Lucerne Festival
Ein Orchester besucht Anton Bruckner im Himmel

Tradition hat auch einen Klang. Das beweist die Staatskapelle Dresden mit Christian Thielemann im KKL am Lucerne Festival.

Christian Berzins
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Gegenseitiger Dank: Christian Thielemann und Anja Harteros im KKL.

Gegenseitiger Dank: Christian Thielemann und Anja Harteros im KKL.

Es war ein deutliches Zeichen, dass irgendwann auch das Lucerne Festival zu Ende geht, stand doch im Programmheft «Sinfoniekonzert 28». Drohte nun aus dem Hör-Genuss eine Hör-Routine zu werden? Beethovens 3. Klavierkonzert mit der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Christian Thielemann nahmen wir jedenfalls bloss wohlwollend nickend entgegen: Dirigent und Orchester spielten dem überlegenen Solisten Yefim Bronfman mit leichtem Ton, mit klugen Akzenten und voller Spielfreude die Bälle zu. Doch dann, nach der Pause, kams so überwältigend, dass wir eine Festspielsommerverlängerung erbeten würden, dürften wir in Sinfoniekonzert 56 nochmals Ähnliches hören. Mit Anton Bruckners 6. Sinfonie zeigte Thielemann, wie famos Wille und Vorstellung eines Dirigenten mit einem Klangkörper verschmelzen können.

Musste man sich im grossen «Majestoso» sowohl als Hörer wie als Musiker etwas zurechtfinden, zuerst noch etwas altklug hinhören, welchen Weg da die Klangläufe nehmen, merkte man allerspätestens in der Schlusssteigerung mit ihrer grandiosen Klarheit, was da noch alles kommen würde. Die Geste Thielemanns war klar: «Wir haben noch Reserven.»

Im «Adagio» wurden sie auf den feinsten Ebenen ausgereizt. Wie da alles organisch ineinanderfloss, wie noch so heikle Übergänge mit der grössten Natürlichkeit überwunden wurden, war traumhaft schön. Und dann dieses Flirren im «Scherzo», das charaktervoll kräftig klang! Und welcher Dirigent schwebt mit seinem Orchester im Finale so himmlisch leicht und spielt dennoch kernig, kraftvoll mit Nachdruck?

Schon am Montag hatte Thielemann in den «Letzten Liedern» von Richard Strauss gezaubert. Er legte Sopranistin Anja Harteros einen Teppich aus, auf dem das Schweben wundervoll gewesen sein muss, da man als Sängerin vielleicht gar nicht merkt, wie heftig es im Orchesterinnern bebt und stürmt. Harteros jedenfalls erzählte die vier letzten Lieder plus die «Malve» mit einer Innigkeit und stupenden Leichtigkeit, die im KKL noch selten so zu hören war.

Es kam der Donnerstag, das Sinfoniekonzert 29 und das Francisco Symphony mit Dirigent Michael Tilson Thomas. Ein überraschender Abend mit einem Happen Arnold Schönberg, mit verspielter zeitgenössischer Musik von John Adams (*1947) und Beethovens 3. Sinfonie. Alles sass perfekt, alles war ideal ausbalanciert. Aber war da in einem Forte-Ausbruch der revolutionäre Geist des frühen 19. Jahrhunderts zu spüren? Duftete da ein Oboensolo nach Hoffnung auf Freiheit? Kurz: Berührte dieses Spiel?

Es gibt ein Leben nach dem Sommer

Heute spielt noch Wirbelwind Yuja Wang im KKL, ehe die Wiener Philharmoniker ins KKL schreiten. Dann ist Festspielschluss. Aber keine Angst, es gibt ein Leben nach dem Sommer, die städtische Kultursaison beginnt: In Basel am Sonntag, in Zürich und Bern am Mittwoch, in Aarau drei Tage später.