Pierre Boulez
Die Jahrhundertfigur ist tot

Der 1925 geborene Komponist, Dirigent und Kulturinitiator Pierre Boulez ist am Montag gestorben. Einst, da wollte er alle Opernhäuser in die Luft sprengen.

Von Christian Berzins
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Pierre Boulez: 26. März. 1925 bis 5.Januar 2016. VU/laif

Pierre Boulez: 26. März. 1925 bis 5.Januar 2016. VU/laif

VU/laif

Vor dem Vergessen sind auch Jahrhundertgestalten nicht gefeit. «Wer ist Pierre Boulez?», fragte der wache Redaktionskollege gestern Nachmittag. Er hatte den Franzosen allerdings nicht vergessen, sondern gar nie wahrgenommen. Verständlich, wenn man unter 30 ist?

Wer nur etwas älter ist, ist dem Riesen Boulez irgendwann im Leben begegnet. In welcher Gestalt, das wusste man bisweilen selbst nicht mehr so genau. Und so fragte ich mich durchaus immer wieder: «Wer ist Boulez?»

Untertreibung des Jahrhunderts

1925 wurde Boulez geboren. Mit 19 Jahren klopfte er an die Tür der damaligen Lichtgestalt Olivier Messiaen (1908–1992). Dieser, so Alex Ross in seinem Buch über Neue Musik, schrieb in sein Tagebuch über Boulez die Untertreibung des Jahrhunderts: «Mag mod. Musik.»

Boulez wurde schnell zur Ikone, sowohl in Paris wie in Darmstadt, im Zentrum der Neuen Musik – durchaus auch durch ausgeprägte Rücksichtslosigkeit und die Kunst, Autoritäten zu vernichten. Dazu gehörten erst Sibelius, Strauss und Ravel, bald Schönberg und John Cage.

Doch ein Schönberg musste erst mal «ersetzt» werden! Der Revolutionär Boulez schaffte das. Die Aufmerksamkeit war ihm schnell gewiss – und nicht nur in den schmalen Reihen der Spezialisten. Seine Musik schlug atonal gegen die Tradition, im wahrsten Sinn des Wortes. Doch kluge Interpreten brachten ihre Zwischentöne zum Singen und Leuchten, sodass alle theoretischen Überlegungen, die hinter den Werken standen, sich in klingende Luft auflösten. Der amerikanische Komponist Morton Feldman bezeichnete Boulez’ Musik als «hyperaktiven Chic».

Seine Werke brauchten grosse Interpreten – durchaus ihn selbst. Bei solcher Komplexität war seine unaufgeregte Geste ein Glück.

Trotz allem Ruhm und aller Kraft von damals: Wenn wir – wir sind erneut bei unserer Ausgangsfrage «Wer ist Boulez?» – von heute aus betrachtet fragen, welche Werke denn ein 30-jähriger Zeitgenosse von Boulez kennen müsste, dann ists nicht viel mehr als eine Handvoll: Die Notations für Klavier (1945) und ihre Orchesterbearbeitung (1978), die 2. Klaviersonate (1947), «Le marteau sans Maître» (1952–1955), «Pli selon pli» und «Répons» (1957–1962).

Es sind die frühen Werke, bei allem elektronischen Zauber der späteren Jahre. Irgendwann überarbeite er nur noch das Alte. Dem Legendenstatus tat es erstaunlicherweise keinen Abbruch.

Unheimlich, wie seine Aura leuchten konnte. Etwa im Sommer 2013, als er als Zuhörer eingesunken in einen mittlerweile viel zu grossen Kittel im Konzert von Christian Thielemann im KKL sass. Berührend – und traurig war es, das Vergehen an diesem gebrechlich gewordenen Mann zu beobachten. Als man dem Komponisten bei der Aufführung seiner Werke einen Tag später zujubelte, fehlte dem damals 88-Jährigen die Kraft, auf die Bühne zu kommen.

Dem Lucerne Festival verdankt Pierre Boulez sehr viel. Hier wurde er in den letzten 15 Jahren immer wieder gefeiert – zuletzt beim Boulez-Tag im August 2015. 2002 war er Composer in Residence, alsbald leitete er die Academy, wo sich junge Komponisten und Orchestermusiker intensiv mit der zeitgenössischen Musik und den Klassikern der Moderne auseinandersetzten. Eine solcher war Boulez – ein lebender Klassiker. Bald war der Dirigent allerdings berühmter als der Komponist geworden. Oder ganz einfach beliebter?

Eruptive Nüchternheit

Die Bewunderung fürs Boulez’ Dirigat kam nicht von ungefähr. Boulez’ Nüchternheit in der Gestik wurde von den damals jungen Kritikern als Kühnheit angesehen. Sie war die Antwort auf Taktstock-Balletteusen. Noch heute haben es Emotionsfanatiker wie Christian Thielemann oder Andris Nelsons gegen solcherlei Kritikervorlieben bisweilen schwer. Boulez bewies mit seiner Art des eruptiven Nicht-Dirigierens nicht etwa, dass ein Leonard Bernstein, Riccardo Muti oder Gustavo Dudamel einer publikumswirksamen Show verfallen sind, sondern vielmehr, dass der optische Eindruck eines Dirigenten nichts zu bewegen vermag, wenn dahinter keine Persönlichkeit steht. Boulez bewegte durch Zurückhaltung – und eine ungeheuerliche Partiturkenntnis.

Apropos Bernstein: Dessen Nachfolger war Boulez 1971 als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra geworden. Danach beschäftigte er sich in Paris wieder intensiv mit der Neuen Musik: Man gründete Ensembles und baute Säle für Boulez. Alsbald rissen sich die zehn berühmtesten traditionellen Orchester um ihn, naturgemäss auch die Berliner und Wiener Philharmoniker.

Schlaflos zum Boulez-Frühstück

Unvergessen der Auftritt des Lucerne Festival Orchestra (LFO) im Oktober 2007 in der legendären Carnegie Hall in New York. Keiner wollte das «Orchester der Freunde» anstelle des erkrankten Chefdirigenten Claudio Abbado dirigieren. Der naive US-Dirigent Alan Gilbert war am Vorabend denn auch am LFO gescheitert. Pierre Boulez hingegen triumphierte. Das eigensinnige Festspielorchester lag ihm zu Füssen, spielte traumhaft, im letzten Satz kamen dem Dirigenten die Tränen. Nach einer schlaflosen Nacht sass ich ihm am Morgen danach im «Peninsula» nervös wie der Maturand vor der mündlichen Chemieprüfung gegenüber. Doch Boulez’ Charme war hinreissend, er bat höflich um die Marmelade. Und auf meine Frage, was er dem Orchester als Erstes gesagt habe, antwortete er: «Ich hoffe, dass ich Sie nicht zu sehr störe.»

Das war der streitbare Feuerkopf von einst? Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger erzählte später dem «Tages-Anzeiger», dass es wie beim Papst sei: «Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass Boulez etwas tut, was man nicht tun sollte. Andere Dirigenten lassen sich chauffieren, Boulez kam immer mit dem Bus. Er wohnt in Luzern auch nicht im teuersten Hotel. Und zum Essen geht er ins Bistro im KKL.»

Doch ists nicht so, dass, wer sowieso über einer Sache steht, weiss, dass der Boden der richtige Ort für Menschen ist?

Die Kunst der Inszenierung

Boulez war eben viel mehr als ein Musiker: eine intellektuelle Lichtgestalt, ein Kulturinitiator, der seiner geliebten Musik eine Plattform geben konnte und wollte. Dazu brauchte es die Kunst, sich bescheiden zu inszenieren. Ein «Spiegel»-Interview, in dem er 1967 die Sprengung aller Opernhäuser forderte, wurde legendär – fast gleichzeitig war er aber ein Aushängeschild der Bayreuther Festspiele: 1976 dirigierte er dort bezeichnenderweise den Jahrhundert-«Ring» in der Regie von Patrice Chéreau. Dem Basler Musikmäzen Paul Sacher stand der «Revolutionär» sehr nah, dankte ihm 1976 mit dem Werk «Messagesquisse, sur le nom de Paul Sacher».

Die Überfigur Boulez wurde überhäuft mit Preisen: Auf jeden, der sich neben ihn stellte, fiel etwas von seinem Glanz. Letztes Jahr wurde gar ein Asteroid nach Pierre Boulez benannt. Als solcher sollte er unvergessen bleiben.