Musik
Die drei !!! des Lucerne Festivals

Am Lucerne Festival steht eine Zeitenwende bevor. Die künstlerische Zeit der Exponenten Pierre Boulez und Claudio Abbado geht vorbei, der Vertrag von Intendant Michael Haefliger läuft 2016 aus - danzumal wäre er 17 Jahre in Luzern gewesen.

Christian Berzins
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Stephan Schmidt spielt den Gitarren-Part in der Uraufführung von Chaya Czernowins «White Wind Waiting». Lucerne Festival / Priska Ketterer

Stephan Schmidt spielt den Gitarren-Part in der Uraufführung von Chaya Czernowins «White Wind Waiting». Lucerne Festival / Priska Ketterer

Eingesunken in einen mittlerweile viel zu grossen Kittel, sass Pierre Boulez letzte Woche im Konzert von Christian Thielemann in Reihe 22. Berührend – und traurig. Seit 60 Jahren bewegt er als Komponist und Dirigent die Klassikwelt, seit 10 Jahre die Festival Academy. Aber als man dem legendären Komponisten bei der Aufführung seiner Werke einen Tag später zujubelte, fehlt dem 88-Jährigen die Kraft, auf die Bühne zu kommen.

Am Donnerstag folgte die Nachricht, dass Claudio Abbado auf Anraten seiner Ärzte die prestigeträchtige Japantournee als Dirigent seines Lucerne Festival Orchestra absagen müsse. Verschlüsselter war die zweite Hiobsbotschaft: Lucerne Festival dementierte, dass sich Michael Haefliger für die Intendanz der Salzburger Festspiele beworben habe: «Michael Haefliger wurde von einer Unternehmensberatung in Zürich kontaktiert, es hat daraufhin ein Gespräch gegeben. Am vergangenen Montag hat er dann mitgeteilt, dass er sich nicht für die Intendanz der Salzburger Festspiele bewerben wird.» Der für Luzern so wichtige Zusatz «Michael Haefliger bleibt Lucerne Festival verbunden» fehlte. Sein Vertrag läuft bis 2016.

«Die drei ??? des Lucerne Festivals» hatten wir vor einem Jahr an dieser Stelle getitelt. Nun sind daraus drei Ausrufezeichen geworden: Die Zeitenwende ist da.

Noch aber ist Haefliger zum Glück am Ruder. Schon 2014 übernimmt Simon Rattle (mit Matthias Pintscher) als Boulez-Nachfolger die Führung der Academy. Es ist indirekt wohl Haefligers zweitletzter Coup. Denn nicht nur für Boulez musste unauffällig ein Nachfolger gefunden werden, auch das Festspielorchester soll nicht von einem Jahr aufs andere ohne Dirigent dastehen (es genügt ja schon, dass Abbado das Programm alljährlich durcheinanderbringt). Und wer, wenn nicht die Ausnahmegestalt Rattle, könnte in die dinosauriergleichen Fussstapfen Abbados treten? Ist er 2014 schon mal im LF-Boot, kann er dort von der Aufsicht der Ruderer, der Academy, leicht aufs Steuerdeck gelangen und zum Abbado-Nachfolger werden.

Alles im Fluss? Eigentlich schon, denn auch Haefliger-Nachfolger gibt es genügend – mit Numa Bischof oder Christoph Müller selbst zwei aus der Schweiz. Und der Laden brummt. Lucerne Festival ist die beste Klassikmarke in der Schweiz, sie wird weltweit bewundert. Nirgends mischt sich Event besser mit intellektuellem Anspruch. Für Hinz ist der heutige Wiener-Philharmoniker-Abend nur eine Einladung seiner Bank, für Kunz der sehnlichst erwartete Höhepunkt seines Konzertjahres. Der eine sitzt im Parkett auf einem 320 Franken teuren Platz, wird mit Lachs und Champagner vor und nach dem Konzert umsorgt, der andere hat sich eine Karte für 40 Franken gesichert und trinkt in der Pause aus der mitgebrachten PET-Flasche Tee. Daran stört sich keiner: Die Bank und Hinz ermöglichen auch Galeriebesucher Kunz den Abend.

Ebenso wenig stört kaum einen, dass sich die Luzerner Sinfoniekonzerte in einem engen und traditionellen dramaturgischen Korsett bewegen. Das Publikum ist nun mal unbarmherzig: Wetten, Thielemanns Richard-Wagner-Abend wäre ausverkauft gewesen, wäre nicht auch noch ein Werk des vor einem Jahr verstorbenen Komponisten Hans Werner Henze im Programm gestanden (das dann lediglich elf Minuten dauerte . . .)? Es ist eine Mär, in Luzern laufe selbst die Neue Musik bestens: Beim Academy-Konzert mit Werken von Boulez und Dieter Ammann war das KKL mehr als halb leer.

Machen wir uns nichts vor: Luzern ist ein minimal subventioniertes Festival, das von seinem reichen Publikum und den Sponsoren lebt. Die muss Haefliger bei Laune halten. Das ist bei den als snobistisch geltenden Salzburger Festspielen auch so. Ein Alexander Pereira wirbt um die Sponsoren wie ein Basarbetreiber, Haefliger agiert diskret wie ein Schweizer Bankier. Beide wissen, was Leopold Mozart 1789 seinem Sohn Wolfgang schrieb: «Ich empfehle dir Bey deiner Arbeit nicht einzig und allein für das musikalisch, sondern auch für das ohnmusikalische Publikum zu denken – du weisst es sind 100 ohnwissende gegen 10 wahre Kenner, vergiss also das so genannte populare nicht, das die langen Ohren kitzelt.»

Ob Unwissende oder Kenner: Das KKL-Konzert ist für alle ein Fest, für das man sich Zeit nimmt. Wer vor den Konzerten in der Seebar keinen Tisch reserviert, trinkt im Stehen. Im KKL-Edelrestaurant Red erntet man ein müdes Lächeln, wenn man vier Tage vor dem Konzert der Berliner Philharmoniker einen Tisch reservieren will. Vorbei nun die schöne Zeit? Ab Dienstag hetzen wir wieder aus dem Büro in die Tonhalle oder ins Stadtcasino, müssen kurz vor Konzertbeginn auf ein Buffet schauen, das an eine Kaffeevitrine im Altersheim erinnert. Aber lassen Sie sich nicht täuschen: Im Saal drinnen wird nicht viel schlechter musiziert als zurzeit in Luzern.