Porträt
Der singende Geschichtenerzähler

Einst feierte Tonino Castiglione in der Schweiz als Cantautore Erfolge, ehe er sich auf den Lehrerberuf konzentrierte. Mit seinem Comeback will er auch gegen die Unmenschlichkeit in der Immigrationsfrage ansingen.

Dominique Spirgi
Drucken
Teilen
«Der anwachsende Rassismus macht mir Angst», sagt Tonino Castiglione. Der Cantautore greift wieder zur Gitarre, um dagegen anzusingen.

«Der anwachsende Rassismus macht mir Angst», sagt Tonino Castiglione. Der Cantautore greift wieder zur Gitarre, um dagegen anzusingen.

Kenneth Nars

Seine Markenzeichen sind der Glatzkopf und die Brille mit dem markanten Gestell, sein italienischer Akzent und sein sympathisches Lächeln, mit dem er auf die Leute zugeht – seien es die unzähligen Schülerinnen und Schüler, die er in Geschichte, Italienisch und Musik unterrichtet hat. Oder das Publikum, das seine Konzerte besuchte.

Das mit den Konzerten begann in den 1980er-Jahren. Damals erlangte der heute 63-jährige Tonino Castiglione als Cantautore der ersten Stunde in der Schweiz einen hohen Bekanntheitsgrad. Nicht als Schnulzensänger, der die Italo-Klischees von Amore und Dolce far niente bediente, sondern als politischer Geschichtenerzähler. Seine Lieder umkreisten die Themen Immigration und Fremdsein.

Es sind Problemfelder, die Castiglione, der in Sizilien aufgewachsen war, selber verspürt hat. «Ich kam 1971 in die Schweiz, als Nachzügler, meine Eltern waren schon vor mir nach Basel ausgewandert und arbeiteten in einer Fabrik», sagt er. Er erfuhr die Fremdenfeindlichkeit, die Immigranten aus Italien damals noch entgegenschlug. «Man gab mir zu spüren, dass ich ein unwillkommener Fremder bin in meiner neuen Heimat. Ich wurde als ‹Tschingg› bezeichnet und von meinen Klassenkameraden nicht nach Hause eingeladen», erinnert er sich.

Poetisch-politischer Cantautore

Castiglione, der mit einer Schweizerin verheiratet und italienisch-schweizerischer Doppelbürger ist, ging seinen Weg. Er absolvierte nach der Schule eine Lehre als Elektriker – «ich schloss sie ab, aber arbeitete nie in diesem Beruf».

Anfang der 1980er-Jahre holte er die Matur nach und studierte Geschichte und Italienisch. Er begann auch, als poetisch-politischer Cantautore aufzutreten. Seine erste Schallplatte hiess «Lo stagionale» und behandelte das Schicksal der Saisonniers, die sich als wirtschaftliche Manövriermasse nur dann in der Schweiz aufhalten durften, wenn ihre Arbeitskraft gebraucht wurde.

Castigliones Lieder stiessen in der Schweiz zunehmend auf Anklang, nicht aber in seinem ursprünglichen Heimatland. «In Italien funktionierte mein politisches Engagement nicht, dort fehlte das Bewusstsein für die Migrationsproblematik», sagt er.

«Fehlt es bis heute», wie er anfügt. Aber auch in der Schweiz, musste Castiglione feststellen, hatten viele seiner ursprünglichen Landsleute aus ihren eigenen Immigrations-Erfahrungen wenig gelernt. «Es kann doch nicht sein, dass ehemalige Immigranten aus Italien missmutig auf Menschen runterblicken, die zum Beispiel aus der Türkei in die Schweiz ausgewandert sind», sagt er.

Während seiner Jahre an der Universität erlebte Castiglione die Höhepunkte seiner Karriere als Cantautore. «Mein Studium zog sich dadurch etwas in die Länge, was einige Professoren nicht so gerne sahen, aber ich verdiente Geld und konnte es mir leisten», sagt er.

Einer seiner Professoren aber hatte grossen Gefallen an Castigliones musikalischem Talent und wusste dies auch zu nutzen: Geschichtsprofessor Achatz von Müller. Mitte der 1980er-Jahre produzierte von Müller Geschichtssendungen für den Westdeutschen Rundfunk (WDR). Sein Student Castiglione schrieb und sang Lieder zu Themen wie «Reisewege durch die Renaissance» oder «Der Westfälische Frieden».

Zeit für ein Comeback

Nach Abschluss seines Studiums trat Castiglione nur noch selten auf. «Ich konzentrierte mich auf meinen Beruf als Lehrer, den ich sehr gerne ausübte», betont er. Zuerst arbeitete er als Gymilehrer, später an der Sekundarschule: «Ich wechselte die Schulstufe, um ohne Musikwissenschaftsstudium auch Musik unterrichten zu können.»

Nach 28 Jahren Arbeit als Lehrer liess sich Castiglione vergangenes Jahr frühpensionieren. «Ich hatte genug – nicht von den Schülerinnen und Schülern –, sondern von der Einrichtung Schule und davon, bereits um halb acht morgens im Klassenzimmer zu stehen, wenn es draussen noch dunkel war», sagt er.

Nun hat er Zeit für ein «Comeback», wie er sagt. Vor zwei Jahren hatte er bereits einen Auftritt an einem Benefiz-Konzert für die Opfer des katastrophalen Erdbebens im italienischen Dorf Amatrice. «Der Erfolg von damals gab mir Mut, es jetzt noch einmal richtig zu versuchen», sagt er.

Der Begriff «Mut» taucht auch im Titel seines neuen Programms auf, mit dem er am 1. und 2. Mai im Tabourettli des Theater Fauteuil auftreten wird: «Coraggio e fortuna» heisst es. «Es geht um den Mut, den die Flüchtlinge aus dem Süden aufbringen müssen, um in ein Boot zu steigen, und um das Glück, das sie benötigen, um die Reise zu überleben und ein neues Dasein zu finden», sagt er.

Es ist für Castiglione ein grosses Bedürfnis, gegen die Unmenschlichkeit anzusingen, die den Immigranten entgegenschlägt: «Der anwachsende Rassismus macht mir Angst, es betrübt mich zu sehen, wie man in Italien, aber auch in der Schweiz und in ganz Europa sowie den USA nur noch die Masse an Menschen sieht und den Blick auf den Menschen und sein Schicksal verliert.»

Konzerte: 1. Mai, 19 Uhr und 2. Mai, 20 Uhr. Tabourettli Basel. www.fauteuil.ch

Aktuelle Nachrichten