Barbara Hannigan
Diese Frau muss die Klassikgeschichte erst mal verdauen

Als herausragende Sopranistin und gefragte Dirigentin tritt Barbara Hannigan auch mal in Lack und Leder auf. Grenzen und Etiketten überlässt sie anderen

Anna Kardos
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Barbara Hannigan: Die Kanadierin kokettiert gerne auf und hinter der Bühne.

Barbara Hannigan: Die Kanadierin kokettiert gerne auf und hinter der Bühne.

Elmer de Haas

Wo sie auftritt, steht die Welt kopf – zumindest die der Klassik. Barbara Hannigan ist eine dirigierende Sopranistin, singende Dirigentin und im Dienst der Musik schon mal in Lack, Leder und Highheels unterwegs; kurz: Hannigan ist sozusagen die Ausnahme der Ausnahmen.
Zwar kennt die Klassikwelt heute eine Handvoll Dirigentinnen, die international gefragt sind; sie kennt auch Pianisten (wie Leif Ove Andsnes oder Andras Schiff), die konzertierend dirigieren – ja, sie kennt sogar Sänger, die dirigieren, wenn sie nicht singen.

Aber dass eine herausragende Sopranistin zugleich eine international gefragte Dirigentin ist – und dann auch noch beides gleichzeitig tut: dirigieren und singen – das gab es bisher nicht, das muss die rund 400-jährige Klassikgeschichte erst mal verdauen.

Gar nicht schwer tut sich damit die Auslöserin der «Ahs» und «Ohs»: «Ich denke nicht an Grenzen, ich denke an Möglichkeiten», meint Hannigan im Dirigentenzimmer des Tonhalle- Orchesters, als wäre es das Normalste der Welt. Einen Tee mit Honig in der Hand, die langen, blonden Haare offen, blickt die gebürtige Kanadierin aus der Tiefe eines Ledersessels in die Frühlingssonne. Zierlicher wirkt sie als auf der Bühne, und dabei auf ruhige Art bestimmt. Soeben ist ihre erste Probe mit dem Tonhalle-Orchester zu Ende gegangen.

Nun heisst es für Dirigentin und Schlagzeuger nochmals «Extrasitzung» – damit später alles sitzt. Barbara Hannigan erklärt: «Ich fordere sehr viel von jedem einzelnen Musiker. Wenn ich gleichzeitig singe und dirigiere, will ich den Instrumentalisten nur wenige Zeichen geben. Es ist nicht meine Verantwortung, jedem alles zu zeigen.»

«Ich verstehe Neue Musik»

Auf dem Programm mit der Tonhalle stehen «Atmosphères» von Ligeti, Debussys «Nuages», die «Symphony in Three Movements» von Igor Strawinsky und Alban Bergs «Sinfonische Stücke aus der Oper Lulu». «Zeitgenössisch kann man dieses Programm nicht nennen, die Werke sind ja um die 75 Jahre alt», stellt sie fest.

Hannigan ist anderes gewohnt, hat sie sich doch nebst Singen und Dirigieren auch als herausragende Interpretatorin Neuer Musik einen Namen gemacht. «Ich denke, ich verstehe Neue Musik, und ich verstehe auch die heutigen Komponisten zu einem hohen Grad», erklärt Hannigan, und: «Mich Neuer Musik anzunehmen, ist meine persönliche Version von Noblesse oblige». Aber es ist noch mehr: «Ich liebe es, wenn höchste Komplexität und grösste Emotionalität zusammenkommen» – und unversehens macht ihre ruhige Bestimmtheit einer grossen Wärme Platz.

Egal, wer was in ihr sieht

Dieses Wärme, je geradezu ein Glühen zeigt sich auch, wenn sie über Alban Bergs «Lulu», ihre erklärte Lieblingsoper, spricht. Die Architektur dieser Musik sei atemberaubend, die Komplexität überwältigend – doch ohne dass die Klänge auch nur eine Sekunde verkopft wirkten, schwärmt die Musikerin. «Herzzerreissende Leidenschaft» bescheinigt sie dem Liebes-, Lebens- und Todeskarussell, das Komponist Alban Berg mit seiner Musik entworfen hat – und mit dessen Umdrehungen reihum Männer wie Frauen einer einzigen Person verfallen: Lulu. Sie ruht im Auge des immer wilder rotierenden Reigens und singt: «Ich wollte nie der Welt etwas anderes scheinen, als wofür man mich genommen hat.»

Es könnten auch die Worte Barbara Hannigans sein. Die Musikerin singt auch mal im Domina-Outfit, oder in Schulmädchenuniform György Ligetis «Mysteries of the Macabre» und lässt sich backstage im Bademantel ablichten. «Ich tue, was die Musik verlangt» konstatiert Hannigan lakonisch. Darauf angesprochen, dass sie stets mit langen, offenen Haaren auftritt, ist ihre Antwort: «So sind eben meine Haare; jene von Simon Rattle waren viel aufsehenerregender!» Danach gefragt, warum sie Orchester meist mit blossen Armen dirigiere: «Meine Konzertkleider sind eben ärmellos». Die Ausnahmesopranistin-Dirigentin-Neue-Musik-Interpretin-mit-Model-Look kümmert sich nicht ansatzweise darum, wer was in ihr sieht, sehen will oder in sie hineininterpretiert. Und wer weiss, vielleicht hat genau dieser Wesenszug sie zu dem gemacht, was sie heute ist: zu einer der aussergewöhnlichsten Musikerinnen.

Barbara Hannigan und das Tonhalle- Orchester, Fr, 22 Uhr, Sa, 19.30 Uhr, So, 17 Uhr.