Pop
Die letzten Romantiker kommen aus Texas

Keine Band klingt verträumter als Cigarettes After Sex. Mit ihren Elektro-Balladen haben sie Millionen von Klicks auf Youtube und ausverkaufte Konzerte auf der ganzen Welt. Auch in Basel.

Timo Posselt
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cigarettesaftersex

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bz Basel

Wer diesen verträumten Sound schon mal in einer WG-Küche, auf der Playlist einer Freundin oder im Schlafzimmer eines Gspusis gehört hat, kriegt ihn nicht mehr aus dem Ohr: Dabei haben Cigarettes After Sex aus El Paso, Texas, erst eine Handvoll Songs veröffentlicht. Aus der Spannung zwischen tiefenentspanntem Elektropop und atmosphärischem Ambient köcheln die vier jungen Männer um Leadsänger Greg Gonzalez Songs, zu denen man entweder mit leichten Schritten tanzen kann. Oder man kann, wie im Bandnamen angedeutet, sich eine anstecken, um noch einen Moment liegen zu bleiben. Man darf dies durchaus auch als Tipp verstehen: Zu keiner Musik kann man derzeit schöner Liebe machen als zu Cigarettes After Sex.

Nostalgisches Aussteigen

Die Band fand an der Universität Texas in ihrer Heimatstadt El Paso zusammen. Inzwischen hat sie diese für Brooklyn, New York, verlassen. Seit der ersten offiziellen Veröffentlichung «I» von 2012 trägt meist ein schleppender Bass ihre melancholische Balladen, die Gitarren schweben ins Unendliche und Sänger Greg Gonzalez singt mit androgyner Stimme von der letzten Nacht oder dem kommenden Morgen.

Sie schliessen damit an die grossen Träumer der Musikgeschichte an: die britische Shoegaze-Band Slowdive von Anfang der Neunziger oder die ebenso verstrahlten, aber weniger bekannten Post-Punker von Galaxie 500 aus New York City. Sänger Gonzalez selbst nennt jedoch überraschend andere Inspirationsquellen: die französische Sängerin Françoise Hardy, das Cool-Jazz-Album «Kind of Blue» des Trompeters Miles Davis, die schottische Achtzigerjahre-Band Cocteau Twins und den experimentellen Soundkünstler Aphex Twin.

Es ist eine aktuelle Tendenz im Pop aus dem unerschöpflichen Baukasten der Musikgeschichte ein paar meist in Sepia-Bilder gefangene Tracks zusammenzuzimmern und Erfolge zu feiern. So tun das zum Beispiel Lana Del Rey oder Adele. Während Zeitzeugen von damals dann über fehlende Innovationskraft mäkeln, feiern die Spätgeborenen Nostalgie für etwas, das gar nie so passiert ist. Geschweige denn, dass sie es erlebt hätten.

Auch Cigarettes After Sex nehmen dieses Gefühl auf. All diese Gegenwarts-Aussteiger teilen eine gewisse Zurückhaltung im Verhältnis zum Jetzt. Während sich die Welt unaufhaltsam um sich selbst dreht, lehnen wir uns erstmal zurück und träumen mit warmer Melancholie dem gerade Erlebten nach. Schliesslich ist nichts im Leben so schön wie die unwiederbringliche Erinnerung daran, scheinen sie zu suggerieren.

«Songs wie eine Landschaft»

Cigarettes After Sex schippern damit nicht allein auf dem stillen Fluss des Elektropop. Sie steigen ins Boot zu Rhye, Acid Ghost und Beach House. Dennoch stechen sie aus dieser Reihe zeitgenössischer Elektropopper: Denn keiner klingt derzeit so verstrahlt, weltabgewandt und hoffnungslos romantisch. Doch diese liebliche Verträumtheit ist trügerisch: Spätestens auf dem letzten Song «Young & Dumb» des im Juni erscheinenden Albums merkt man, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht in der bedingungslosen Umarmung dieser selbst enden muss.

So können die Abrechnungen mit den Verflossenen, so süss sie auch klingen mögen, manchmal bitter-böse sein. Im Interview mit dem britischen Musikblog Brightons Finest erzählt Sänger Gonzalez, wie er Songs aus einem Zwang heraus schreibt. Er singt darin meist von wirklichen Beziehungen. An Konzerten wirken die Lieder auf ihn dann wie Orte, in die er hinabsteigen kann. «Sie geben dir das Gefühl, als wärst du woanders. Wie in einer Landschaft, als gäbe es in diesen Songs eine Tiefe im Raum.» Man merkt schnell, hier spricht ein heilloser Romantiker. Doch hört man nochmals in die melancholischen Balladen, versteht man, was er meint. Am Montagabend darf man sich in der Kaserne darin verlieren.

Kaserne Basel Cigarettes After Sex (US), Montag, 24. April. 20 Uhr.

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