Wettinger Kammerkonzerte

Ebbe und Flut: Packendes Wechselspiel

Die Geigerin Bettina Boller und der Pianist Walter Prossnitz haben die Saison der Wettinger Kammerkonzerte (WKK) im Margeläcker eröffnet.

Elisabeth Feller
Drucken
Teilen
Bettina Boller. HO

Bettina Boller. HO

Beethovens Kreutzer-Sonate packt und polarisiert seit ihrer Uraufführung – man denke nur an Tolstois gleichnamige Erzählung oder an Dürrenmatt, der in seinen «Physikern» den Mord des angeblich verrückten Patienten Einstein mit der Kreutzer-Sonate kreuzte. Das «verrückte» Werk ist jedenfalls wie geschaffen für Bettina Boller, erster Artist in Residence der WKK.

Wie «man» gemeinhin dieses von jähen, stürmischen Ausbrüchen wie innigen Zwiegesprächen lebende Werk spielt, kümmert diese Geigerin nicht. Zu Bollers Stärken gehört gerade das bohrende Hinterfragen von Tradiertem; Wahrhaftigkeit gilt dieser Musikerin alles – und das sehr wohl auch auf Kosten des geniesserisch entfalteten Schönklangs.

Gelingen und Absturz liegen bei einer Risikofreude, wie sie Boller an den Tag legt, nahe beieinander, weshalb diese Musikerin explizit im Konzert gehört werden muss.

Pianist und Zuhörer

Dann scheint die Luft förmlich zu knistern; dann nimmt das Publikum gleichsam teil an einer Wildwasserfahrt – von liebegewordenen, nicht zuletzt durch CDs genährte Hörgewohnheiten müssen sich die Zuhörer verabschieden.

Bereits die langsame Einleitung zeigt, wohin die Geigerin bei ihrem Wettinger Konzert steuert. Der – fast vibratolose – Geigenklang wirkt fahl, ja ausgedünnt; die danach einsetzenden rasanten Impulse stehen derart unter Hochdruck, dass man unwillkürlich den Atem anhält. Das ist gewöhnungsbedürftig, jedoch aufregend, zumal im Dialog mit dem Pianisten. Walter Prossnitz verfolgt zwei Wege. Einerseits nimmt er sich zurück, um den aufgeraut-kratzbürstigen, partiell aber auch fragilen Geigenklang nicht zu konkurrenzieren; andererseits setzt er betont gegenläufige Kontraste, ohne Dominanz zu demonstrieren.

Prossnitz’ Klavierklang ist «rund», vor allem aber eines: substanzreich. Dieser Pianist spielt nicht nur wunderbar, er hört auch wunderbar zu. So ahnt er Bollers Akzentuierungen voraus und reagiert dementsprechend überlegen; sei es, indem er die Impulse der Geigerin vertieft oder ihnen neue Schattierungen hinzufügt. Im Zusammenklang mit Bettina Boller eröffnet sich so eine betont eigenwillige, jedoch nie selbstverliebte Sicht auf Beethovens Werk.

Keine Angst vorm Achttausender

Was eine musikalisch fesselnde, da ihre Spannung aus ganz unterschiedlichen Temperamenten gewinnende Partnerschaft ist, wird mit Wilhelm Furtwänglers erster Violinsonate (1935) erst recht hörbar. Sie erinnert mit ihrer fast 60-minütigen Spieldauer an eine Bruckner Sinfonie. Interpreten würden im Hinblick darauf möglicherweise von einem Achttausender sprechen, den es vorsichtig zu bezwingen gilt. Vorsicht, gar Angst? Nicht bei Bettina Boller und Walter Prossnitz.

Beiden ist die tiefe Vertrautheit mit dem Werk anzuhören. Das Spannungsgefälle und die gewaltigen Verstrebungen, welche die einzelnen Sätze zusammenhalten, spielt das Duo mit bestechendem Sinn für die Weiträumigkeit der Sonate. Beide Interpreten wissen, wo sie sich minutenlang – der hochemotionalen Komposition Rechnung tragend – klangschön verströmen können, ohne sich in der Riesenkomposition zu verlieren. Und so erlaubt die überlegene Disposition der Interpreten dem Publikum ein müheloses Zurechtfinden in einem Werk, das – wie der gesamte Konzertabend – an das packende Wechselspiel zwischen Ebbe und Flut erinnert.