Eurovision Song Contest

Die Schweiz ist ausgeschieden: Jetzt sind wir halt Norweger

Der Schweizer Song ist out. Dafür fiebern wir mit der Basler Sängerin Debrah Scarlett, die mit richtigem Namen Joanna Deborah Bussinger heisst. Die 21-Jährige tritt für Norwegen an.

Stefan Künzli
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Debrah Scarlett, die Adele light, und ihr norwegischer Partner Kjetil Mørland sind unsere Favoriten.

Debrah Scarlett, die Adele light, und ihr norwegischer Partner Kjetil Mørland sind unsere Favoriten.

Keystone

Na ja, es hatte nicht sein sollen. Unsere Mélanie René ist beim Eurovision Song Contest schon im Halbfinal ausgeschieden. Aber mal ehrlich, alles andere wäre eine grosse Überraschung gewesen.

Auf welchem Platz die Genferin mit mauritischen Wurzeln abgeschlossen hat, wissen wir noch nicht. Aber aus rein qualitativer Sicht waren von den siebzehn Liedern des zweiten Halbfinals nur gerade drei klar schlechter als der Schweizer Beitrag: San Marino mit einem Lied von Eurovisions-Dino Ralph Siegel (schrecklich, hoffnungslos überforderter Sänger!), Portugal (wo ist der Song?) und Island (knapp daneben ist auch daneben!). Zu wenig, um die ersten zehn Plätze zu erreichen.

Einfach zu wenig gut

Dabei hat es die hübsche Genferin gar nicht so schlecht gemacht. Sie hat sich ordentlich präsentiert und gesungen. Und vielleicht hatte sie das Pech, dass der zweite Halbfinal einiges besser war als der erste. Aber «Time To Shine» hätte den Finaleinzug gar nicht verdient. Da gibt es nichts zu jammern. Diesmal haben weder politische Entscheide noch Ländersympathien das Verdikt verfälscht. Der Schweizer Song war einfach zu wenig gut. Oder anders ausgedrückt. Mindestens zehn Songs waren einfach besser.

Die Schweiz ist schon out und trotzdem noch drin. Dank Joanna Deborah Bussinger, die mit dem Namen Debrah Scarlett für Norwegen singt. Die 21-Jährige mit der wallenden roten Mähne ist in Norwegen geboren, in Basel aufgewachsen, hat hier die Schule für Gestaltung besucht, hat einen Schweizer Pass und eine norwegische Mutter. Diese hat ihre Tochter für die norwegische Castingshow «The Voice – Norges beste stemme» angemeldet, wo sie entdeckt wurde. In Wien ist sie mit dem Duett-Partner Kjetil Mørland und dem Song «A Monster Like Me» angetreten und hat sich souverän für das Finale am Samstag qualifiziert.

Mehr noch: Der norwegische Beitrag ist so gut, dass er sich berechtigte Hoffnungen auf den Sieg ausrechnen darf. Der dramaturgische Aufbau ist gekonnt, der Refrain hymnisch und beide Interpreten können singen. Mørland wechselt virtuos und spielerisch leicht von der Bauch- zur Kopfstimme und die zierliche Debrah ist eine Art Adele in der Fliegengewichtsklasse, die im Timbre an den britischen Superstar erinnert.

Wir Schweizer dürfen also am Samstag im Finale doch mitfiebern und sogar für Norwegen voten. Vorteil Norwegen.

Neben Norwegen hat sich im zweiten Halbfinal auch der Beitrag von Schweden, Måns Zelmerlöw mit «Heroes», in den Kreis der Favoriten gesungen. Dort warten schon die blonde Russin Polina Gagarina mit «A Million Voices» und die serbische Wuchtbrumme Bojana Stamenov mit «Beauty Never Lies» aus dem ersten Halbfinal sowie von gesetzten Ländern die britische Elektro-Swing-Band Electro Velvet mit «Still In Love With You», Titelverteidiger Österreich mit The Makemakes und dem Song «I Am Yours» sowie Gastland Australien mit Guy Sebastian und dem Retro-Soul-Stück «Tonight Again».

Klamauk-Phase beendet

Generell kann festgestellt werden, dass am Eurovision Song Contest nach dem letztjährigen Sieg von Conchita die Phase des Klamauks definitiv abgeschlossen worden ist. Die Kandidaten wollen als ernsthafte Künstler wahrgenommen werden. Eigentlich schade. Denn die schrägen Vögel steigerten immerhin den Unterhaltungswert.

Überhaupt: Der Lieder-Wettbewerb tendiert zur Gleichförmigkeit, die Beiträge nähern sich einander an. Der russische Beitrag etwa könnte genauso gut aus London oder einer anderen westlichen Stadt stammen. Folkloristische Elemente der Herkunftsländer sind fast ganz verschwunden. Im zweiten Halbfinal hatte nur gerade das Lied aus Israel einen orientalischen Touch. Und sonst sangen nur noch die Interpreten aus Montenegro und Portugal in der Landessprache. Beide sind ausgeschieden.
Auch diese Entwicklung ist zu bedauern. Machte doch die Verschiedenheit, die Einheit in der kulturellen Vielfalt, den Reiz des nach Osten erweiterten Concours aus.