein Archäologe ausgräbt, restauriert und einem neugierigen Ohr vorspielt.

Archäologe, das wollte der junge Kolly auch mal werden. Oder Altphilologe. Dann entschied sich der aus einer Musikerfamilie stammende Badener doch für das Klavier. Trotzdem ist der Professor für Klavier und Kammermusik auch Archäologe geblieben. Sein CD-Repertoire scheint frisch von einer musikalischen Ausgrabung zu stammen, Werke, die selbst bei Musikkritikern Fragezeichen auslösen. Das Klavierkonzert von Alexander Skrjabin nahm er als einer der wenigen auf. Auch das kaum gespielte Klavierkonzert von Ferruccio Busoni, ein kolossales Werk mit 80 Minuten Länge, verewigte er auf CD. «Die Werke für die linke Hand von Franz Schmidt nahm ich als Erster auf», sagt Kolly nicht ohne Stolz. Doch im Schweizer CD-Regal findet man die CDs nicht. «Seit 20 Jahren nehme ich für eine japanische Firma auf, für den japanischen Markt.»

Doch wieso nimmt ein Pianist aus dem Heidiland für ein Kaiserreich auf? «Japaner sind das kundigste Publikum, das ich kenne. Sie können zum Beispiel ein Stück von Raffaele D’Alessandro spielen und bekommen danach von einem Zuschauer die Biografie von D’Alessandros erzählt», beschreibt er diese japanische Neugier. Im Herkunftsland – der Schweiz – kennt man diesen Namen nicht.

Eng mit Kollys Biografie verbunden ist auch der Badener Musiker und Komponist Emil Frey. Frey war ein Schweizer Klavierexport, ein Virtuose, ein Weltengänger – und ist heute vergessen. Eine Herausforderung für Kolly. «Frey ist mir aus ganz verschiedenen Gründen ein ganz besonderes Anliegen», beginnt er seinen Hymnus. «Einer meiner Lehrer, Karl Grenacher, übte einen besonderen Einfluss auf mich aus. Er war einerseits ein toller Klavierlehrer, er machte mich aber auch mit Malerei, bildender Kunst, Reisen und gutem Essen bekannt.» Vor allem öffnete Grenacher, selbst Schüler von Frey, das Tor zur Welt dieses unbekannten Komponisten.

Rubinstein beeindruckt

Emil Frey, 1889 in Baden geboren, galt als Wunderkind. Mit 15 Jahren studierte er bereits am Konservatorium in Paris bei keinem Geringeren als Gabriel Fauré. «In einer Biografie von Artur Rubinstein lass ich, dass sie am gleichen Wettbewerb teilnahmen», erzählt Kolly. Rubinstein, der noch zu einem der grössten Pianisten des 20. Jahrhunderts werden sollte, schien beeindruckt von Freys Klavierspiel. «Rubinstein beschreibt das Klavierspiel von Frey als perfekt.» Frey gewann, aber in der Kategorie Komposition. Als Kolly dies las, war er vom Frey-Fieber gepackt. «Ich bin Freys Biografie nachgegangen.» Und er erzählt, wie Frey Komposition studierte, nach Paris weiterzog und schon bald Kontakte bis in die Königshäuser pflegte. «Mit dem russischen Zaren war er persönlich befreundet. Mit 23 Jahren wurde er in Moskau Professor der Virtuosenklasse – unglaublich!» Das sagt ein Kolly, der sich ebenfalls jung – mit 26 Jahren – Professor nennen durfte. Während der Russischen Revolution wurde das Moskauer Pflaster zu heiss für jemanden wie Frey, der mit den Aristokraten dinierte. Zurück in Zürich starb er schliesslich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Alter von 57 Jahren. «Heute gibt es viele Leute, die keine Ahnung mehr von ihm haben. Dabei ist er der bedeutendste Schweizer Pianist gewesen, der je gelebt hat.»

Kolly und Frey auf einer Bühne

Doch wieso ist dieses Kunstwerk «Frey» vom Sand der Zeit zugeschüttet worden? «Als Komponist war er immer etwas umstritten, weil er sehr vielseitig war», vermutet Kolly. Es gäbe keine Komposition, bei der man sagen kann, diese sei typisch Frey. Auch auf der Konzertbühne findet Frey kaum Platz. Einige alternative Sterne funkeln am Konzerthimmel. Bei den Wettinger Kammerkonzerten wird Kolly zusammen mit der Geigerin Kamilla Schatz eine Sonate von Frey präsentieren. Spricht man über Kolly, spricht man automatisch über Frey, Busoni und Skrjabin. Das ist typisch für den 50-jährigen Professor, der nicht mal ein Mobiltelefon besitzt. Selbstmarketing liegt ihm nicht, dafür hat er keine Zeit. Lieber spricht er von all den Werken, die es noch zu entdecken gibt.

Wettingen «Baden – Moskau»

Fr, 23. Januar, 20 Uhr, mit Karl-Andreas Kolly und Kamilla Schatz. Werke von Frey, Skrjabin, Roslawez, Fauré und Debussy.

Vorkonzert: 19.15 Uhr mit Iryna Gintova (Violine) und Lora Vakova-Tarara (Klavier).